Vielflieger mit Flugangst haben oft Todesangst

Astrid Goldmayer

Vielflieger mit Flugangst erleben häufig Todesangst

17.04.2012

Flugangst ist für Betroffene häufig das Ausschlusskriterium für jede Urlaubsreise in den Süden. Die Angst vor einem möglichen Flugzeugabsturz, keine Kontrolle zu haben und sich der Situation im Flugzeug völlig ausgeliefert zu fühlen, kann bei Betroffenen zu einer regelrechten Todesangst führen. Wer jedoch beruflich auf das Flugzeug angewiesen ist, hat häufig keine andere Wahl. Wo und wie Betroffene Hilfe bekommen, um ihre Flugangst zu überwinden, erklären Diplom Psychologen.

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Flugangst durch Anti-Angst-Seminare bewältigen
Carolin Weidner ist leitende Angestellte in einem weltweit agierenden Konzern. Mindestens einmal pro Woche ist sie mit dem Flieger unterwegs. Frankfurt – New York ist ihre Standardroute, manchmal geht es auch nach Asien. Selten dauert ein Flug weniger als sechs Stunden. In dieser Zeit leidet die 31-Jährige Betriebswirtin regelmäßig Höllenqualen, denn wie auch viele andere hat Carolin Weidner Flugangst. Diese äußert sich bei ihr durch ein starkes Unwohlsein, Zittern und Schweißausbrüche. „Um mir vor Kollegen und Vorgesetzten nichts anmerken zu lassen, habe ich regelmäßig Beruhigungsmittel genommen. Ohne die Medikamente hätte ich den Flug nicht schafft“, sagt Weidner. Während ihrer Kindheit sei sie häufig mit der Familie in den Urlaub geflogen. Obwohl sie von klein auf an die Fliegerei gewöhnt war und nie eine gefährliche Situation im Flugzeug erlebt hat, wurden die Symptome mit zunehmendem Alter schlimmer. Bis sie schließlich gar nicht mehr fliegen konnte.

Um ihren beruflichen Werdegang nicht zu gefährden, entschied sich Weidner Anfang des Jahres für ein Seminar zur Flugangstbewältigung – mit Erfolg! „Ich habe verschiedener Entspannungs- und Lockerungstechniken gelernt, die mir helfen, während des Fluges ruhiger zu werden“, berichtet die Vielfliegerin. Es sei zudem sehr hilfreich gewesen, genaue Informationen zur Sicherheit in Flugzeugen zu erhalten und die unbekannten Geräusche einzuordnen.

Es gibt zahlreiche Agenturen, die Seminare zur Flugangstbewältigung anbieten. Dazu gehört beispielsweise die Münchner Agentur „Texter-Millott“, die mit der Lufthansa zusammenarbeitet. „Flugangst Service“, „Skycair“ oder „Flugangst-Coaching“ sind Agenturen, die mit Fluggesellschaften wie Condor, Air Berlin und Germanwings kooperieren. Ähnliche Angebote gibt es in ganz Deutschland. In der Regel finden die Seminare in Gruppen statt und dauern ein- oder zwei Tage. Ein begleitender Kurzstreckenflug kann dazu gebucht werden.

Häufig fürchten sich Betroffene nicht vor dem Fliegen sondern vor der Angst
Zunächst sollten sich Betroffene mit dem Gefühl der Angst auseinandersetzen. „Es ist hilfreich, ein Verständnis für die eigene Angst zu entwickeln, um sie bewältigen zu können“, erklärt Diplom-Psychologin Inga Schlattmann. Häufig ist es nicht das Fliegen an sich, vor dem sich die Betroffenen ängstigen. Vielmehr sind es die Symptome der Angst wie Herzrasen, innere Unruhe, Schweißausbrüche und Schwindel, die als bedrohlich wahrgenommen werden. Manche Menschen erleben eine regelrechte Panikattacke. Deshalb müssen Betroffene lernen, dass die Angst nicht gefährlich ist. "Sie ist unangenehm, jedoch nicht bedrohlich".

Die Seminarleiterin zeigt den Teilnehmern zu Beginn Entspannung- und Lockerungsübungen, die vor und während des Fluges durchgeführt werden können. Dazu gehört auch progressive Muskelrelaxation, bei der der sogenannte "Muskelpanzer" eingesetzt werden. Dabei spannen die Kursteilnehmer kurzzeitig verschiedene Muskelpartien an, um diese anschließend wieder bewusst zu entspannen. Die Entspannungssituation wird dann viel intensiver wahrgenommen.

Hilfreich kann es auch sein, sich etwas Angenehmes vorzustellen, eine Fantasieszene. Diese kann vorab eingeübt und beim Fliegen abgerufen werden, um sich zu entspannen. Zudem können negative Gedanken durch positive ersetzt werden.

Betroffene können Bauweise und Sicherheit des Flugzeugs studieren
Um der Flugangst mit Wissen und Verstand begegnen zu können, raten Experten Betroffenen, die Bauweise und die Sicherheit des Flugzeugs genau zu studieren. Denn es ist hilfreich zu wissen, dass die Tragflächen nicht kurz vor dem Abbrechen sind, weil sie schwingen und sich bewegen. Wer informiert ist, weißt, dass die Tragflächen ausreichend elastisch sind, damit sie eben nicht abbrechen. Es gut zu wissen, warum ein Flugzeug überhaupt fliegen kann, wie es ausgestattet ist und was die Ausbildung eines Piloten beinhaltet. Diese Informationen finden Betroffene im Internet, in Büchern oder bei Seminaren zur Flugangstbewältigung.

Beispielsweise sind alle wichtigen Instrumente zwei- bis dreimal im Flugzeug vorhanden. „Viele Betroffene können die Geräusche beim Fliegen nicht richtig zuordnen. Wird die Maschine nach dem Start auf einmal leiser, denken sie zum Beispiel gleich an einen Triebwerksausfall“, berichtet Dieter Schiebel, Inhaber der Agentur Flugangst Service. „Dies hängt in Wirklichkeit jedoch damit zusammen, dass Fahrwerk und Landeklappen eingefahren werden und das Flugzeug mit einem geringeren Luftwiderstand fliegt.“

Beim Fliegen leiden Betroffene unter verschiedenen Ängsten. Zum einen empfinden sie die Enge im Flugzeug als sehr unangenehm, aber auch die Angst vor der Höhe spielt eine große Rolle. Hinzu kommt der Kontrollverlust. Beim Reisen mit dem Auto oder dem Zug bleibt meist ein Gefühl von Restkontrolle, was beim Fliegen jedoch nicht der Fall ist. Hier fühlen sich Betroffene der Situation völlig ausgeliefert.

Männer mit Flugangst zeigen am häufigsten Symptome wie Zittern und schnelle Atmung, während Frauen ein starkes Unwohlsein empfinden und mit Verkrampfung reagieren. Das ergab eine Umfrage des Portals "Treffpunkt Flugangst" aus dem Jahr 2008. (ag)