Therapeutisches Schreiben

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

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Schriftsteller oder Schriftstellerin ist der schönste Beruf der Welt: Wenn mein Haus abbrennt, mich der Partner oder die Partnerin verlässt, oder ich nach einem Autounfall im Krankenhaus liege, kann ich immer noch eine Geschichte darüber schreiben. Schreiben kann helfen. In vielerlei Hinsicht.


Doch ist es nicht zynisch, jemandem, der eine Traumatisierung erlitten hat, zu sagen: Schreib doch einfach? Im Gegenteil: Berühmte Autorinnen und Autoren begannen gerade wegen traumatischer Erlebnisse zu schreiben, und für viele war dies der einzige Weg, um schreckliche Erfahrungen zu verarbeiten. J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ zum Beispiel spiegelt auch die Erfahrungen des Autors im Massenmorden des ersten Weltkriegs.

Die Seele befreien: Therapeutisches Schreiben hilft bei der Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen. Bild: stillkost - fotolia
Die Seele befreien: Therapeutisches Schreiben hilft bei der Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen. (Bild: stillkost/fotolia.com)

„Wie lange ist es her, seit Sie eine Geschichte schrieben, in der Sie ihre wahre Liebe oder unbändigen Hass zu Papier brachten? Wann haben Sie zum letzten Mal gewagt, ein lieb gewonnenes Vorurteil herauszulassen, so dass es wie ein Blitz zu ihrer Seite einschlug? Was ist das Beste oder das Schlimmste in ihrem Leben, und wann sind Sie bereit, es herauszuflüstern oder -zuschreien?“ (Ray Bradbury)

Schreiben hilft, Gefühle auszudrücken, insbesondere unbewusste, verdrängte oder peinliche. Doch die Gefühle lassen sich so nicht nur ausdrücken, sondern auch in eine Form bringen und im nächsten Schritt willentlich gestalten.

In Therapien ist Schreiben deswegen so wichtig, weil sich in psychischen Krisen der Blick verengt: Alle Türen scheinen verschlossen, alles Schöne fällt aus der Wahrnehmung heraus, die Welt zeigt sich Grau in Grau. Schreiben ist oft der erste Weg, aus dem inneren Gefängnis auszubrechen, den Blick wieder zu erweitern und dabei trotzdem den Ängsten und psychischen Verletzungen nicht hilflos ausgeliefert zu sein.

Der Therapeut oder die Therapeutin spielt dabei anfangs die Rolle des behutsamen Wegweisers beziehungsweise der Wegweiserin. Ungelöste Fragen lösen oft eine Schreibblockade aus, psychisch Angeschlagene geraten in Angst, mit Tabus belegte Wörter und Gedanken niederzuschreiben, Menschen in einer Krise fürchten sich vor ihren inneren Bildern, die sie bedrücken; erstarrte Gefühle brechen nur bröckchenweise auf, und ein seelisches Chaos verwirrt den Klienten oder die Klientin beim Schreiben erst einmal.

Zuerst nimmt der Therapeut oder die Therapeutin dem Klienten die Angst vor dem Versagen. Schreiben als Heilung dient nicht dazu, den Nobelpreis zu gewinnen, sondern darum, das Chaos der Psyche zu klären.

Hinweis: Wenn Sie selbst unter psychischen Problemen leiden und das therapeutische Schreiben ausprobieren möchten, besprechen Sie bitte vorab mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer behandelnden Ärztin beziehungsweise Ihrem Therapeuten oder Ihrer Therapeutin, ob dieser therapeutische Ansatz für Sie geeignet ist.

Kreatives Schreiben

Creative Writing stammt ursprünglich aus den USA und ist dort fester Bestandteil an jeder Universität. In Deutschland stieß dieses freie Schreiben zuerst auf Ablehnung, da hier gerade die feste Struktur der literarischen Gattungen das Handwerkszeug des Schriftstellers oder der Schriftstellerin darstellte. Erst im Gefolge der Reformprozesse nach 1968 ging das schöpferische Schreiben in die Pädagogik ein. In den USA waren es professionelle Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die es entwickelten, während es in Deutschland in erster Linie der persönlichen Entfaltung dienen sollte.

Schöpferische Schreibtechniken gibt es aber bereits seit dem Altertum. Dadaismus, Surrealismus und moderne Kunst entdeckten später das Spiel mit der Sprache und den wirklichen oder vermeintlichen Unsinn als Ausdrucksform.

Zum kreativen Schreiben gehören Techniken, die den Gedankenfluss in Gang bringen. Dazu gehört das Schreiben ohne innere Schere, also aufschreiben, was mir einfällt, ohne an das Endprodukt zu denken. Dieser Prozess lässt sich schwer vom so genannten Brainstorming trennen, dem Schreiben in Verbindung mit anderen Tätigkeiten wie Tanzen oder Malen oder Beobachtungen. Ziel ist es, kein festes Ziel zu haben, sondern sich auf das Schreiben einzulassen.

Dieses kreative Schreiben dient unterschiedlichen Zwecken. Der erste und vielleicht wichtigste ist, Spaß zu haben. Das klingt banal, ist aber auch ein Hauptmotiv für professionelle Schriftstellerinnen und Schriftsteller. So sagte Ray Bradbury, der Autor von Slaughterhouse 5, der Spaß am Schreiben sei die Grundlage des Schreibens. Was sich banal anhört, kann für Menschen, die an schweren psychischen Problemen leiden, die Heilung vorantreiben: Sie haben nämlich gerade den Spaß am Leben verloren.

Schöpferisches Schreiben kann sich zu einem wichtigen therapeutischen Prozess entwickeln: Der oder die Betroffene schreibt sich von der Seele, was im Inneren rumort, und geht mit den Problemen fantasievoll um. Niemand bremst: Wut, Trauer, oder Hass schöpferisch umzusetzen tut niemandem weh und setzt Situationen, unter denen man leidet, konstruktiv in Szene. Damit lernt man sich selbst zugleich besser kennen.

Oft sitzen die Betroffenen vor dem, was sie geschrieben haben, und denken: „Wow, das war wirklich ich?“ Erlebnisse und Erfahrungen verarbeiten sie so im Schreiben, denn Sprache zu gestalten ist ein wesentliches Moment des Mensch-Seins.

Regelmäßiges Schreiben holt das eigene Unbewusste in das Bewusstsein. An welche Themen, auf welche Probleme stoße ich, welche Stichworte fallen mir ein? Wer schreibt, ist aktiv und kann zugleich seine Aktivität aus der Distanz betrachten. Der oder die innere Schreibende wird zum beobachtenden Ich.

Therapeutisches Schreiben

Schreiben bei ernsthaften Traumatisierungen und psychischen Erkrankungen sollte immer gemeinsam mit einem geschulten Schreibtherapeuten oder einer geschulten Schreibtherapeutin erlernt und auch danach therapeutisch weiter begleitet werden. Wenn der oder die Schreibende jedoch nicht unter schwerwiegenden Traumatisierungen leidet, ist das in der Regel nicht nötig.

Schreiben kann mich aus einem tiefen schwarzen Loch bringen. Denn, wenn ich denke, es geht nicht weiter, kann ich genau darüber schreiben; und dann geht es weiter, zuerst auf dem Papier und später im Leben. Die Gedanken in diesen schlechten Stimmungen kann ich nur dann festhalten, sie gehören zu meinem Leben, und wenn es mir besser geht, werden sie vielleicht zu einer spannenden Story.

Schöpferisches Schreiben ist wichtig für alle, die professionell mit Sprache arbeiten: Geschäftsbriefe werden dadurch lebendiger, es verbessert die Verständigung mit anderen Menschen. Je häufiger ich kreativ schreibe, desto kreativer werde ich. Schöpferisches Schreiben läuft ohne Wertung. Wenn ich einen Artikel veröffentliche, einen Roman oder das Protokoll der Sitzung der freiwilligen Feuerwehr, strukturiere ich den Text.

Beim kreativen Schreiben geht es darum aber erst einmal nicht. Deshalb brauche ich beim schöpferischen Schreiben auch keine Vorkenntnisse. Das einzige, was zählt, ist die Neugier. Spielerisch lerne ich Aspekte von mir kennen, die tief im Unbewussten vergraben waren. Gerade, wenn ich unzufrieden bin, entstehen positive Imagos davon, wie ich sein könnte, und dadurch, dass ich es aufschreibe, auch immer mehr dazu werde.

Schreiben hilft in der Therapie auch, vermeintlich ausweglose Situationen zu meistern, indem es unkonventionelle Lösungen anbietet. Beim Schreiben entsteht immer etwas eigenes, also etwas ganz anderes, als ich vorher plante. In diesem Prozess verändert sich der oder die Schreibende, meist ohne es selbst anfangs zu merken.

Zuerst einmal, und das gilt insbesondere für psychisch tief verletzte Menschen, kann ich in einer fiktiven Geschichte meinen ganzen Hass, meine Wut und meine Trauer zulassen, und sie uneingeschränkt ausleben, auch und gerade all das, was ich lernte, nicht aussprechen, nicht ausdrücken zu dürfen.

Schreiben in der Therapie

Schreiben ist eine Therapie, um sich auszudrücken. Beim therapeutischen Schreiben bleibt der Text als Produkt, was erstens den Selbstwert der Betroffenen aktiviert und zweitens nächste Schritte der Heilung ermöglicht.

Schreiben fokussiert die Betroffenen. Auch beim kreativen Schreiben sieht man seine Gedanken schwarz auf weiß vor sich, kann also nicht ausweichen. Das Schreiben gibt somit einen Rahmen und eine Struktur und allein dadurch eine Hilfe, wenn im Gefühlsleben Chaos herrscht. Außerdem bieten Texte Schutz: Zwischen den Betroffenen und der Außenwelt, und auch zwischen den Betroffenen und Therapeut oder Therapeutin steht das Papier beziehungsweise der Laptop.

Schreiben allein, unabhängig vom Inhalt, setzt einen zugleich schöpferischen wie strukturierten Prozess in Gang: Ausdruck folgt auf Reflexion des Ausgedrückten, und dieser Prozess lässt sich ebenso immer weiter entwickeln oder von Neuem beginnen. Die inneren Bilder kommen durch die Worte ans Tageslicht. Allein dadurch, dass die Betroffenen ihr Unbewusstes auf Begriffe bringen, erfassen sie es und fangen an, damit zu arbeiten.

Die Schreibenden gehen erstens in ihr Unbewusstes hinein, indem sie sich mit dem Geschriebenen identifizieren, zweites gehen sie aber auch wieder hinaus: Beim Lesen des eigenen Textes sieht man seine inneren Bilder aus der Distanz.

Schreiben und Träumen

Schöpferisches Schreiben und Träumen überschneiden sich, denn beide sind die Sprache des Unbewussten und damit unserer Lebensmuster.

Viele religiöse Kulturen hielten Träume für Offenbarungen jenseitiger Wirklichkeiten, für Zukunftsvoraussagen und Prophezeiungen. Das ist nicht ganz richtig, genausowenig ist es ganz falsch: Traumbilder bezeichnen nämlich keine äußere, naturwissenschaftliche Realität, sondern eine innere, eine subjektive Wirklichkeit. Sie sind Sinnbilder, Symbole, und in diesem Sinne zeigen sie seelische Prozesse und Gefahren auf. Literatur besteht ebenfalls aus solchen Symbolen.

Träume von Todesfällen zum Beispiel kündigen selten einen wirklichen Todesfall an. Das ist zwar auch möglich und immer wieder belegt, normalerweise ist der Tod im Traum aber eine Übertragung: Sei es, dass unsere Gefühle für einen anderen Menschen absterben, sei es, dass wir einen Aspekt unseres Selbst sterben lassen, weil wir ihn vernachlässigten, sei es, dass eine Freundschaft auseinandergeht.

Töten im Traum bedeutet ebenfalls nicht notwendigerweise, dass der oder die Träumende zum Mörder wird, sondern ist Ausdruck für unsere Verärgerung über jemanden. Träume von Selbstmord können zeigen, dass wir unglücklich sind, uns einsam fühlen, uns in unserem Leben in einer Sackgasse befinden, können uns auch ernsthaft warnen.

Unser eigener Tod ist das wichtigste Bild vom Tod, denn er zeigt den Tod eines alten und überholten Selbstbildes und das Bedürfnis, sich zu einem höheren Bewusstseinszustand weiterzuentwickeln. Verbreitet sind insbesondere Träume, in denen jemand seinem eigenen Tod, seiner eigenen Beerdigung zusieht.

Die Richtung, in der eine Entwicklung möglich ist, deutet sich in den Details der Traumbilder an: Eine Hinrichtung kann zum Beispiel zeigen, dass Anderen die eigene Entwicklung nicht gefällt, dass andere Menschen Zwänge ausüben, unter denen jemand leidet. Oder es deutet sich an, welches soziale Umfeld verlassen werden muss. Stirbt ein Träumer zum Beispiel in dem Dorf, aus dem er kommt, während er in einer fernen Stadt studiert, ist die Traumsprache einfach. Das alte Selbst gibt es nicht mehr, und in der neuen Lebensphase stehen andere Aufgaben an – der Mensch ist nicht mehr der Alte, ob er will oder nicht.

Träume von Treffen mit Menschen, die bereits tot sind, deuten nicht auf ein wirkliches Weiterleben der Seelen dieser Verstorbenen, erklären aber den Glauben an ein Leben nach dem Tod mit. Denn im Traum erscheinen diese „Geister“ wirklich. Vielmehr stehen diese Verstorbenen für etwas Wichtiges, sei es, dass es mit der verstorbenen Großmutter offene Fragen gab, sei es, dass wir uns mit einem Verstorbenen in einem Traum symbolisch versöhnen.

Nur wenige Todesträume sind tatsächlich Warnungen vor Gefahren in der Außenwelt. Selbst Mütter, die davon träumen, dass ihre Kinder zum Beispiel in einem See ertrinken oder von einem Auto überfahren werden, haben meist einen psychischen Beweggrund. Sei es die Angst, dass die Mutter ihrem eigenen Elternideal nicht entspricht oder seien es versteckte Spannungen zwischen Mutter und Kind.

Für die Traumdeutung gilt jedoch, dass Traumsymbole immer auch eine individuelle Sprache sprechen und nicht jeder Traum bei jedem Menschen das Gleiche bedeutet.

Träume als Voraussagen

Träume funktionieren ähnlich wie Märchen. Viele Märchen könnten in nahezu unveränderter Form im Traum erscheinen. Die Vorstellung, dass Träume die Zukunft voraussagen, ist uralt. Die Fähigkeit der Seele, die Gesetze der Naturwissenschaft, Zeit und Logik zu überwinden, fördert den Wunsch, diese unerkannten Erkenntnismöglichkeiten zu nutzen.

Die Forschung an so genannten Wahrträumen, also dem Lesen von Gedanken in Träumen, dem Sehen zukünftiger Ereignisse in Träumen, ist in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich vorangekommen. Einigkeit besteht darin, dass Träume in aller Regel auf Hinweisen beruhen, die wir tagsüber im Unbewussten aufgenommen haben und nachts „mit der Weisheit des Herzens“ und ohne die Kontrollinstanz des kritischen Denkens verarbeiten.

Träume bewahrheiten sich in aller Regel nicht direkt, sondern symbolisch: Auf Tausende von Träumen, in denen Freunde sterben oder Menschen bei einem Autounfall ums Leben kommen, kommt einer, in denen dies wirklich wie im Traum passiert. Viel häufiger ist die psychische Wirklichkeit: Ein Traum, in dem der Liebhaber davonfliegt und zwei Wochen später teilt er mit, dass er in eine andere Stadt zieht und die Beziehung beendet, nimmt unbewusste Hinweise auf. Die Frage stand wahrscheinlich schon im Raum, ohne, dass wir das wahrhaben wollten.

Ann Faraday nennt Träume die „Wachhunde der Psyche“, die ständig Ausschau nach Anzeichen halten, die dem Verstand entgehen. Erst die Träume machen uns auf diese verborgenen Gefühle und Probleme aufmerksam. Träume sind immer „wahr“, denn sie spiegeln das Leben, die Probleme, die Gefühle und Lebensfragen der Träumenden. Ob es also paranormale Träume gibt, Träume, die äußere Wirklichkeiten beschreiben, lässt sich erst beurteilen, wenn wir uns mit dieser „Sprache des Herzens“ sehr genau auskennen und diese unterschiedlichen Ebenen trennen können.Dies war in Kulturen, die Träume sowieso als Zeichen der Geister, Götter oder höhere Weissagungen ansahen, nicht der Fall.

Die meisten angeblichen Voraussagen bewegen sich in eben diesem Spannungsfeld: Oft bilden wir uns nämlich im Nachhinein ein, dass wir etwas, das passierte, genauso geträumt hätten und auch „Hellseher“ bezogen ihren Einfluss auf andere oft schlicht aus solchen Behauptungen.

Viele Träume sind von ihrer Aussage auch so weitläufig, dass sie, ähnlich wie Astrologie, auch immer einzutreffen scheinen: Träume ich von einem Schiffsuntergang oder von einem Sturm, ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo auf der Welt gerade zu dieser Zeit ein Schiff untergeht, oder ein Sturm Verwüstungen anrichtet, sehr groß. Und außerdem fallen mir Nachrichten darüber in der Beschäftigung mit meinem Traum auf.

Es ist also eher ein Hinweis, dass Traumbilder unser Verhalten beeinflussen, als dass sie Auskunft über ein unabhängig von uns stattfindendes Ereignis geben. Abhilfe schaffen kann ein Traumtagebuch, in dem die Details und die Zeit des Traumes genau notiert werden.

Das Traumtagebuch

Das Traumtagebuch verbindet Träumen direkt mit Schreiben. Dazu brauchen wir ein Notizbuch und einen Stift. Wir vergessen den größten Teil unserer Trauminhalte binnen weniger Minuten. Um aber zu deuten, was ein Traum für uns bedeutet, sind auch kleine Details wichtig.

Deshalb legen wir das Traumtagebuch direkt an unser Bett: Während wir einschlafen, notieren wir, so lange es uns möglich ist, welche Bilder in unserem Kopf entstehen. Im Moment des Aufwachens greifen wir zum Buch und notieren sofort unsere Träume. Auch wenn wir nachts zwischendurch aufwachen, notieren wir sofort die Traumbilder.

Im Notizbuch legen wir uns Tabellen oder Cluster an, in denen wir notieren, welche Elemente wann in welchen Träumen auftraten, welche Handlungen geschahen und wie diese Versatzstücke miteinander in Beziehung stehen könnten: Was geschah an diesem Tag in der Außenwelt, welche Geschehnisse spiegeln sich im Traum? Freie Fläche lassen wir für Interpretationen: Was kann diese Handlung bedeuten, welche Probleme zeigt der Traum, welche Lösung bietet er an?

Das reale Leben: Wenn wir einen Bezug zum Alltag finden, sollten wir das unbedingt notieren. Was ist analog zum Geschehen im Traum? Welche Unterschiede gibt es zwischen Traum und Wachgeschehen? Der Traum zeigt nämlich häufig genau mit solchen Unterschieden Lösungen für ein Problem, alternative Entscheidungen, die sinnvoll sind, oder er stößt uns darauf, was uns belastet. Wenn wir uns solche Bezüge notiert haben, können wir sie reflektieren und so vielleicht neue Einsichten gewinnen. Diese Bezüge tauchen im Traum indessen oft verschlüsselt auf.

Ein Traumtagebuch ist sinnvoll, weil uns die Bedeutung eines Traumbildes oft erst zeitversetzt auffällt. Tage, ja Wochen nach einem Traum fällt es uns „wie Schuppen von den Augen“. Oft erkennen wir erst Jahre später, welche Traumsymbole in welcher Zeit welche Bedeutung hatten.

Ein Traumtagebuch hilft, wiederkehrende Traumsymbole und somit „unsere Themen“ zu entdecken. Das gilt bei Menschen mit psychischen Problemen insbesondere für Alpträume, in denen Figuren, ob Spinnen, Katzen, Hunde, bestimmte Männer, Clowns oder Insekten auf den Kern der Angst hindeuten; dieser kann zum Beispiel in ungelösten Konflikten liegen. Aber diese Themen zeigen sich ebenso im Positiven: Welche Figuren im Traum beschützen uns? Lassen wir sie in das Bewusstsein kommen, oder vegetieren sie weiter im Schatten?

Der nächste Schritt besteht darin, mit diesen wiederkehrenden Figuren zu arbeiten, indem wir uns beim Einschlafen auf die Geschehnisse der vorangegangenen und der kommenden Träume einstellen, uns diese Bilder in das Bewusstsein rufen und Buch darüber führen, wie die Träume sich verändern.

Mehr noch: Die Träume und damit die Ängste lassen sich beeinflussen. Fürchten wir uns vor einer Figur und identifizieren uns mit einer anderen, dann können wir in unseren Wach- oder Halbschlafgedanken unser Alter Ego zum Helden oder zur Heldin heranreifen lassen, der oder die sich der Herausforderung stellt, oder die Gefahr schrumpfen lassen.

Wir können das Traumtagebuch auch als Basis nutzen, um aus unseren Träumen Geschichten zu entwickeln. So schreiben wir uns von ihnen frei, und im besten Fall entsteht daraus Literatur, die andere Menschen gerne lesen. Aus Träumen fiktive Geschichten zu entwickeln, entlastet Betroffene, deren Träume schwere Probleme bearbeiten, ungemein.

Die Geschichte schafft eine Distanz vom eigenen Erleben und Erleiden und rückt es auf eine allgemeine Ebene. Die fiktiven Figuren entwickeln sich zwar aus einem Aspekt des Selbst, sie sind es aber irgendwann nicht mehr, sondern führen ein Eigenleben. Wenn wir diese „Plots“ unabhängig von unseren psychischen Befindlichkeiten beobachten können, haben wir uns von unseren Ängsten gelöst.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit affektiven Störungen

Schriftstellerinnen und Schriftsteller leiden unter allen Berufsgruppen am häufigsten unter affektiven Störungen: Jack London, Herman Melville, Edgar Allan Poe und Ernest Hemmingway litten an einer Bipolaren Störung, und bei Hemmingway kam vermutlich eine Borderline-Störung dazu. Virginia Woolf, Heinrich Heine, Charles Baudelaire, Sylvia Plath und Friedrich Hölderlin litten unter Depressionen.

Ob zuerst die Henne da war oder das Ei lässt sich bisweilen nicht sagen: Überlasten Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit ihren komplexen Fantasien das Gehirn, und das reagiert darauf mit psychischen Problemen? Oder haben sie die affektiven Störungen vorher und sind deshalb für den Beruf besonders geeignet?

Der Psychiater Felix Post stellte bei einer Studie mit einhundert angloamerikanischen Autorinnen und Autoren fest, dass 80,5 Prozent von ihnen unter Psychosen wie Depressionen litten; jede/r Dritte war Alkoholiker/in. Extreme Stimmungsschwankungen kennzeichneten die Schriftstellerinnen und Schriftsteller ebenso – ob es sich dabei um klinische Bipolarität oder Borderline handelte, bleibt offen. Andere Studien zeigten eine Neigung von Schriftstellerinnen und Schriftstellern für Depression und Schizophrenie.

Die Neigung zu Depressionen könnte daran liegen, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller sich über die Welt und ihre Stellung darin von Berufs wegen viel mehr Gedanken machen als „Normalbürgerinnen“ und „Normalbürger“. Hinzu kommt, dass professionelle Autorinnen und Autoren oft in extrem unsicheren finanziellen Verhältnissen leben: Sie wissen nie, ob ein Roman, an dem sie Jahre schreiben, zum Erfolg wird oder auch nur einen Verlag findet. Sie sind zudem in ihrer Arbeit oft sehr einsam. Außerdem zeigen sie sich in ihren Texten zum Teil sehr offen, weil sie meist viele eigene Erfahrungen verarbeiten. Dieser aufgebrochene Selbstschutz kann ebenfalls zu psychischen Störungen führen.

Menschen mit psychischen „Störungen“ erfuhren durch das Schreiben, dass sie ihr seelisches Überschreiten von Grenzen schöpferisch nutzen konnten, indem sie auch literarisch Grenzen überschritten. Der Unterschied, ob die soziale Umwelt jemanden als „krank“ oder als „genial“ betrachtet, liegt oft daran, ob er seine „verrückten Ideen“ auf Papier bringt.

Das Tagebuch

Eine oft unterschätzte Form des schöpferischen Schreibens ist das Tagebuch. Es gehört nur dem Menschen, der es schreibt. Gedichte, Sachtexte, Gedanken, Fantasien, fertige Geschichten, alles kann darin enthalten sein. Dieses Tagebuch geht über in das Notizbuch. Ob im Bus, im Café oder im Wartezimmer – die beste Inspiration ist die Beobachtung der Menschen um mich herum. Das schärft den Blick und die Sensibilität.

Ein Tagebuch muss nicht nur das nüchterne Festhalten von Details bedeuten. Auch die sind wichtig, aber hier, im privaten Bereich, ist auch Platz für die verrückten Gedanken, die fantastischen Ideen, und die vermeintlich unmöglichen Wünsche, die im Unbewussten wuchern. Jede wesentliche Erkenntnis lässt sich aufschreiben und später nachlesen. Wenn es keinen Sinn ergibt, ist das überhaupt kein Problem.

Schreiben wir regelmäßig Tagebuch, dann ordnen sich diese „Verrücktheiten“ in ein Muster und wir werden uns klarer darüber, was wir wirklich wollen, was wir ändern müssen, und zunehmend entsteht Klarheit darüber, wie wir das umsetzen können.

Es hilft zum Beispiel, sich am Abend jedes Tages die glücklichen oder auch nur interessanten Momente aufzuschreiben. Auch zu notieren, welche kleinen und großen Erfolge wir erreicht haben, bringt unser Unbewusstes auf einen positiven Weg: Wer schlecht über sich denkt, fühlt sich schlecht.

Braintrain

Wenn ich immer das Gleiche tue, und die Umstände sich gleichen, kommt vermutlich auch das Gleiche dabei heraus. Für Menschen, die mit ihrem Leben, so wie es ist, nicht leben wollen oder können, bestätigt diese Erfahrung ihre Frustration. Sie denken „das wird sich niemals ändern“, „das war schon immer so“, „ich habe kein Glück im Leben“, oder „für mich gibt es keinen Platz“.

Unser Unbewusstes stärkt solche negativen Selbstbilder, wenn wir sie erst einmal gespeichert haben, denn es arbeitet langsam. Ob eine Gewohnheit negative oder positive Folgen hat, ist für das Unbewusste gleichgültig, denn die eingeübten Muster funktionieren, sie sind über neuronale Bahnen fest im Gehirn verankert. Schreibtechniken helfen aus diesem Muster der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen und der Hoffnungslosigkeit heraus, indem alte Glaubenssätze und dazugehörige neuronale Bahnen im wahrsten Sinne des Wortes “überschrieben” werden.

Die Schreibblockade

Autorinnen und Autoren kennen die Angst vor dem leeren Blatt, die Schreibblockade. Menschen, die vor einer Prüfung stehen, einen Geschäftsbrief oder eine Rechnung schreiben müssen, sehen sich häufig vor der Tastatur, und es will und will nicht weitergehen. Schöpferisches Schreiben kann solche Blockaden lösen, denn es lässt die Gedanken fließen. Meist ist es nicht der Inhalt eines Sachtextes, der uns verzweifeln lässt, sondern Stagnation. Aus dem Fenster schauen, über die Amsel schreiben, die draußen nach Würmern sucht, die Blumen in der Vase zu beschreiben, kann den Schreibfluss wieder in Gang bringen.

Was tun bei einer Schreibblockade? Bild: contrastwerkstatt - fotolia
Was tun bei einer Schreibblockade? (Bild: contrastwerkstatt/fotolia.com)

Selbstdisziplin

Menschen tun nur das mit Begeisterung, was sie selbst wollen. Auch wer sich nicht entscheidet, entscheidet sich: Für Bequemlichkeit und falsche Sicherheit, die jederzeit zusammenbrechen kann. Das macht Menschen unzufrieden. Wer unter dieser Unzufriedenheit leidet oder sogar unter viel ernsteren psychischen Störungen, weicht einer von innen gesetzten Disziplin meist aus.

Regelmäßig zu einer festgelegten Uhrzeit für eine ganz bestimmte Zeitspanne zu schreiben, fördert die Rückkehr zur Selbstdisziplin. Wer Misserfolg an Misserfolg reiht, sich aufgrund einer psychischen Auffälligkeit als Außenseiterin oder Außenseiter erfährt, dem fällt es häufig schwer, die Selbstdisziplin zu entwickeln, die eine Organisation der eigenen Wünsche und Ziele darstellt. Tief im Inneren ist dieser Mensch überzeugt, dass er diese Ziele niemals erreichen kann. Er wirkt äußerlich lethargisch und passiv, weil ihm der Sinn abhanden gekommen ist, warum er an seinem Leben arbeiten sollte.

Regelmäßiges Schreiben schlägt hier zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens bringt es eine Struktur in einen chaotischen oder ziellosen Alltag und eine angeschlagene Psyche. Zweitens liefert es ein prüfbares Ergebnis. Fortschritte, Stagnation und Rückschritt stellt der betroffene Mensch täglich von Neuem an sich fest und kann mit diesem Material arbeiten.

Die Sensibilität

Kreatives Schreiben stärkt die Wahrnehmung. Wenn ich sonst im Cafè sitze und gelangweilt davon ausgehe, dass nichts passiert, nehme ich durch das Suchen nach Details sorgfältiger auf, wie vielfältig das Leben um mich herum ist. Welche Augenfarbe hat mein Gegenüber, eine kleine Narbe hinter dem Ohr, wo mag die herkommen, warum ist dort ein winziger Fleck auf der Serviette? Wie sieht die Welt aus? Wie fühlt sich das Leben an? Wie fühle ich mich? Wie reagiere ich auf meine Umwelt? Menschen mit psychischen Problemen lernen so, sich zu konzentrieren, ohne zu bewerten. Dadurch fokussieren sie sich im besten Fall nicht mehr so sehr auf ihr Leiden.

Wege aus der Erstarrung

Depressive fühlen sich oft wie erstarrt, nichts scheint sich mehr zu bewegen, weder außerhalb noch innerhalb ihres Körpers. Schreibtechniken können ihnen helfen, aus dieser Starre herauszukommen.

Freies Schreiben bedeutet, ohne nachzudenken auf ein leeres Blatt zu schreiben und den Stift nicht abzusetzen – in einem bestimmten Zeitrahmen. Dieses ziellose Schreiben kann dazu dienen, ein Thema zu finden. Eine geordnete Variante ist das Schreiben zu einem Stichwort, einem Einführungssatz, einem Bild, einem Gegenstand. Das kann so stehenbleiben, die Resultate lassen sich aber auch verbinden und zusammen weiterentwickeln. Zufällig ausgewählte Worte regen Ideen an. Der Zufall ist wichtig, um neue Gedanken sprudeln zu lassen. Aus einem Text, einem Katalog, einer Zeitschrift, einem Lexikon suche ich ein beliebiges Wort heraus.

Provokationen verändern die Gedanken. Feste Erfahrungen brechen auf. Gerade Aussagen, die Fakten, der Wirklichkeit oder dem Vertrauten widersprechen, setzen Ideen frei. Beispiele: Ich kann Luft trinken. Meine Bratwurst isst mich. Ich belle meinen Hund an. Meine Katze spielt Schach.

Mehrere Begriffe wählen, egal welche, vier: Reisen, Blut, Fenster, Hund. Die müssen im Text vorkommen, jetzt los. Eine engere Variante sind ein Substantiv, zum Beispiel Tisch, ein Adjektiv, zum Beispiel schwarz, ein Verb, zum Beispiel Schwimmen.

Eine beliebige Zeitungsüberschrift auswählen. Dazu die Story schreiben. Oder kreativ drauflos schreiben.

Ein Wort, ein Satz, eine Phrase wird in den inneren Kreis gestellt. Darum bilden sich Assoziationen. Die werden wiederum umkreist und durch Linien miteinander verbunden. Allein oder gemeinsam, entweder geheim oder an der Pinnwand. Neue Assoziationsketten beginnen wieder beim Cluster-Kern. Ein so genanntes Versuchsnetz entsteht. Das lässt sich ausdehnen und zielgerichtet in eine Richtung interpretieren. Daraus kann wieder ein Schreibimpuls oder ein Thema entstehen.

Menschen mit psychischen „Störungen“ erfahren durch das Schreiben, dass sie ihr Leiden schöpferisch nutzen können. Im besten Fall können Sie damit anderen helfen, indem sie die Lebensprobleme von vielen auf das Papier bringen, die sich wiederum beim Lesen damit identifizieren können und sich dadurch besser, weil weniger allein und ausgegrenzt, fühlen. So kann therapeutisches Schreiben Klarheit über sich selbst vermitteln, psychisches Leid lindern und anderen Betroffenen Mut machen. (Dr. Utz Anhalt)

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Bradbury, Ray: Zen in der Kunst des Schreibens. Berlin 2003.
  • Brenner, Gerd: Kreatives Schreiben: Ein Leitfaden für die Praxis. Frankfurt am Main 1998.
  • Winnewisser, Sylvia: Einfach die Seele frei schreiben. Wie sich therapeutisches Schreiben auf die Seele auswirkt. Hannover 2010.
  • Dzananovic, Ines: Sich von der Seele schreiben. Evidenzen für Schreiben als therapeutische Intervention bei Menschen mit Depressionen - ein Literaturreview. 2017, ResearchGate

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.