Amerikanische Kermesbeere – Scharlachrotes Brechmittel

Die Kermesbeere stammt aus Nordamerika und diente dortigen Indigenen als Heilpflanze gegen Entzündungen und sogar als Mittel gegen Tumore. Zudem ist sie ein wirksames Brechmittel – wegen toxischer Effekte aber nur sehr eingeschränkt zu empfehlen.

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Phytolacca americana
  • Volksnamen: Schminkbeere, Scharlachbeere, Tintenbeere (ink berry), Spanische Brombeere, Virginische Purgaz, Kermazelteln, Kermas, Amerikanischer Nachtschatten, Goldene Jungfrau, Unsengkraut, Petrusstab, Fuchsschwanz, Heidnisch Wundkraut, Zähnwehkraut, Goldblume, Goldwundkraut, Schoßkraut, Braunstängel, St. Peterskraut, Wundkraut
  • Verwendete Pflanzenteile: Beeren, Samen, Blätter, Wurzeln
  • Anwendungen: In der traditionellen Medizin Abführ- und Brechmittel, rheumatische Beschwerden, Gicht, Entzündungen in Mund und Rachen oder auf der Haut durch Pilze und andere Mikroben, Verdauungsbeschwerden sowie Wundheilung.

Inhaltsstoffe

Die Kermesbeere enthält Phytolaccanin, einen scharlachroten Farbstoff, der das Aglykon Phytolaccagenin bildet, Phytolaccoside, Saponinglykoside, Harze, Gerbstoffe, fettes Öl, Enzyme, Lignane, Lectine (Pokeweed-Mitogene); die Wurzel bietet a-Spinasterol, Histamin sowie y-Aminobuttersäure.

Kermesbeere, Beeren und Blätter
Der Name Kermesbeere ist aus dem persischen Wort “qermez” für rot abgeleitet. Für das Scharlachrot sorgt der Farbstoff Phytolaccanin. (Bild: Irina/stock.adobe.com)

Wirkungen

Kermesbeere wirkt gegen Entzündungen, Viren und Pilze, fördert die Immunabwehr und hat schmerzstillende Effekte. Die Wurzel ist ein starkes Brechmittel – wertvoll im Notfall, wenn jemand Gift oder gefährliche Substanzen verschluckt hat, aber wegen toxischer Wirkungen in höheren Dosierungen nicht ungefährlich. Die Blätter sind essbar, durch ihren Gehalt an Saponinen wirken sie in größeren Mengen aber ebenfalls als Brechmittel.

Toxische Wirkung

Die Effekte als Brechmittel und als Verdauungshilfe bei Verstopfung sind zugleich toxische Wirkungen. Die Samen sind giftiger als die Wurzel, die Wurzel ist giftiger als die Blätter, die Blätter sind toxischer als der Stamm, die unreifen Früchte giftiger als die reifen Früchte.

Toxisch wirkt die gesamte Pflanze – bedingt durch die Triterpensaponine. Deren Konzentration ist in Wurzeln und Samen am höchsten. Die verwandte Art Phytolacca acinosa var. esculenta enthält weniger Saponine als Phytolacca americana und lässt sich so besser als Nahrung verwenden.

Die Menge der Saponine schwankt von Pflanze zu Pflanze. Als Faustregel gilt: Bis zu zehn Beeren können Sie als erwachsener Mensch ohne Probleme einnehmen; kleine Kinder sollten den Verzehr unterlassen, da schon eine geringere Menge für sie toxisch wirken kann. Vergiftungserscheinungen sind Übelkeit und Erbrechen (Brechmittel), Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, Durchfall und Krämpfe.

Pokeweed – Indianische Medizin

American Natives setzten die Wurzeln der Kermesbeere gegen

  • Katarrhe,
  • Dyspepsie,
  • Entzündungen in Mund und Rachen,
  • Krätze,
  • Geschwüre
  • und als Brechmittel

ein. Ein Extrakt diente als Mittel gegen Tumore. Die Delaware Indianer nutzten die Pflanze, um das Herz zu stimulieren, indigene Kulturen in Virginia behandelten damit Krebs und Rheumatismus. Stämme der Rocky Mountains behandelten mit Pokeweed Epilepsie, Ängstlichkeit und neurologische Störungen. Die Paiutes fermentierten die Beeren in Wasser und bereiteten daraus einen Narkosetee zu.

Asiatische Kermesbeere, auch indische Kermesbeere
Die verwandte Asiatische (auch Indische) Kermesbeere wurde in der Volksmedizin ebenso eingesetzt, ihr toxisches Potenzial ist niedriger als bei Phytolacca americana. (Bild: Papin_Lab/stock.adobe.com)

Kermesbeere – Volksmedizin, Mythos und Homöopathie

Die Amerikanische Kermesbeere und noch mehr ihre nahen Verwandten wie die Asiatische Kermesbeere wurden (und werden) in der Volksheilkunde vielfach innerlich und äußerlich eingesetzt. So sollten Extrakte aus den Blättern gegen Schmerzen in den Milchdrüsen von Frauen wirken, bei Mandelentzündung und anderen Halsschmerzen helfen sowie bei grippalen Infekten, äußerlich aufgetragen gegen Hautentzündungen, Geschwüre, Ekzeme, rheumatische Schmerzen und gegen Schmerzen der Gicht.

Die Homöopathie nutzt Extrakte aus der Kermesbeere bei Angina, Beschwerden der Atemwege, des Lymphsystems, bei Entzündungen in Mund und Rachen sowie bei Rheuma. Da diese Extrakte extrem verdünnt sind, besteht nicht die Gefahr einer Vergiftung, da sie keine nachweisbaren bioaktiven Stoffe enthalten – allerdings ist ihre medizinische Wirkung bislang nicht belegt.

Kermesbeere in der Frauenheilkunde

In der Frauenheilkunde der Volksmedizin galt Kermesbeere als Mittel gegen Stillprobleme, zum Beispiel gegen einen Milchstau, eine entzündete Brust oder zu wenig Milch. Sie sollte beim Abstillen helfen und ebenso gegen Brustschmerzen beim prämenstruellen Syndrom.

Anwendung

Die Kermesbeere fällt als Gartenpflanze unter die Giftpflanzen, mit denen Kinder nicht in Berührung kommen sollten. Von einer innerlichen Anwendung sollten Sie wegen der Gefahr einer Vergiftung Abstand nehmen.

Gegen Mandelentzündung oder Entzündungen des Rachenraums gibt es geeignetere, wirksame Arzneien, die ungefährlich sind – bei Bakterien als Auslöser Antibiotika, bei viralen Infekten schmerzstillende Medikamente. Äußerlich können Sie Tees, Extrakte etc. aus den Wurzeln und / oder Blättern gegen rheumatische Schmerzen einsetzen und auch gegen Hautentzündungen.

Woher stammt der Name?

Phyton bedeutet griechisch Pflanze und lacca italienisch Lack. Kermes ist aus dem Arabischen übernommen und bedeutet rot. Mehr denn als Heilpflanze oder Gift diente die Kermesbeere in der Vergangenheit dazu, Süßigkeiten und Rotwein einzufärben. Das Scharlachrot leuchtet intensiv. In den USA heißt sie auch „Inkweed“ oder „Inkberry“, also Tintenbeere. Im amerikanischen Bürgerkrieg schrieben Soldaten Briefe mit dem roten Saft der Beeren.

Kermesbeere erkennen

Die Kermesbeere blüht weiß in dichten Trauben von Juli bis August. Die Blätter sind grün und elliptisch, die Pflanze bis zu zwei Meter hoch. Sie wächst in ganz Deutschland als Zierpflanze, in Süddeutschland ist sie vielerorts verwildert und gilt als invasiver Neophyt. Aus den Blüten entwickeln sich die typischen scharlachroten bis purpurschwarzen Beeren.

Kermesbeeren, Blüten
Die Blüten sind zunächst weiß, aus ihnen entwickeln sich anschließend die scharlachroten Beeren. (Bild: MIMOHE/stock.adobe.com)

In Norddeutschland breitet sie sich derzeit noch weniger aus, da Pokeweed einen sonnigen Standort bevorzugt. Sie besiedelt als erfolgreicher Neuankömmling Brachflächen wie Schuttplätze, Bahndämme oder leer stehende Grundstücke. Ihren „Siegeszug“ in Mitteleuropa trat sie an, als Kermesbeeren aus botanischen Gärten verwilderten.

Ein invasiver Neophyt

Forstwissenschaftler raten dringend, die Verbreitung von Phytolacca frühzeitig einzudämmen, falls keine dichten Bestände erwünscht sind. Kermesbeere ist konkurrenzstark, und sie verdrängt andere Pflanzenarten mit ähnlichen Ansprüchen. Sobald die Pflanzen ihre Samen streuen, wird es sehr mühsam und teuer, sie zu entfernen. Um die Verbreitung zu bekämpfen, sollten die Pflanzen mit der gesamten Wurzel vor dem Aussamen entfernt werden.

Die herausgegrabenen Kermesbeeren dürfen nicht auf einem Grünhaufen lagern, sondern sollten verbrannt werden. Sie auf einen Haufen werfen führt zum Gegenteil des Erwünschten: Die Beeren reifen nach und liefern so Samen in Hülle und Fülle, und die in einem Grünhaufen entstehende Wärme wie Feuchtigkeit ermöglicht das Sprießen sekundärer Wurzeln bei Sprossstücken ebenso wie das Austreiben alter Wurzeln.

Um zu verhindern, dass Kermesbeeren und andere invasive Neophyten die Wälder schädigen, achten Sie bitte darauf, keine Grünabfälle aus dem Garten im Wald zu entsorgen. Falls Sie einen bereits dichten Bestand haben und diesen entfernen wollen, sollten Sie langärmlige Kleidung tragen, eine Schutzbrille und Atemmaske aufsetzen. Beim Zerstäuben des Pflanzensaftes kann dieser in die Schleimhäute dringen und so die Augen, Nase und den Rachenraum reizen.

Gewinner der Klimaerhitzung

Die Amerikanische Kermesbeere hat ihr Potenzial als Neophyt noch lange nicht ausgeformt. Sie wird vermutlich in den nächsten Jahren entlang der Flüsse neues Territorium erschließen. Als Sonnenliebhaber gehört sie zu den „Gewinnern“ der Klimaerhitzung und könnte sich weiter nach Norden ausbreiten.

Pokeweed als Heilpflanze – Ausblick

Amerikanische Kermesbeere ist mehr eine Gift- als eine Heilpflanze. Selbstversuche, die Wurzeln, Blätter, Rinde oder Beeren innerlich als Tee anzuwenden, sollten unterbleiben. Eine äußere Anwendung gegen Hautentzündungen ist möglich, sie sollten aber bei unerwünschten Wirkungen wie Rötungen oder Schmerzen sofort den Extrakt abwaschen. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Mardones, V. O.: A Description of Phytolacca americana and the Basis of its Ribosome Inactivating and Mitogenic Constituents, Senior Research Paper, (Abruf 19.02.2020), academia
  • The European Agency for the Evaluation of Medicinal Products, Veterinary Medicines Evaluation Unit: Committee for veterinary medicinal products, Phytolacca Americana, summary report, EMEA/MRL/600/99-FINAL, April 1999, ema
  • He, Yong-Wen et al.: Inhibition of hepatitis B virus relication by pokeweed antivrial protein in vitro. In: World J Gastroenterol. 14 (10): 1592-1597. März 2008, Baishideng
  • Horii, Yasuhiro, Hhirano, Toshio: Pokeweed Mitogen (PWM) in: Encyclopedia of Immunology. 1998, sciencedirect
  • Fatih, M. et al.: Use of a novel colony assay to evaluate the cytotoxicity of an immunotoxin containing pokeweed antiviral protein against blast progenitor cells freshly obtained from patients with common B-lineage acute lymphoblastic leukemia. In: J Exp Med, 163 (2): 347–368, 1986, JEM
  • Neller, Kira C. M. et al.: The Pokeweed Leaf mRNA Transcriptome and Its Regulation by Jasmonic Acid. In: Plant Sci. 2016; 7: 283. Published online 2016 Mar 16, frontiers

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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