Mandeln nicht vorschnell operativ entfernen

Fabian Peters

Wann sollten die Mandeln entfernt werden?

23.03.2012

Während die Mandeln (Tonsillen) früher oft bereits bei geringstem Verdacht auf wiederkehrende Beschwerden entfernt wurden, weiß die Medizin heute, dass diese insbesondere bei Kindern eine wesentliche Rolle für die Entwicklung der Immunabwehr spielen. Eine operative Entfernung will daher gut überlegt sein.

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Bei wiederkehrenden eitrigen Entzündungen der Mandeln ist jedoch dringend ein Eingreifen erforderlich, bei dem auch über eine Entfernung der lymphatischen Organe nachgedacht werden sollte. Allerdings sind die Mandeln als erste Abwehrstation gegen eindringenden Bakterien über den Mund- und Rachenraum von besonderer Bedeutung für die Immunabwehr. Fachleute wie Prof. Werner Hosemann von der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten der Universitätsmedizin Greifswald erklären, dass die Gaumenmandeln wie eine Art „Filter“ wirken, der alle schädlichen Stoffe, die „geschluckt oder durch den Mund eingeatmet“ werden, erkennt.

Mandelentfernung verursacht Beeinträchtigungen der Immunabwehr
Eine Entfernung der Gaumenmandeln bringt daher in der Regel auch eine Beeinträchtigung der Immunabwehr mit sich, was insbesondere bei Kindern, deren Abwehrkräfte ohnehin noch nicht voll ausgereift sind, durchaus kritisch zu beurteilen ist. Ein entsprechender Eingriff wäre demnach nur sinnvoll, wenn die Heranwachsenden an häufig wiederkehrenden oder chronischen Mandelentzündungen (Tonsillitis) leiden. Dies ist aufgrund des direkten Nahrungskontakts und der zerklüfteten Oberfläche der Gaumenmandeln nicht selten der Fall, wobei die Mandelentzündungen sich vor allem in Symptomen wie Halsschmerzen und Fieber äußern. Allerdings lassen sich die Beschwerden meist relativ gut behandeln, wobei auch Hausmittel gegen Halsschmerzen einen deutlichen Effet zeigen können. Beispielweise wird bei wiederkehrenden Halsschmerzen durch Mandelentzündungen in der Naturheilkunde die Einnahme eines Tees aus Bibernellwurzel empfohlen, wobei dieser dreimal täglich getrunken werden sollte. Erst wenn die therapeutischen Maßnahmen keinen Erfolg zeigen, ist eine operative Entfernung der Gaumenmandeln in Betracht zu ziehen. Dies haben auch die meisten Mediziner mittlerweile verstanden und sind daher heute weit zurückhaltender bei der Entfernung der Mandeln, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war.

Mandeln als Frühwarnsystem gegen Krankheitserreger
Die Gaumenmandeln stehen ständig in Kontakt mit Bakterien, Pilzen und Viren, wobei die Krankheitskeime nicht nur direkt von den Mandeln bekämpft werden, sondern die lymphatischen Organe auch als eine Art Frühwarnsystem fungieren, dass den Organismus auf das Eindringen der Erreger vorbereitet. Auch merken sich die Mandeln die Keime und „tragen so zur Entwicklung des immunologischen Gedächtnisses bei – und damit auch zum Aufbau der körpereigenen Abwehrkräfte“, betonte der Immunologe Werner Solbach vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Sobald das immunologische Gedächtnis seine Entwicklung abgeschlossen hat – was laut Aussage des Experten im Alter von circa sechs Jahren der Fall ist – bringe die Entfernung der Mandeln keine weiterreichenden Nachteile für die Immunabwehr mehr mit sich. Bei einem ausgereiften Immunsystem sei „die Wächterfunktion der Gaumenmandeln nicht mehr so wichtig“, erklärte auch Winfried Goertzen vom Landesverband Bayern des Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Entfernung der Mandeln bei wiederkehrenden eitrigen Entzündungen
Eine Entfernung der Mandeln ist laut Aussage von Winfried Goertzen ebenfalls zu empfehlen, „wenn die Mandeln so groß sind, dass sie beim Atmen behindern“. Denn ständige Luftknappheit könne einen Sauerstoffmangel bedingen, der seinerseits Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Ohrensausen und eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit zur Folge haben kann. Auch könnten bei häufigen Entzündungen der Mandeln die Erreger über das Blut wandern und Sekundärinfektionen, wie beispielsweise eine Mittelohrentzündung oder eine potenziell lebensbedrohliche Herzklappeninsuffizienz verursachen, erläuterten die Experten. Hier sei ebenfalls dringend zu einer Entfernung der Mandeln zu raten. Ansonsten liefert laut Aussage der Mediziner die Anzahl der Mandelentzündungen pro Jahr einen guten Anhaltspunkt für die möglicherweise notwendige Operation. Als Obergrenze, ab denen eine Entfernung der Mandeln empfohlen wird, gelten bei Kindern vier bis sechs Mandelentzündungen pro Jahr, bei Erwachsenen drei oder mehr schwere Infektionen jährlich. (fp)

Bild: Claudia Hautumm / pixelio.de