Phrenologie

Die Phrenologie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelt und wird auch „Schädellehre“ oder „Kranioskopie“ genannt. Der Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern „phrenós“ (Geist, Gemüt, Seele) und „lógos“ (Lehre) zusammen.

Das Konzept stammt ursprünglich von dem später in Frankreich lehrenden deutschen Arzt und Anatom Franz Joseph Gall (1758-1828). Er versuchte in seiner Lehre, Charakterzüge, geistige Fähigkeiten und Eigenschaften sowie Funktionen anhand der Schädelform zu beurteilen und ihnen bestimmte Hirnareale zuzuordnen.

So gesehen lässt sich die Phrenologie als ein alternatives Diagnoseverfahren bezeichnen, das man im weitesten Sinne mit Techniken wie Gesichtsdiagnose oder Irisdiagnose vergleichen könnte.

Franz Joseph Gall wird damit als ein Wegbereiter der modernen Neurowissenschaften gesehen. Außerdem soll er einer der Einflüsse zur Begründung der Osteopathie und der Evolutionstheorien von Charles Darwin und Herbert Spencer gewesen sein. Heute gilt sein Konzept in weiten Teilen als überholt.

Begründung der Phrenologie

Franz Joseph Gall begann nach seinem Abschluss in Medizin 1785 in Wien zu arbeiten und neben der äußeren Gestalt des Kopfes auch das Gehirn zu untersuchen. Er entdeckte dabei bisher unbekannte anatomische Strukturen und funktionelle Verbindungen.

Des Weiteren studierte er auch die Kopfform und brachte sie mit Fähigkeiten oder Charaktereigenschaften der untersuchten Personen in Verbindung. Er begann durch seine Beobachtungen Gesetzmäßigkeiten zu formulieren.

Gall soll sich für seine Studien eine beachtliche Sammlung von Schädeln, Gipsabdrücken und Modellen aus Wachs beschafft haben. Dabei war er nicht nur auf Strukturen fixiert, sondern betrachtete seine Forschungen ebenso unter einem philosophischen Gesichtspunkt, indem er zum Beispiel den Ort der Seele im Gehirn suchte.

Mehrere beschriftete Schädelbüstenmodelle
Durch das vergleichende Studium diverser Schädel versuchte Franz Joseph Gall, Eigenschaften aus der Schädelform abzuleiten. (Bild: holly/stock.adobe.com)

Verbreitung der Phrenologie

1802 wurden Franz Joseph Galls Forschungen und Ideen in Österreich als ketzerisch gebrandmarkt. Gall begann mit seinem Assistenten, dem Theologen Johann Caspar Spurzheim, seine Lehre europaweit zu unterrichten, bevor beide 1807 nach Paris umsiedelten.

Nach einiger Zeit stieß der schottische Anwalt George Combe zu ihnen und unterstützte sie. Combe verfasste 1828 mit seinem „Essay on the Constitution of Man and its Relations to External Objects“ das Phrenologie-Standardwerk im Todesjahr von Gall, das auch mit naturalistischen Grundsätzen unterfüttert war. Combes Bruder Andrew begann die Phrenologie durch eine Publikation im Sinne einer der Allgemeinheit zugänglichen, einfachen Medizin in Amerika im großen Stil zu verbreiten.

Ab den 1850er Jahren brachten vor allem Wanderprediger in den Vereinigten Staaten die Phrenologie-Bücher unter die Menschen und boten Charakteranalysen anhand der Deutung der Ausbuchtungen der Menschenschädel an. Von den Schädeln hatten sie immer eine stattliche Anzahl dabei, was die Zuhörerinnen und Zuhörer beeindruckte.

Die Phrenologie galt in der Folge als schick, progressiv und modern. Sie etablierte sich vor allem in der Psychologie und in Intellektuellenkreisen recht rasant und erfolgreich. Sie sprach sich zum Beispiel gegen körperliche Übergriffe von Lehrern auf Schüler und stumpfes Auswendiglernen als pädagogische Mittel aus, betonte die Wichtigkeit der Rolle der Mutter für die Entwicklung des Kindes und integrierte Turnübungen in den Tagesablauf.

Ende der Phrenologie

Der Einfluss der Phrenologie ging so weit, dass selbst Charles Darwin und Herbert Spencer bei ihren Arbeiten zur Evolution davon beeinflusst gewesen sein sollen. Später wurden einige Annahmen Franz Joseph Galls unter anderem von Paul Broca und Carl Wernicke wissenschaftlich bestätigt. Andere hingegen wurden zurückgewiesen, wie der Zusammenhang zwischen Schädelform und Charakterzügen oder Fähigkeiten, der das Kernstück der Phrenologie bildete.

Die Phrenologie wurde von weniger fatalistisch durchsetzten Konzepten wie dem Mesmerismus oder dem Spiritualismus ergänzt und schließlich abgelöst. (tf, kh)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autoren:
Thorsten Fischer, Barbara Schindewolf-Lensch
Quellen:
  • Parker Jones, Oiwi, Alfaro-Almagro, Fidel, Jbabdi, Saad: An empirical, 21st century evaluation of phrenology; in: Cortex, Vol. 106, Seite 26-35, 2018, ScienceDirect
  • Adrian Furnham: Phrenologie, 50 Schlüsselideen Psychologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010, link.springer.com
  • Eling, Paul, Finger, Stanley: Gall and phrenology. New perspectives; in: Journal of the History of the Neurosciences, Vol. 29, Issue 1, Seite 1-4, Dezember 2019, Taylor & Francis Online
  • Dönges, Jan: Was ist dran an der Phrenologie?; (veröffentlicht am 23.01.2018), Spektrum.de

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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