Andrew Taylor Still: Der Begründer der Osteopathie

Thorsten Fischer

Andrew Taylor Still

Am Vormittag des 22. Juni 1874 hatte der amerikanische Arzt und Chirurg Andrew Taylor Still nach eigenen Angaben die Eingebung zur Postulierung der Osteopathie. Wer war der Mann, der diese auch in Deutschland beliebter werdende Methode der Osteopathie begründete?

Inhaltsverzeichnis
Andrew Taylor Stills Entwicklung
Auf dem Weg zur Osteopathie
Der Einfluss Herbert Spencers
Die Entwicklung der Osteopathie
Die Begründung der Osteopathie
Still und die Osteopathie
Verbreitung der Osteopathie
Quellhinweise

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Andrew Taylor Stills Entwicklung

Still wurde 1828 als Kind des Methodistenprediger- Ehepaares Abram und Martha Still geboren. Er wurde direkt in die Auseinandersetzungen zwischen Sklavenbefürwortern und –gegnern und die Hochphase der Heroischen Medizin hineingeboren. Still, der wie seine Familie klar zu den Sklavenhaltungsgegnern gehörte, arbeitete im amerikanischen Bürgerkrieg als Chirurg. Dabei durfte er miterleben, wie trotz oder gerade wegen der damaligen aggressiven Behandlungsmethoden oftmals vorschnell amputiert wurde und viele Patienten verstarben. Zu diesen Beobachtungen gesellten sich Todesfälle in Stills Familie: 1855 verloren Still und seine erste Frau Mary Vaughan ihren Sohn George W.. 1859 verstarb vier Tage nach der Geburt ein Baby der Stills und einen Monat später Stills Ehefrau Mary. Still heiratete im November 1860 erneut. Im Rahmen einer Epidemie der zerebrospinalen Meningitis Anfang 1864 verstarben wieder drei Kinder von Still sowie seine zweite Ehefrau Mary Elvira Turner. 1867 erkrankte Stills Vater an einer Lungenentzündung schwer und erlag der Erkrankung.

Anlässlich dieser tragischen Erlebnisse und den dramatischen Beobachtungen während des Krieges bröckelte das Vertrauen A.T. Stills in die Gabe von Medikamenten. Still wurde zum Suchenden: Er begann sich mit Methoden und Konzepten zu beschäftigen, die außerhalb des gewöhnlichen Medizinbetriebes lagen.

Auf dem Weg zur Osteopathie

Weit verbreitet war die Phrenologie als eine Art Medizin und Weltanschauung mit naturalistischen Zügen. Sie trug auch den Namen „Schädellehre“, weil unter anderem anhand von Ausbeulungen des Schädels auf persönliche Eigenschaften geschlossen werden sollte. Ursprünglich in Europa durch den deutschen Arzt und Anatom Franz Joseph Gall (1758- 1828) entstanden, hatte sich diese Methode auch in Amerika durchgesetzt. Dabei war es im Laufe der Zeit zu Einflüssen von einzelnen Lehrern oder anderen Methoden wie dem Mesmerismus gekommen, durch die die ursprüngliche Phrenologie verändert wurde.

Still muss während des Bürgerkrieges oder kurz danach mit dem Mesmerismus und Spiritualismus in Kontakt gekommen sein. Das war nicht besonders schwierig, weil der Spiritualismus recht weit verbreitet war. Viele Menschen waren auf der Suche nach einer lebendigeren Variante von Religion oder Spiritualität. Die erstarrten Rituale der Kirche hatte auch schon der Mitbegründer der Methodisten und für naturheilkundliche Volksmedizin eintretende John Wesley in seinen Schriften angeprangert.

Der Einfluss Herbert Spencers

Hinzu kam Darwin, dessen Evolutionstheorie sich immer weiter verbreitete und damit viele Menschen beeinflusste. In den Vereinigten Staaten war es aber der Soziologe und Philosoph Herbert Spencer (1820- 1903), der mit seinem Buch „First Principles“ auf dem Gebiet der Evolution für Furore sorgte. Spencer stellte die Evolution als Prinzip seiner Ideen in den Vordergrund, das sich auf alle Komponenten des menschlichen Lebens und Zusammenlebens bezog und dafür sorgte, dass stets ein Streben zur Übergeordnetheit besteht. Für viele Menschen vereinte Spencer in seinen Schriften Wissenschaft und Religion. Seine Theorien mutierten für sie deswegen zu einer Art Ersatzglauben.

Auch A.T. Still erwähnt den starken Einfluss, den Spencers Ideen bei der Begründung der Osteopathie auf ihn hatten.
Er schreibt davon, dass ihn „Principles of Philosophy“ wie ein Pfeil durchdrungen und er verstanden hat, dass „Gott Vollkommenheit in allen Dingen und in allen Orten bedeutet.“

Krankheit wurde aus Stills Sicht „ein Wechsel in der Funktion“ und war nicht, wie die damals gängige Sicht, ein Eindringen von fremden Stoffen von außen. Er stand damit in der Tradition des französischen Pathologen Professor François Joseph Victor Broussais (1772–1838). Letzterer war auch von der Phrenologie Galls beeinflusst und hatte die „Physiologische Medizin“ (Broussaismus) mit dem Ursache-Wirkung Prinzip begründet. Wie bei Still bestand auch bei Broussais eine Ablehnung von Medikamenten, jedoch beinhalteten seine favorisierten Behandlungsansätze die Blutegeltherapie (besonders im Organbereich) und Diäten.

Die Entwicklung der Osteopathie

Still bringt in seinen Aufzeichnungen seine Vision in Bezug auf die Entdeckung der Osteopathie in direkten Zusammenhang mit dem Lesen der Schriften Spencers. Er beschreibt sie als eine Art Offenbarung und Befreiung. Still hatte zuvor bereits innerhalb seiner Familie mit Anfeindungen zu kämpfen und die wirtschaftliche Situation war auch nicht rosig.

Still hatte neben den literarischen Studien auch praktische Beobachtungen betrieben. So öffnete er einerseits Indianergräber, um die Leichen auf ihre anatomischen Gegebenheiten zu untersuchen und schriftlich festzuhalten. Zudem soll er immer Knochen in seiner Tasche getragen haben, die er befühlte und zur Untermauerung seiner Thesen Interessierten zeigte. Andererseits begann er, an sich selbst bei einer sogenannten „Flux“- Erkrankung („hohes Fieber, Kopfschmerzen und Durchfall– gemischt mit Blut“) kältere und wärme, sowie flexiblere und festere Bezirke im Körper festzustellen. Er behandelte alle möglichen Erkrankungen recht erfolgreich und bemühte sich durch das Arbeiten mit seinen Händen um einen Ausgleich der Spannungen und Temperaturen. Im Laufe der Zeit sammelte er immer mehr Erfahrungen und beobachtete bei bestimmten Symptomen wiederkehrende „anormale Bedingungen“ (Carol Trowbridge) an jeweils gleichen Stellen bei den Betroffenen. Zum Beispiel fand er bei Keuchhusten, die Muskeln „schmerzhaft und hart, welche die Schlüsselbeine und das Brustbein zurück auf die Nerven des Atemsystems zogen“. Still begann manuelle Techniken zu erlernen und ersetzte die aus dem Magnetismus stammenden Vorstellungen durch anatomische wie dem Fluss der Lymphe oder des Blutes.

Die Begründung der Osteopathie

Stills Behandlungen waren so effektiv, dass sich sein Können schnell herumsprach und Patienten von weit entfernt zu ihm mit den verschiedensten Beschwerden kamen. Nach und nach wollten Patienten diese Art der Behandlung erlernen und Still beschloss 1892 auf das Drängen hin, eine Klasse einzurichten. Zuerst wurde ihm die Zulassung verweigert, da der örtliche Beamte der Meinung war, dass diese Art der Behandlung unweigerlich mit der Person Stills verknüpft war.

Schließlich fand die erste Klasse doch statt und Still konnte nach anfänglichen Unzulänglichkeiten den Unterricht weiter perfektionieren und immer mehr Schüler und Lehrer anwerben und ausbilden. Gegen Ende des Jahres 1892 wurde die American School of Osteopathy (ASO) gegründet. Auch die Praxis Stills war voll ausgelastet. Es hatte schon den Anschein von Pilgerfahrten nach Kirksville, wo Still mittlerweile mit seiner Familie lebte und arbeitete. Schließlich beteiligten sich auch die örtlichen Menschen an der Osteopathie. Sie sorgten dafür, dass ein Krankenhaus zusätzlich zur Schule eingerichtet wurde, in dem schon im Jahre 1895 etwa dreißigtausend Behandlungen vorgenommen wurden.

Still und die Osteopathie

Andrew Taylor Still hatte nach Jahren, in denen er mit seiner Familie umherzog, finanziell nie abgesichert war und sogar innerhalb seiner Familie angefeindet wurde, optimale Bedingungen für sich und seine Ideen geschaffen. Trotz des persönlichen Ruhms und des monetären Erfolges waren die philosophischen Ideen und Prinzipien immer noch das Wichtigste für Still. Die ASO war dabei die erste medizinische Institution in den Vereinigten Staaten, die auch Frauen zuließ. Zudem kümmerte sich Still mehr um sozial bedürftige Patienten, als um wohlhabende Klientel, die exklusiv von ihm behandelt werden wollten.

Still hatte seine Familie zum Teil auch in die Schule integriert, dennoch genoss seine Familie deswegen keinen Sonderstatus. Die Ideale der Osteopathie standen für den „Alten Doktor“, wie er nun im Umfeld von Schule, Praxis und Klinik tituliert wurde, immer an erster Stelle.

Still lehnte es stets ab, dass die Schule nach ihm bezeichnet wurde und beanspruchte für sich auch keinen Ruhm bezüglich der Osteopathie. Er bezeichnete sich stets als den Entdecker der Osteopathie, nicht als den Begründer oder Erfinder. Denn er war der Meinung, dass alle Dinge in der Natur bereits vorhanden waren und er sie nur entdecken musste.

So war es auch schwierig für ihn, reine Techniken z.B. bei Rückenschmerzen zu vermitteln, da er davon ausging, dass nach Kenntnis des Grundprinzips die Behandlung klar sein müsste. In seinem Buch „Forschung und Praxis“ schreibt er dazu: „Dann werde ich mir keine Sorgen machen müssen, dass ich im Detail aufschreiben muss, wie man die Organe des menschlichen Körpers behandelt, weil er („der Osteopath“ Anm. d. A.) zu einem Grad qualifiziert ist zu wissen, was Variationen jeder Art in Form und Bewegung produziert hat. Ich möchte in seinem Verstand den Kompass und das Grubenlicht einrichten, mit deren Hilfe er vom Symptom zur Ursache aller Anormalitäten des Körpers gelangen kann.“

Bis zu seinem Tode 1917 beschäftige sich Still viel mit der Natur um ihn herum und technischen Neuerungen. Noch 1903 besuchte er ein Spiritualistentreffen in Iowa und behandelte dort Asthma, Hüftschmerzen, Schulterbeschwerden und einen Kropf. Nach einem Schlaganfall 1914, konnte er nicht mehr richtig sprechen.

Still war sicher kein ganz einfacher Mensch. Um seinen Prinzipien zu folgen, stieß er andere Menschen, nach Berichten zu urteilen, ohne zu zögern vor den Kopf. Auch im sozialen Kontakt war er teilweise schwierig. Er ordnete scheinbar alles seinem „Dienst“ an der Osteopathie unter. Da sein Denken sehr schnell und komplex war und er stets in seiner eigenen Osteopathiewelt verkehrte, waren seine Worte und Unterhaltungen teilweise für Außenstehende nur schwerlich verständlich und nachvollziehbar.

Verbreitung der Osteopathie

Mit dem steigenden Bekanntheitsgrad der Osteopathie entwickelten sich auch neue Probleme. Die alteingesessenen Mediziner witterten Konkurrenz und ersuchten über ihre gut vernetzten Standesorganisationen ihr Alleinstellungsmerkmal zu sichern. So kam es, dass die Anerkennung der Osteopathie mehr als schleppend voranschritt und somit viele Osteopathen keine Sicherheit in Ausübung ihrer Tätigkeit hatten und täglich damit rechnen konnten, dass ihnen das Praktizieren untersagt werden würde. Dazu gesellten sich innerhalb der Osteopathie andere Ansätze und für Still das Verwaschen der Prinzipien. In derselben Straße, in der sich auch sich die ASO befand, eröffnete der ehemalige Kollege von A.T. Still, Marcus Ward, 1898 eine eigene Schule, mit eigenen Grundsätzen: Die Columbian School of Osteopathy, Medecine and Surgery. Auch die Littlejohn Brüder, allen voran Martin J. zerstritten sich mit Still, da sie sich dem konventionellen Medizinbetrieb annähern und diesen in den Unterricht integrieren wollten. Die Ablehnung Stills führte dazu, dass die Littlejohns 1900 in Chicago das Chicago College of Osteopathy and Surgery eröffneten.

Still erkannte, dass es notwendig wurde, dass er seine Gedanken zur Osteopathie schriftlich niederlegte und schrieb vier Bücher: Eine Autobiographie, „Die Philosophie der Osteopathie“, „Forschung und Praxis“ und „Die Philosophie und die mechanischen Prinzipien der Osteopathie“, die heute als komplette Ausgabe als das „Still- Kompendium“ übersetzt im Jolandos Verlag vorliegen.

Auch auf das Betreiben und die Fürsprache von Samuel Langhorne Clemens (1835-1910), besser bekannt unter seinem Autorenpseudonym Mark Twain, dem Autoren der Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, gewann die Osteopathie in den USA mehr Einfluss und Anerkennung. Aber letztlich wurde sie in der Form, in der A.T. Still sie entwickelte, quasi ihrer Seele beraubt, auch bedingt durch den sogenannten Flexner-Report.

1918, ein Jahr nach dem Tode A.T. Stills, wurde sein Sohn Charlie als Vizepräsident und Direktor der ASO abgewählt. Symbolisch stand dieser Akt für einen neuen Abschnitt in der amerikanischen Osteopathie, der es jedoch an dem Pioniergeist der Still-Ära mangelte. Still hatte ein recht pompöses Begräbnis im Dezember 1917. Es lief unter anderem ein Lieblingssong von Still: „Oh, Happy Day“. Angeblich sollen seine letzten Worte über die Osteopathie „Keep it pure, Boys, keep it pure…“ gewesen sein. (tf)

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„Das große Still- Kompendium“, Andrew Taylor Still; Herausgegeben von Christian Hartmann; Jolandos Verlag
„Andrew Taylor Still 1828- 1917 Eine Biografie über den Entdecker der Osteopathie“ Carol Trowbridge; Jolandos Verlag
„Stills Faszienkonzepte“; Jane Stark; Jolandos- Verlag