Ohrkerzen – Anwendung und Wirkung

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Ohrkerzen oder auch Ohrenkerzen werden sehr kontrovers diskutiert: Die einen sehen sie als reines Entspannungsmittel. Andere behaupten, Ohrkerzen hätten eine reinigende Wirkung, weil man Ohrenschmalz damit entfernen könne. Für wieder andere sind sie eine alternative Heilmethode, die angeblich auch Druck und Schmerzen im Bereich der Ohren und des Kopfes oder sogar Ohrensausen (Tinnitus) lindern kann. Kritikerinnen und Kritiker hingegen warnen vor der Anwendung von Ohrkerzen, weil bei unsachgemäßer Verwendung Verletzungsgefahr besteht. Auch ihre Herkunft ist nicht nachweisbar belegt, sodass es dazu ebenfalls verschiedene Theorien gibt und sich einige Mythen darum ranken.


Doch was hat es mit Ohrkerzen tatsächlich auf sich? Bieten Sie Entspannung, Ohrreinigung, Heilung? Oder stellen sie eine Gefahr für die Gesundheit dar? Im folgenden Artikel möchten wir Sie sachlich über die verschiedenen Ansätze informieren.

Ohrkerzen werden seit rund 30 Jahren in Deutschland eingesetzt. (Bild: Kzenon/fotolia.com)

Wie bei fast allen naturheilkundlichen oder alternativmedizinischen Methoden gilt auch für Ohrkerzen, dass Sie sich vor einer geplanten Anwendung von Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin beraten lassen sollten, ob diese Methode für Sie in Frage kommt oder gesundheitliche Risiken dagegen sprechen.

Was sind Ohrkerzen?

Die meisten Ohrkerzen bestehen aus Baumwolle, die mit Bienenwachs getränkt beziehungsweise bestrichen wird. Zum Teil werden dem Wachs ätherische Öle, Kräuter oder Gewürze zugefügt. Ohrkerzen sind hohl, rund zwanzig Zentimeter lang und haben einen Durchmesser von etwa sechs Millimetern.

Theorien zum Ursprung der Ohrkerzen

Verschiedentlich ist die Theorie zu finden, dass die Ohrkerzen eine lange Tradition bei schamanischen Ritualen der Hopi-Indianer und anderer Naturvölker hätten. Zum Teil wird von einer rund neunhundertjährigen Tradition im asiatischen Raum sowie bei den Ureinwohnerinnen und -einwohnern Nord- und Mittelamerikas berichtet. Diese Aussagen sind bisher jedoch nicht belegt. Angeblich bestanden die Ohrkerzen traditionell aus mit Kräutern versetzten Blättern und wurden bei Zeremonien verwendet. Fakt ist, dass die Ohrkerze Mitte der 1980er Jahre Einzug in Europa hielt und bis heute auch in vielen naturheilkundlichen Praxen in Deutschland eingesetzt wird.

Mögliche Wirkungsweise der Ohrkerzen

Eine Ohrkerze wird vorsichtig leicht drehend senkrecht ins Ohr eingeführt und anschließend angezündet. Dabei entstehen laut Herstellerangaben ein leichter Unterdruck und „biodynamische Vibrationswellen“, die auf das Trommelfell eine massageähnliche Wirkung haben könnten. Außerdem entsteht durch das Abbrennen Wärme und diese strahlt ins Ohr aus, was die Durchblutung fördert.

Laut Herstellerangaben sollen durch die Ohrkerzen auch Energiepunkte und Reflexzonen angeregt werden. Einige Therapeutinnen und Therapeuten vergleichen die Wirkung von Ohrkerzen mit der von Akupunktur, jedoch ohne den Einsatz von Nadeln.

Bei denjenigen Kerzen, die Aromastoffe enthalten, können diese eine entspannende oder anregende Wirkung entfalten. Dies hängt vom jeweiligen Duft ab.

Bei einer Ohrkerzenanwendung sollen sich Wärme und Vibration durch den Gehörgang aufs Trommelfell und die Eustachische Röhre auswirken. (Bild: elvira gerecht/fotolia.com)

Dienen Ohrkerzen der Entspannung?

Die von der Ohrkerze ausgehende Wärme kann einen entspannenden Effekt haben. Zum Teil breitet sich das Gefühl von Wärme und Entspannung vom Ohr auf den gesamten Körper aus. Laut einer Veröffentlichung des Verbandes Unabhängiger Heilpraktiker dienen Ohrkerzen der Entspannung. Der Verband gibt an, dass Anwenderinnen und Anwender sich „leichter, entspannter und schläfriger fühlen sowie ein allgemeines Wohlbefinden erfahren“ (Quellenangabe: siehe Artikelende).

Der Entspannungseffekt könnte auf in den Kerzen enthaltene Duftstoffe zurückzuführen sein; so wird manchen Kerzen beispielsweise ätherisches Lavendelöl beigefügt, das beim Verbrennen seine Duftstoffe freisetzt. Vereinfacht gesagt, gelangen diese über die Nase ins Gehirn und lösen dort Entspannungsimpulse aus. Dieser Vorgang wird im Abschnitt „Haben Ohrkerzen eine heilende Wirkung?“ näher erläutert.

Sind Ohrkerzen zur Entfernung von Ohrenschmalz geeignet?

Hartnäckig hält sich die Behauptung, dass Ohrkerzen ein geeignetes Mittel zur Entfernung von Ohrenschmalz seien. Dies wird damit begründet, dass die Wärmewirkung Ohrenschmalz aufweichen könne. Durch den während der Anwendung entstehenden Unterdruck werde dann das Schmalz aus dem Ohr gezogen. Nachweisbar ist dies jedoch; sowohl die Wärmeentwicklung als auch die Sogwirkung sind normalerweise zu gering, um Ohrenschmalz lösen zu können.

Ohrenschmalz erfüllt wichtige Funktionen im menschlichen Körper: Unter anderem hindert es Fremdkörper, Bakterien oder auch Insekten am Eindringen ins Ohr. Es enthält antibakterielle Stoffe, die Entzündungen abwehren sollen. Außerdem reinigt es das Ohr, indem es Staub, Schmutz und abgestorbene Hautschüppchen bindet, so dass sie über winzige Härchen nach außen befördert werden können.

Normalerweise reinigt sich ein gesundes Ohr von selbst und ein gesunder Organismus produziert nicht zu viel Schmalz. Wie bei allen Abläufen in unserem Körper kann aber leider auch dieser gestört sein; das heißt, dass sowohl eine Produktion von zu viel Ohrenschmalz vorkommt, als auch Probleme bei der Abfuhr desselben bestehen können. Richtig ist ebenfalls, dass die Bildung von übermäßig viel Ohrenschmalz zu Problemen führen kann: Erschwertes Hören, Juckreiz, Ohrenschmerzen, Ohrensausen (Tinnitus) und viele weitere unangenehme Auswirkungen können darauf zurückzuführen sein.

Sollten Sie den Verdacht haben, dass sich in Ihren Ohren zu viel Ohrenschmalz angesammelt hat, suchen Sie zur Abklärung Ihren Hausarzt / Ihre Hausärztin oder einen Hals-Nasen-Ohrenarzt / eine Hals-Nasen-Ohrenärztin auf. Bei Bedarf kann das Ohr dort mit Hilfe eines Saugers vom Schmalzpfropf befreit werden. Dies verursacht in der Regel keine Schmerzen; manche Menschen empfinden den Vorgang lediglich als etwas unangenehm.

Keinesfalls sollten Sie versuchen, das Ohrenschmalz selbst durch Einführen von Gegenständen zu entfernen! Hier besteht ernsthafte Verletzungsgefahr. Auch Wattestäbchen sollten nicht zur Reinigung des Innenohrs verwendet werden. Zum einen können sie den empfindlichen Bereich verletzen, zum anderen können sie dazu beitragen, das Schmalz noch weiter in den Gehörgang zu schieben.

Wattestäbchen sind zur Reinigung der Ohren nicht geeignet. (Bild: Kaesler Media/fotolia.com)

Tipps zur richtigen Reinigung der Ohren finden Sie in unserem Artikel „Ohrenschmalz – Entstehung, Funktion und sichere Entfernung“.

Haben Ohrkerzen eine heilende Wirkung?

Für eine heilende Wirkung der Ohrkerzen existieren keine klinischen Studien. Daher kann man nur Theorien dazu erläutern, wie eine mögliche Heilwirkung dieser Anwendung zustande kommen könnte.

Eine etwaige positive Wirkung auf bestimmte Beschwerden könnte sich beispielsweise darauf gründen, dass das Innenohr durch die vom veränderten Druck und der Wärmeentwicklung ausgelösten Schwingungen leicht massiert, gewärmt und somit besser durchblutet wird. Dies soll einen positiven Effekt auf die Nasennebenhöhlen haben. Auch auf Ohrensausen (Tinnitus) und bestimmte Kopfschmerzen könnte die gesteigerte Durchblutung sich günstig auswirken.

Die von der Ohrkerze ausgelösten Reize (Vibration und Wärme) könnten sich über die Eustachische Röhre (Verbindung zwischen Mittelohr, Nase und Rachen) bis hin zum Rachen ausbreiten und auch hier die Durchblutung anregen. Dort befindet sich lymphatisches Gewebe, wie zum Beispiel die Gaumenmandeln. Auch diese könnten von einer Ohrkerzenbehandlung also theoretisch profitieren.

Fest steht, dass über die Wirkung zugesetzter und bei der Verbrennung freigesetzter Duftstoffe die Ohrkerzenanwendung eine positive Wirkung auf die Psyche erzielen kann. Beim Verbrennen der zugesetzten Kräuter oder ätherischen Öle entsteht duftender Rauch. Der Riechvorgang spricht unser limbisches System im Gehirn direkt an. Duftstoffe lösen dort eine chemische Reaktion aus, was daraufhin unsere Gefühle, unser Gedächtnis und unsere Stimmung beeinflussen kann. Je nach Zusatz wird der Parasympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) stimuliert oder beruhigt, was Einfluss auf unseren Kreislauf, den Blutdruck und die Atemfrequenz hat.

Somit kann die Anwendung von Ohrkerzen beruhigend, aber auch anregend auf Körper und Geist wirken, je nachdem, welche Duftstoffe der Kerze zugesetzt werden. So kann zum Beispiel eine Ohrkerze, die Lavendel enthält, zur Entspannung beitragen.

Die Wirkung von Gerüchen auf Psyche und Körper ist gut erforscht; somit könnten zumindest in diesem Punkt Ohrkerzen heilende Impulse geben. Sollten diese jedoch allein darin bestehen, könnte man denselben positiven Effekt auch über die Aromatherapie erzielen.

Der Duft von Lavendel hat eine entspannende Wirkung. (Bild: Anton Gvozdikov/fotolia.com)

Wie gefährlich sind Ohrkerzen?

Bei unsachgemäßer Verwendung von Ohrkerzen kann es zu Verbrennungen kommen. Falls Wachs ins Ohr tropft, kann schlimmstenfalls das Trommelfell geschädigt werden.

Viele Ohrkerzen enthalten Kräuterzusätze oder ätherische Öle. Dadurch kann es bei manchen Menschen zu allergischen Reaktionen kommen, beispielsweise können Atembeschwerden oder heftige Hautrötungen auftreten.

Insofern ist es richtig, dass die Anwendung von Ohrkerzen gesundheitliche Risiken birgt. Durch einige einfache Vorsichtsmaßnahmen lassen sich die meisten jedoch gut vermeiden. So sollte man am besten die Ohrkerzen nie allein anwenden, sondern eine andere Person die Kerze anzünden lassen, die anschließend deren Abbrennen beaufsichtigt und die Kerze rechtzeitig löscht. Es versteht sich von selbst, dass Ohrkerzen nicht in die Hände von Kindern gehören.

Auch die Auswahl von Kerzen mit einem Sicherheitsfilter oder einer sonstigen Abschirmvorrichtung gegen herunterlaufendes Wachs ist eine wichtige Schutzmaßnahme. Viele Ohrkerzen besitzen heute zudem eine Markierungslinie, die anzeigt, wann die Kerze gelöscht werden muss. Der Verband Unabhängiger Heilpraktiker e.V. empfiehlt außerdem, nur Kerzen mit einer patentierten Sicherheitsspitze und tropfsicherem Wachs zu verwenden. Auch solle man möglichst Ohrkerzen aus Biobaumwolle nutzen, um eine Belastung durch beim Verbrennen freigesetzte Pestizide zu vermeiden.

Ablauf einer Ohrkerzenanwendung

Meist wird eine Ohrkerzenanwendung in der Praxis eines Heilpraktikers oder einer Heilpraktikerin durchgeführt. Der Patient oder die Patientin liegt dabei in Seitenlage und wird, je nach Wunsch, zugedeckt. Die Ohrkerze wird vorsichtig drehend maximal zwei Millimeter tief in den Gehörgang eingeführt. Das umliegende Gebiet wird nun mit einem Tuch abgedeckt, um Haut und Haare vor heißem Wachs zu schützen.

Ohrkerzen sollten nie allein angewendet werden. (Bild: smoksi/fotolia.com)

Anschließend wird die Ohrkerze am oberen Ende angezündet, was den Beginn der eigentlichen Behandlung darstellt. Der Therapeut oder die Therapeutin hält die Ohrkerze während der gesamten Brenndauer fest. Am unteren Ende besitzen die meisten Ohrkerzen eine Markierung. Sobald die Flamme die Markierung erreicht, wird die Kerze in ein Gefäß mit Wasser getaucht, um die Flamme zu löschen. Die Behandlung dauert in der Regel eine Stunde. Für jedes Ohr werden circa zwanzig Minuten benötigt, danach ist noch eine Ruhezeit vorgesehen.

Mögliche Anwendungsbereiche für Ohrkerzen

Wie bereits erwähnt, gibt es bislang keine Wirkungsnachweise für die Anwendung von Ohrkerzen. Eine entspannende Wirkung durch Wärme und den Zusatz beruhigender Duftstoffe ist jedoch wahrscheinlich. Demnach könnten die Ohrkerzen positive Auswirkungen auf viele stressbedingte Probleme wie Schlafstörungen und Nervosität haben. Ob dagegen eine Aromatherapie oder nachweislich wirksame Methoden gegen Stress wie beispielsweise Autogenes Training, Yoga oder Meditation nicht genauso hilfreich oder sogar erfolgversprechender wären, muss man für sich selbst entscheiden.

Weitere Einsatzmöglichkeiten für Ohrkerzen sind laut Angaben einiger Hersteller und Naturheilpraxen Kopfschmerzen und Migräne, Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis), Ohrensausen (Tinnitus), Ohrenschmerzen, Druckgefühl auf den Ohren und Durchblutungsstörungen.

Durch den fehlenden Wirkungsnachweis sollten Sie vor einer Anwendung von Ohrkerzen auf jeden Fall Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin zu Rate ziehen. Sofern nach Rücksprache keine Gründe gegen den Einsatz von Ohrkerzen vorliegen und die Sicherheitsvorkehrungen laut der Herstellerhinweise beachtet werden, spricht nichts dagegen, Ohrkerzen einmal auszuprobieren und zu beobachten, ob sich deren Anwendung auf die individuell vorliegenden Beschwerden positiv auswirkt.

Wann dürfen Ohrkerzen nicht angewendet werden?

Eine Ohrkerzenbehandlung darf niemals bei akuten Ohrenentzündungen und vor allem nicht bei perforiertem Trommelfell durchgeführt werden. Fieber gilt ebenso als Kontraindikation. Hochentzündliche Erkrankungen des Atemtraktes und der Ohren gehören in die Hand eines Facharztes oder einer Fachärztin. Bei allen unklaren Beschwerden sowie bei der Anwendung von Ohrkerzen gegen spezifische Beschwerden ist eine vorherige ärztliche Abklärung notwendig.

Ohrenbeschwerden sollte man ärztlich abklären lassen. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

Abschließender Hinweis

Sollten Sie Ohrkerzen verwenden, achten Sie bitte genau auf die Sicherheitshinweise des jeweiligen Herstellers und befragen Sie vor der Anwendung Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin. (kh, sw)

Quellen und weiterführende Informationen: