Blutegeltherapie

Susanne Waschke

Die Blutegeltherapie gehört zu den Ausleitverfahren. Diese gehen auf die Humoralpathologie zurück, derzufolge der Mensch verschiedene Säfte in sich trägt und dann krank ist, wenn diese Säfte in einem Ungleichgewicht im Körper auftreten. Um diese sogenannte Dyskrasie zu heilen, wurden und werden bestimmte Ausleitverfahren angewandt, mit deren Hilfe die schädlichen Stoffe aus dem Organismus nach außen geleitet werden. Bei der Blutegeltherapie werden Blutegel auf der Haut angesetzt, um verschiedene Krankheiten zu heilen, zu lindern und Schlacken aus dem Körper zu befördern.

Die Blutegeltherapie ist eine sehr alte Therapieform. Schon vor rund 3.000 Jahren, wurde im Orient diese naturheilkundliche Behandlungsmethode angewandt, wie vorliegende Aufzeichnungen der Babylonier belegen. Ausführlichere Beschreibungen entstanden circa 500 Jahre vor Christus im Sanskrit. Ungefähr 200 Jahre vor Christus gab es die ersten Blutegelbehandlungen in Europa, durchgeführt von den Griechen. Im 18. Jahrhundert wurden in Frankreich circa einhundert Behandlungen mit Blutegeln pro Jahr durchgeführt. Zu dieser Zeit wurde diese Methode als Vampirismus bezeichnet. Damals geriet diese Therapie sehr in Verruf, da sie recht willkürlich, ohne die Ausgangslage der Patienten zu berücksichtigen, durchgeführt wurde, noch dazu mit einer zu großen Anzahl an Blutegeln. In den letzten Jahren erlebte die Blutegeltherapie indes eine Wiedergeburt und wird inzwischen immer häufiger in Naturheilpraxen und hin und wieder auch in der Schulmedizin eingesetzt.

Inhaltsübersicht:
Blutegeltherapie
Blutegel
Wirkung der Blutegeltherapie
Blutegel, die verwendet werden dürfen
Durchführung einer Blutegelbehandlung
Wann hilft eine Blutegeltherapie
Kontraindikationen
Wie Blutegel gepflegt werden
Nach der Blutegeltherapie
Nebenwirkungen

Mehr zum Thema:

Blutegel

Blutegel sind zwei bis vier Zentimeter groß. Sie sind Verwandte des Regenwurms und gehören zur Gattung der Gürtelwürmer. Ihr Lebensraum ist Süßwasser. Sie besitzen drei Kiefer, die alle mit großen Zähnen versehen sind. Der Biss eines Blutegels ähnelt einem dreistrahligen Stern. Diese kleinen Wesen werden in speziellen Farmen gezüchtet. Später, in der Praxis angekommen, müssen sie an einem kühlen, abgedunkelten und ruhigen Ort aufbewahrt werden.

Ein Blutegel wird niemals ein zweites Mal benutzt: Da sie das Blut von Patienten aufnehmen, welches Bakterien oder Viren enthalten kann, werden die Tiere nach der Behandlung entsorgt. Dies ist äußerst wichtig, damit keine Krankheiten übertragen werden können.

Medizinischer Blutegel Therapie Hirudo
Schon vor mehr als 2000 Jahren wurden Blutegel zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Bild: Gerhard Seybert/fotolia.com

Wirkung der Blutegeltherapie

Bei der Blutegelbehandlung stehen die Wirkstoffe der Blutegel im Vordergrund. Diese kleinen Tierchen synthetisieren verschiedene Stoffe, die sich positiv auf die Heilung auswirken können. Acht wichtige Substanzen sind in ihrer Wirkung bekannt. Dies sind Stoffe, die gerinnungshemmend, entzündungswidrig, antibiotisch und gewebelockernd sein können.

Durch die Blutegeltherapie wird der Lymphfluss angeregt. Ablagerungen in den Lymphgefäßen werden entfernt, sodass die Lymphe (hellgelbe Körperflüssigkeit) wieder besser fließen kann.Die Anhänger dieser alten Therapieform sprechen auch von einer schmerzstillenden Wirkung, die ihrer Ansicht nach auch einer antisteroidalen Therapie überlegen ist. Zudem besitzen die Blutegel Wirkstoffe, die eine entspannende und krampflösende Wirkung haben können. Schwellungen und Wasseransammlungen lassen sich mit Hilfe der Blutegeltherapie ebenfalls abbauen.
Die Wirkung der Blutegeltherapie ist ähnlich der des Aderlasses, nur dass hier noch die Substanzen der Blutegel eine zusätzliche Wirkung mit sich bringen.

Blutegel, die verwendet werden dürfen

Strenge Auflagen des Arzneimittelgesetzes schreiben vor, dass nur Blutegel aus Zuchtanstalten verwendet werden dürfen, die sich einer ständigen Prüfung unterziehen. Weltweit sind acht Blutegel auf dem Markt, die zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden können, in Europa sind es nur zwei. Die Blutegel verdreifachen nach der Behandlung ihre Größe und können ihre Gewicht verzehnfachen.

Durchführung einer Blutegelbehandlung

Die Haut sollte drei Tage vor der Behandlung an den ausgewählten Stellen weder mit Seife gewaschen noch eingecremt werden. Da die Blutegel äußerst sensibel auf Gerüche reagieren, darf die Haut vorher nur mit Wasser gereinigt werden. Bei Rauchern und Patienten, die bestimmte Medikamente, wie zum Beispiel Betablocker einnehmen, oder sehr gestresst sind, kann es passieren, dass die Blutegel sich nicht so leicht festsaugen. Das Einritzen der Haut kann hier Abhilfe schaffen.

Der Patient sollte bei der Behandlung eine bequeme und angenehme Haltung einnehmen, da die Therapie bis zu zwei Stunden dauern kann. Der Therapeut legt sich vor Beginn nötiges Zubehör bereit. Alles soll in Ruhe geschehen, da die Blutegel äußert stressempfindlich reagieren.

Um die Durchblutung anzuregen, werden Hautareale vor der Behandlung mit einem feuchtwarmen Tuch abgerieben. Bei lokal begrenzten Krankheiten werden die Blutegel auch auf der erkrankten Stelle, zum Beispiel im Bereich eines Gelenkes, angebracht. Handelt es sich um eine systemische Erkrankung, die den ganzen Körper betrifft, wie bei Hypertonie (Bluthochdruck), werden die Egel an Stellen angesetzt, bei denen eine reflektorische Wirkung zu erwarten ist. Niemals wird ein Blutegel direkt auf dem Entzündungsherd oder auf einer Vene angebracht. In diesem Falle wird ein Ort in der Nähe gewählt.

Der Blutegel wird mit Hilfe einer Pinzette aus dem Glas geholt und auf die gewählte Hautstelle platziert. Der Blutegel verströmt beim ersten Biss ein Sekret, das die Poren der Haut öffnet. Dadurch kann er besser in die Haut eindringen. Der Biss ist nicht schmerzhafter als ein kleiner Pieks. Während einer Sitzung werden circa zwei bis zehn Egel gleichzeitig eingesetzt. Im Zuge des Saugvorgangs geben sie ihre Substanzen ab, die blutgerinnend, gefäßerweiternd, antientzündlich und schmerzlindernd wirken können.
Andere Therapieformen, bei denen ebenso Blut entzogen wird, sind zum Beispiel der Aderlass und das blutige Schröpfen. Der Unterschied hierzu ist, dass bei der Blutegeltherapie noch zusätzlich die Wirkstoffe der Egel ins Blut gelangen,die den Heilungsprozess unterstützen können.

Ein Egel verweilt ungefähr zwanzig bis neunzig Minuten am Körper, bis er von selbst abfällt. Niemals sollten die Tiere gewaltsam entfernt werden. Die Menge des entzogenen Blutes beträgt circa zehn bis zwanzig Milliliter pro Blutegel. Deshalb wird diese Therapie auch oft als „Miniaderlass“ bezeichnet.

Ist der Blutegel abgefallen, blutet die Wunde noch etwas nach. Danach wird die Wunde mit saugfähigen Verband locker verschlossen. Dies gehört zur Behandlung und sollte nicht unterbrochen werden, da es die Wirksamkeit der Blutegelbehandlung noch unterstützt. Auch wird durch das Nachbluten die Wunde von eventuellen Keimen befreit. Das Nachbluten kann bis zu vierundzwanzig Stunden dauern. Deshalb wird in manchen Praxen der Patient gebeten, noch ein paar Stunden zu bleiben. Der Verband muss spätestens am nächsten Tag gewechselt werden.

Blutegel dürfen niemals weggerissen werden. Denn dabei könnten Teile des Kiefers in der Wunde verbleiben. Auch besteht die Gefahr, dass sich der Egel erbricht und die Verdauungsrückstände und Verdauungsbakterien in die Wunde abgibt. Salz auf den Egel zu streuen, wie häufig erwähnt, sollte ebenso unterlassen werden.
Muss jedoch die Behandlung aus irgendwelchen Gründen vorzeitig beendet werden, so wird mit Hilfe eines Holzspatel versucht, den Kopf des Blutegels von verschiedenen Seiten aus anzuheben, um diese ganz vorsichtig zu entfernen. Manchmal hilft auch ein in Alkohol getränkter Tupfer, der in die Nähe des Bisses platziert wird.

Ein gebrauchtes Tier darf niemals ein zweites Mal benutzt werden. Die Blutegel sind nach der Behandlung entweder in Spiritus zu legen oder einzufrieren, um deren Tod herbeizuführen. Danach ist eine Entsorgung als „infektionspräventiver Abfall“ im Gewerbeabfall empfohlen. Eine Blutegeltherapie muss meist nur einmal durchgeführt werden. Selten ist eine häufigere Anwendung erforderlich.

Wann hilft eine Blutegeltherapie

Blutegel finden in der Medizin Anwendung in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie. Die dabei häufig entstehenden hartnäckigen Hämatome werden mit Blutegeln behandelt. Auch zur Entstauung der Lymphe nach Mamma-Rekonstruktionen (Wiederherstellung der Brust im Anschluss an eine Operation) werden hin und wieder Egel angesetzt. Die Schulmedizin empfiehlt dabei zur Prävention eine antibiotische Therapie.

Die Blutegeltherapie trägt dazu bei, den Lymphfluss anzuregen, die Durchblutung zu fördern, zu entlasten und entgiften. Sie wirkt antientzündlich bei akuten und auch chronischen Erkrankungen. Bei akuten Entzündung tritt die Wirkung schneller ein als bei chronischen Erkrankungen, ebenso wirkt sie bei lokal begrenztem Einsatz besser als bei Krankheiten, die den ganzen Organismus betreffen.

Eingesetzt werden kann die Blutegeltherapie bei vielen verschiedenen Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Besenreisern, Entzündungen, Gelenkbeschwerden, Furunkel, Karbunkeln, Ohrensausen, akuten Gicht-Anfällen, chronischen Entzündungen der Nasennebenhöhlen (Nasennebenhöhlenentzündung) und des Mittelohrs sowie vielem mehr. Eine gewünschte Entgiftung und Ausleitung wird mit Blutegeln unterstützt. Das Haupteinsatzgebiet sind jedoch venöse Stauungen, Varikosis (Krampfadern) und die Thrombophlebitis (oberflächliche Venenentzündung).

Kontraindikationen

Die Blutegeltherapie ist keine wissenschaftlich erforschte Therapieform. Jedoch beruht sie auf einem Jahrhunderte altem Erfahrungsschatz. Bei Menschen, die sehr schwach sind und /oder unter Anämie leiden sollte dieser Miniaderlass nicht eingesetzt werden. Bei Kindern und Schwangeren ist ebenfalls vom Einsatz der Blutegel abzusehen. Weitere Kontraindikationen sind Blutgerinnungsstörungen, Erkrankungen im arteriellen Gefäßsystem, eine bekannte Allergie gegen das Sekret der Blutegel, Diabetes und Autoimmunkrankheiten.

Hin und wieder führt eine Blutegelbehandlung zu allergischen Reaktionen, jedoch sind diese meist nur von kurzer Dauer. Wichtig ist, dass nur Blutegel verwendet werden, die aus zertifizierten Blutegelzuchtbetrieben oder aus Apotheken stammen.

Wie Blutegel gepflegt werden

Blutegel werden in einem Gefäß mit Schraubdeckel aufbewahrt. Dieses muss mit kalkarmem Wasser gefüllt sein. Damit die Blutegel atmen können, werden die Deckel mit kleinsten Löchern, nicht größer als einem Millimeter Durchmesser, versehen. In diesen Behältnissen können die Egel mehrere Wochen aufbewahrt werden.

Vor der Behandlung werden die Egel mit lauwarmem Wasser abgespült und mit Hilfe einer Pinzette aus dem Glas genommen. Die Hygienevorschriften sehen das Tragen von Einmalhandschuhen vor.

Nach der Blutegeltherapie

In vielen Praxen muss der Patient noch ein paar Stunden nach der Behandlung bleiben. Da nach dem Abfallen der Blutegel eine gewollte Nachblutung einsetzt, wird die Wunde mit einem losen, aber dicken Verband abgedeckt. Die Nachblutungszeit beträgt vier bis vierundzwanzig Stunden. Sie gehört zur Behandlung, ist wichtig für die Heilung und trägt zur Selbstreinigung der Wunde bei. Wichtig ist, dass der Verband regelmäßig gewechselt wird. Die meisten Therapeuten bestellen daher den Patienten für den nächsten Tag zum Verbandswechsel.

Am Tag der Blutegeltherapie sollte sich der Patient ausruhen und vor allem auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Eventuell entsteht nach der Behandlung ein Juckreiz. Leider darf nicht gekratzt werden, da sich sonst die Wunde infizieren könnte. Eine Injektion mit einprozentigem Lidocain kann hier Abhilfe schaffen.

Nebenwirkungen

Häufig beginnt die Behandlung mit einem brennenden Schmerz. Dieser hält aber nur etwa fünf Minuten an. Die Ränder der Bissstelle können sich verfärben, was bis zu zwei Wochen erkennbar bleibt. Häufig tritt Juckreiz in den ersten drei Tagen nach der Blutegeltherapie auf. Weitere Nebenwirkungen sind Hämatome an der Bissstelle, Kreislaufprobleme und Lymphknotenschwellungen. Auch eine Narbenbildung ist möglich. Nebenwirkungen, die gelegentlich oder selten auftreten, sind verlängerte Nachblutungen, eine verzögerte Wundheilung, Blutdruckabfall, allergische Reaktionen, starke lokale Entzündungen und Infektionen. Blutegeltherapien sollten daher nur von erfahrenen, ausgebildeten Therapeuten durchgeführt werden. Im Rahmen der Therapie ist besonders auf die Einhaltung der hygienischen Vorschriften zu achten. (sw)