Gefährliche Antibiotika-Gabe in Hähnchenmast

Astrid Goldmayer

Bundesinstitut für Risikobewertung stufte den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung für den Verbraucher als bedenklich ein

11.01.2012

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) reagierte auf die Funde von antibiotikaresistenten Keimen auf Hähnchenfleisch, die bei Stichproben vom BUND entdeckt wurden, nicht überrascht. Bereits 2009 seien ähnliche Funde auch bei Puten-, Kalbs- und Schweinefleisch gemacht worden, erklärte das BfR. Der Einsatz von Humanantibiotika in der Tierproduktion müsse überprüft werden. Landwirtschaftsministerin Aigner stellte dazu gestern ein Maßnamenpaket vor.

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Laut BUND jedes zweite Hähnchen mit gefährlichen Keimen belastet
Bei einer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) durchgeführten Stichprobe wurden in zehn von 20 gestesteten Hähnchenfleischproben ESBL-Keime, in zwei MRSA-Keime und in einer Probe beide Keime nachgewiesen. Beide Arten von Keimen können bei geschwächten, anfälligen Menschen schwere gesundheitliche Schäden hervorrufen und sogar zum Tod führen.

Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des BfR, erläuert: „Der Fund von derartigen resistenten Keimen auf Hähnchenfleisch ist keine neue Erkenntnis.“ Im Jahr 2009 wurden bereits ähnliche Resultate im Rahmen eines Zoonosen-Monitorings vorgelegt. Dabei wurden auf 22,3 Prozent der Hähnchenfleischproben und auf 42,2 Prozent der Putenfleischproben MRSA-Keime nachgewiesen. Bei Schweinefleisch waren 15,8 Prozent und bei Kalbfleisch 12,9 Prozent von den gefährlichen Keimen betroffen.

Laut BfR besteht Risiko für Menschen durch Fleischverzehr zu erkranken
Laut BfR ist eine Infektion von Menschen mit ESBL-bildenden Erregern über die Nahrungsaufnahme möglich. Diese Keime können Antibiotika, wie Penicilline, durch Enzyme zerstören und so deren Wirkung herabsetzen beziehungsweise verhindern. Bisher besteht jedoch noch nicht die Möglichkeit abzuschätzen, wie hoch das reelle Risiko für den Menschen ist, durch den Verzehr von belastetem Fleisch zu erkranken.

Aufgrund der vorliegenden molekularbiologischen Erkenntnisse kann jedoch abgeleitet werden, dass ein Gesundheitsrisiko für den Menschen von ESBL-bildenden Bakterien aus der Tierhaltung ausgeht. Ein großes Problem besteht insbesondere in den resistenzvermittelnden Genen der Bakterien, die auch an andere Bakterienarten weitergegeben werden können und somit andere Bakterien gegenüber Antibiotika resistent machen. Dies führt dazu, dass Krankheiten nicht mehr erfolgreich mit bestimmten Antibiotika behandelt werden können.

BfR begrüßt Maßnamenpaket von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner
Das gestern von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner vorgestellte Maßnamenpaket zur Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierproduktion wird vom BfR begrüßt. Das Institut empfehlt, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu überdenken. Dies gelte im Besonderen für Antibiotika, die in der Humanmedizin eine wichtige Rolle spielen. Grundsätzlich müssten Haltung und Management der Tierbestände deutlich verbessert werden, um die Tiere gesund zu erhalten. Dann wäre eine Behandlung mit Antibiotika unnötig. Auch bei der Schlachtung müsste die Methode laut BfR überdacht werden, um zu verhindern, dass Keime von Tieren auf die Lebensmittel übertragen werden. Als Verzehrempfehlung gibt das BfR an, das Fleisch vorher gut durch zu erhitzen und die Regeln der Küchenhygiene zu beachten.

Landwirtschaftsministerin will Antibiotika-Einsatz beschränken
Gestern stellte Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner einen Maßnahmenplan vor, um den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung auf ein für die Behandlung der Tiere absolut notwendiges Maß zu beschränken. Aufgrund des starken Antibiotika-Einsatzes wurde den Tierzüchter teilweise vorgeworfen, Antibiotika auch zur Wachstumssteigerung einzusetzen. Dies ist in Europa jedoch illegal.

Aigner will mit ihrem Maßnahmenpaket zudem die Kontrollmöglichkeiten der Behörden erweitern. „ Wir brauchen jetzt eine konzertierte Aktion: eine restriktive und auf ein Minimum beschränkte Anwendung von Antibiotika in der Tierhaltung, eine konsequente Überwachung der einschlägigen Regelungen und Anwendung von Antibiotika durch die Länderbehörden sowie, wo erforderlich, eine konsequente Ahndung von Verstößen“, erläuterte die Ministerin gestern in Berlin. Um die Ansteckung der Tiere untereinander zu verhindern, müssten zudem die Haltungsbedingungen verbessert werden.

Aigner setzt auf die Bundesländer, die nun verbesserte Kontrollmöglichkeiten erhalten: „Der Bund sorgt dafür, dass die zuständigen Landesbehörden ihre Überwachungsaufgaben noch effektiver, noch schneller und noch unbürokratischer erfüllen können. Die Länder sind nun gefordert, diese Möglichkeiten auch auszuschöpfen. Das Ziel, den Einsatz von Antibiotika deutlich zu reduzieren, ist nur erreichbar, wenn alle an einem Strang ziehen.“ (ag)