Leistungsdruck kein Auslöser für Depressionen

Sebastian

Keine Zunahme von Depressionen

05.10.2011

Studien der Krankenkassen besagen einen kontinuierlichen Anstieg von psychischen Erkrankungen. Laut einiger Erhebungen wird jeder zehnte Deutsche einmal in seinem Leben an einer Depression erkranken. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe sieht jedoch keinen signifikanten Anstieg der Erkrankungsraten. Vielmehr würden sich heute mehr Menschen zur ihrer Krankheit offen bekennen, Diagnosen werden schneller gestellt und Betroffene schneller therapiert.

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Am zweiten Oktober fand unter der Schirmherrschaft und Moderation des Entertainers Harald Schmidt der „1. Deutsche Patientenkongress Depression“ im Leipziger Gewandhaus statt. Rund 1000 Ärzte, Therapeuten und Betroffene aus dem ganzen Bundesgebiet nahmen an der Veranstaltung teil. Veranstaltet wurde der Kongress von der Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Depressions- Liga. „Depressionen dürfen kein Tabuthema bleiben!“ war die einhellige und abschließende Meinung der Veranstalter, Diskutanten und Teilnehmer. In insgesamt sechs Vorträgen unter anderem mit den Referenten Thomas Müller-Rörich, Eva Straub, Prof. Dr. Ulrich Hegerl, John P. Kummer, Dr. Nico Niedermeier und Prof. Dr. Dr. Helmut Remschmidt wurden Therapiemöglichkeiten und „Wege für eine gesundes Leben“ vorgestellt. Neu war, dass die Behandlungswege nicht nur aus Sicht der Experten, sondern auch aus Sicht der Patienten erörtert wurden. „Erstmals gibt es mit dem Patientenkongress eine Plattform, auf der Fachleute und Patienten zu Wort kommen. Als Betroffenen Organisation freuen wir uns darüber sehr“, sagte Thomas Müller-Rörich Vorsitzender der Depressions-Liga.

Leistungsdruck als Auslöser für Depressionen?
Das Telefon klingelt und der nächste Termin steht bereits an. Den ganzen Tag hat Sabine G. noch nichts gegessen. „Wenn der Tag voller Termine ist, vergesse ich manchmal meine eigenen Grundbedürfnisse. Am Abend bin ich oft so müde und schlafe bereits bei der Tagesschau ein“. Wer an übermäßigen Stress leidet und dabei sich oftmals selbst vergisst, fühlt sich manchmal leer und erschöpft. Viele meinen dann an Depressionen zu erkranken. „Aber Depressionen haben meist nichts mit Leistungsdruck zu tun, denn die Krankheit kann jeden von uns treffen“ erklärt Prof. Dr. Ulrich Hegerl auf dem Patientenkongress. Sich überfordert zu fühlen und unter Belastungen zu leiden, „begleitet jede Depression“. Dass aber nur diejenigen von depressiven Episoden betroffen sind und eine manifestierte Depression erleiden, ist ein Trugschluss wie der Experte erklärte. Einer Depression durch Ausgleich wie einem längeren Urlaub zu entrinnen, sei nach Meinung Hegerl zwecklos. „Denn die Depression reist mit!“ Das bedeutet, dass Leistungsdruck zwar begünstigend wirken kann, aber noch lange kein Auslöser darstellt. Denn auch Menschen, „die im beruflichen Alltag nicht überfordert oder erwerbslos sind, können ebenfalls an einer Depression erkranken“, wie Gritli Bertram, Sozialarbeiterin aus Hannover erklärte. „Depressionen können unabhängig von der beruflichen Situation jeden Menschen treffen“.

Die Fachleute auf dem Patientenkongress sagen, dass etwa fünf Prozent (rund 4 Millionen Menschen) aller Bundesbürger an den typischen Beschwerdebildern wie gedrückte Stimmungen, Antriebslosigkeit, Einschlafstörungen, Schuldgefühlen und Ängsten leiden. Damit gehört das psychische Leiden mittlerweile zu den führenden Volkskrankheiten in Deutschland. „Das kann nicht nur am schlechten Fernsehprogramm liegen“, sagte Harald Schmidt während des Kongresses provokant. Da die Krankheit in der öffentlichen Wahrnehmung im Gegensatz zum häufigen Auftreten beinahe stumm und leise verläuft, verfügen die meisten Patienten trotz der massiven Lebensbeeinträchtigung über keine Lobby. In der Öffentlichkeit sind deshalb die Hintergründe vielmals gänzlich unbekannt. Daher kommt es auch zu den Fehlannahmen, Depressionen treffen nur diejenigen, die unter permanenten Stress leiden.

Depressionen verlaufen in Phasen
„Die klassische Depression verläuft in Phasen, sie schleicht sich ein und klingt oft erst nach mehreren Monaten wieder ab“, erklärte Hegerl. „Wenn mehrere dieser Krankheitszeichen aber 14 Tage anhalten, spricht man von einer behandlungsbedürftigen Depression.“ „Mit wirksamen psychotherapeutischen Verfahren und Medikamenten erzielen wir in der Regel sehr gute Behandlungserfolge“, erklärte Prof. Dr. Ulrich Hegerl. „Voraussetzung dafür ist, dass die Erkrankung richtig diagnostiziert wird.“ In erster Linie werden die Betroffenen mit Antidepressiva und einer intensiven Psychotherapie versorgt. Manchmal werden auch Klinikaufenthalte notwendig. Während der Therapie stehen vor allem die alltäglichen Verhaltensroutinen im Mittelpunkt. Im Verlauf der Therapie wird eine strukturierender Tagesablauf besprochen. Der Tagesverlauf sollte ausgeglichen sein, die Patienten lernen beispielsweise auch mal „Nein“ zu sagen. „Viele Betroffene opfern sich auf und sind immer nur für andere da.“ erläuterte Hegerl, der auch Leiter der Psychiatrischen Abteilung an der Universität Leipzig ist.

Depressionen wurden von anderen Diagnosen versteckt
Noch vor einigen Jahren wurden Depressionen hinter anderen Diagnosen förmlich versteckt. Damals hatte jemand einfach „nur Rückenschmerzen, heute ist es das Burnout Syndrom“. Für den Erfolg der verbesserten therapeutischen Hilfen und den früh einsetzenden Behandlungen spricht auch die heutige Suizid-Rate. Nahmen sich noch vor 30 Jahren rund 18.000 Menschen pro Jahr das Leben, sind es heute 9600. Wobei der Anteil der Männer im Verhältnis zu Frauen noch immer sehr hoch ist. Das sind heute zwar 30 Menschen pro Tag, „aber es ist eine sensationelle Verbesserung“ im Gegensatz zu damals.

Richtige Diagnose und effiziente Therapie
Die wichtigste Voraussetzung für eine Genesung ist die richtige Diagnose, wie Prof. Dr. Ulrich Hegerl erklärte. „Von den depressiv Erkrankten erhalten nur zehn Prozent die optimale Versorgung“ mahnt Privatdozentin Dr. Christine Rummel-Kluge. Noch immer wissen viele Menschen nicht genügend über die Erkrankung. Andere empfinden Angst oder Scham vor Stigmatisierungen. Vielmals existieren auch „diagnostische und therapeutische Defizite in der Versorgung“. Ein erster Schritt, um dies zu ändern war der erste Patientenkongress Depression in Leipzig. Weitere Veranstaltungen dieser Art sollen folgen. (sb)