Irisdiagnose – Anwendung, Grenzen und Nutzen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Die Irisdiagnose ist eine alternativmedizinische Diagnosetechnik mit jahrtausendealten Wurzeln. Andere gebräuchliche Bezeichnungen dafür sind Irisananalyse, Augendiagnose oder Iridologie. Mit ihrer Hilfe soll es möglich sein, bestehende oder zum Teil auch zukünftig drohende Krankheiten eines Menschen anhand der Regenbogenhaut des Auges (Iris) zu erkennen. Dies ist der farbige Bereich im Auge, der die Pupille kreisförmig umschließt und der in verschiedensten Schattierungen und Mischungen der Farben Blau, Grau, Braun oder Grün getönt sein kann.


Bei der Irisdiagnose wird mit einem Irismikroskop oder einer speziellen Lupe das Auge vergrößert betrachtet. Dabei wird beispielsweise auf braune oder schwarze Flecken, strahlenförmige Muster, Trübungen oder weitere Besonderheiten in der Iris geachtet. Je nachdem, in welchem Teil der Regenbogenhaut diese Phänomene auftreten, sollen Rückschlüsse auf die betroffene Körperregion und die Art der Krankheit möglich sein. Bislang gibt es jedoch keine wissenschaftlich stichhaltigen Nachweise für den Erfolg dieser Diagnoseform.

Auge hinter Lupe
Die Iris eines Menschen verrät geschulten Therapeutinnen und Therapeuten viel über den Gesundheitszustand. (Bild: by-studio/fotolia.com)

Ursprünge und Entwicklung

Schon im alten Ägypten wurde die Kunst der Irisdiagnose angewandt. Aus Überlieferungen ist bekannt, dass die Chaldäer von Babylonien über das Wissen verfügt haben sollen, Krankheiten anhand der Augen zu erkennen. Durch den Fund früher Steinplatten in Asien gibt es Hinweise darauf, dass die Menschen dort ebenfalls die Irisdiagnose nutzten. Sie beschäftigten sich dabei vor allem mit farblichen Veränderungen im Auge.

Philippus Meyens teilte 1670 in Dresden die Iris in verschiedene Bereiche ein, die er jeweils bestimmten Körperregionen zuordnete. Seine Erkenntnisse schrieb er in der „Physiognomia Medica“ nieder und begründete dadurch die Grundlagen für die heutige Irisdiagnose.

Im späten neunzehnten Jahrhundert beschäftigte sich der ungarische Arzt Ignaz von Péczély, ein begeisterter Falkner, intensiv mit der Irisdiagnose. Eine seiner Eulen brach sich das Bein. Er entdeckte in der Iris der verletzten Eule einen schwarzen Strich, der sich genau in der Organzuordnung des betroffenen Körperteiles befand. Dieser Strich blieb auch nach der Gesundung des Tieres erhalten. Das war für ihn der Beweis, dass in der Iris an bestimmten Stellen auch bestimmte Körperregionen sichtbar sind. Die rechte Körperhälfte war auf der rechten Iris und die linke Körperhälfte auf der linken Iris sichtbar. 1886 veröffentlichte Ignaz von Péczély seine Erkenntnisse.

Magdalene Madaus eröffnete in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein Lehrinstitut für Irisdiagnose in Dresden. Josef Deck verfasste 1965 ein Standardwerk zur Irisdiagnostik: „Grundlagen der Irisdiagnostik. Lehrbuch mit Bildatlas und Therapiehinweisen“. Weiterhin befassten sich intensiv mit dieser Diagnoseform Pastor Felke, Josef Angerer, Joachim Broy und Günther Lindemann.

Bis heute ist die Irisdiagnose eine umstrittene Diagnoseform. Da es bislang keine wissenschaftlich stichhaltigen Nachweise für ihre Wirksamkeit gibt, raten die meisten Augenärztinnen und Augenärzte von der Anwendung dieser Therapieform ab. Die Deutsche Ophtalmologische Gesellschaft ging 2018 sogar so weit, vor der Irisdiagnose zu warnen. Viele Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker, aber auch einige Schulmedizinerinnen und Schulmediziner, haben jedoch im Praxisalltag gute Erfahrungen damit gemacht und wenden die Methode daher dennoch an. Und selbst die Deutsche Ophtalmologische Gesellschaft räumt im selben Artikel ein, dass bei einigen Krankheiten sehr wohl nachweisbare Veränderungen der Regenbogenhaut auftreten: So können beispielsweise Knötchen an der Iris mit Trisomie 21 (angeborener Chromosomenfehler), Sarkoidose (entzündliche Gewebserkrankung) oder Neurofibromatose (Tumorerkrankung) einhergehen.

Wie bei vielen anderen alternativmedizinischen Therapien oder Diagnoseverfahren gilt auch hier: Das Fehlen breiter wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweise bedeutet nicht automatisch, dass eine Therapie- oder Diagnoseform tatsächlich unwirksam ist. Eine verantwortungsbewusste Therapeutin oder ein verantwortungsbewusster Therapeut wird eine schwerwiegende Diagnose jedoch immer durch weitere Verfahren bestätigen lassen und zur Sicherheit auf einer schulmedizinischen Abklärung bestehen. Auch als Patientin oder Patient sollte man sich nicht scheuen, von sich aus eine zweite Meinung einzuholen. Ihr behandelnder Arzt oder Ihre behandelnde Ärztin berät Sie sicher gerne bei allen auftauchenden Fragen.

Grundlagen

Die Cornea (Hornhaut) des Auges ist durchsichtig. Dadurch kann der Therapeut oder die Therapeutin die durchscheinende Iris genau betrachten. Der Heidelberger Arzt Dr. Walter Lang hat Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nachgewiesen, dass alle Körperregionen über Nerven mit dem Auge verbunden sind. Daher können sich nach Ansicht der Irisdiagnostikerinnen und -diagnostiker in der Iris Krankheiten und Störungen der Organe zeigen. Somit kann die Regenbogenhaut als diagnostisches Medium dienen, mit der sich genetische Veranlagungen, belastete Zonen und besondere Schwachstellen des Körpers entdecken lassen. Auch zur Prävention wird die Augendiagnose mit herangezogen, da sich viele Veränderungen schon im Vorfeld zeigen können.

Bei der Methode der Irisdiagnose geht man von einer Widerspiegelung aller Organe in bestimmten Zonen der Iris aus: Rechts gelegene Organe des Körpers spiegeln sich demzufolge in der rechten Iris, links gelegene Organe des Körpers in der linken Iris, innere Organe in der Nähe der Pupille und weiter außen gelegene Organe am Rand der Iris wider.

Die Irisdiagnostik basiert auf der Annahme, dass alle Körperteile und Organe über Nervenbahnen mit der Regenbogenhaut des Auges verbunden sind. (Bild: Henrie/fotolia.com)

Zirkuläre Aufteilung der Iris

Von der Pupille bis zum Rand wird die Iris in drei große beziehungsweise sechs kleine Zonen eingeteilt.

So enthält die erste große Zone, vom inneren des Auges aus gesehen, Magen und Darm. Veränderungen, hier wahrgenommen, deuten auf Verdauungsstörungen wie Probleme bei der Nahrungsverwertung und Ähnliches hin. Diese Zone wird auch als „Krausenzone“ bezeichnet.

Die nächste Zone, die sich an die Magen-Darm-Zonen anschließt, enthält Blut, Lymphe, Herz, Niere, Bauchspeicheldrüse und Gallenblase. Hier werden auch Veränderungen bezüglich des Stofftransportes und der Stoffverwertung gesehen.

Die dritte große Zone, die an den Irisrand angrenzt, spiegelt Leber, Milz, Nase, Mund, Harnröhre und After wider. Die zweite und dritte große Zone werden zusammenfassend auch „Ziliarzone“ genannt.

Die sechs kleinen Zonen sind, von der Iris zum Rand hin, folgendermaßen benannt: Magenzone, Darmzone, Blut-Lymphzone, Muskelzone, Knochenzone und Hautregion.

Innerhalb der Zonen wird dann noch einmal in Sektoren unterteilt, sodass nach dem Prinzip der Widerspiegelung anhand der Lage einer optischen Auffälligkeit in der Iris zugeordnet werden kann, welches Organ oder System im Körper möglicherweise gestört oder anfällig ist.

Die genaue Aufteilung der Iris unterscheidet sich teilweise bei verschiedenen Theoretikerinnen und Theoretikern, die diese Diagnoseform geprägt haben.

Iriszeichen

Der Behandler oder die Behandlerin bedient sich hierbei eines Irismikroskops oder einer Irislupe, um das Auge vergrößert sehen zu können. So können auch kleinste Farbveränderungen, Schleier, Flecken und Ähnliches sichtbar gemacht werden.

Reflektorische Zeichen

Reflektorische Zeichen können auf akute oder wiederkehrende Entzündungen hindeuten. Diese äußern sich auf der Regenbogenhaut in Form von sogenannten Transversalen. Transversale bezeichnen Radiäre (Strahlen), die von ihrer normalen Richtung abweichen; normalerweise sind sie wie Radspeichen angeordnet. Auch sind Gefäßbildungen möglich. Dies sind kleine Blutgefäße, die die Radiären begleiten.

Organzeichen

Sogenannte Organzeichen deuten anhand der Theorie der Irisdiagnose auf eine gestörte Organfunktion hin. Sie zeigen sich zum Beispiel in Form von Krypten („Gräben“ in Form eines Rhombus), Lakunen (ovale „Hohlräume“) oder einzelner oder mehrerer wabenförmiger Gebilde.

Krypten können vor allem bei schweren Erkrankungen wie beispielsweise des Rücken- oder Knochenmarks auftreten. Auf der Iris ist eine Krypta als Krater erkennbar, durch den man in das Dunkle der Regenbogenhaut sehen kann.

Lakunen sind entweder offen oder geschlossen. Eine offene Lakune, die laut der Lehren der Irisdiagnose auf einen sich entwickelnden Krankheitsprozess hinweisen soll, stellt sich zum Beispiel in Form einer Tulpe dar. Eine geschlossene Lakune kann eher auf eine schon manifeste, also bereits bestehende, Erkrankung hinweisen.

Physiologische Zeichen

Physiologische Zeichen können auf eine Belastung des Stoffwechsels (Metabolismus) hindeuten. Dies kann sich beispielsweise in Form sogenannter „Tophi“ zeigen, was so viel heißt wie „Flocken“. Auch Pigmentablagerungen können eine Stoffwechselstörung anzeigen.

Konstitutionstypen

Konstitutionstypen sind eigentlich angeboren. Jedoch können verschiedene Faktoren im Leben die Anlage positiv oder negativ beeinflussen. So kann sich ein Mischtypus im Laufe der Jahre in die eine oder andere Richtung bewegen. Diese Konstitutionstypen sollen laut der Theorie der Irisdiagnose anhand der Regenbogenhaut eines Menschen erkennbar sein. Jeder Konstitutionstyp beschreibt demnach eine bestimmte erbliche Veranlagung.

Es werden drei große Konstitutionstypen voneinander unterschieden: Die lymphatische Konstitution, die hämatogene Konstitution und die dyskratische Konstitution. Alle drei Formen werden dann noch genauer untergliedert und bestimmten Diatheseformen zugeordnet. Diathese bezeichnet die Neigung des Körpers zu bestimmten Krankheiten und wird zum Teil auch mit dem Begriff Reaktionsbereitschaft synonym verwendet.

Die Augenfarbe spielt bei der Irisdiagnose eine wichtige Rolle. (Bild: Ramona Heim/fotolia.com)

So sind Menschen mit lymphatischer Konstitution nach dieser Theorie blauäugig, leiden häufig unter Erkrankungen des lymphatischen Systems wie zum Beispiel Mandelentzündungen, einer wiederkehrenden Mittelohrentzündung, Erkältungen und dergleichen. Die meisten ihrer Erkrankungen gehen mit Fieber einher.

Menschen mit hämatogener Konstitution haben der Theorie zufolge braune Augen und leiden eher unter Erkrankungen der Kreislauforgane sowie an Spasmen (Krämpfen) und Übererregbarkeit.

Die dyskratische Konstitution ist eine Mischform und kommt laut der Grundlagen der Irisdiagnose in Verbindung mit Erkrankungen der Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse und des Darmes vor.

Hinweis: Eine Diagnose, die ausschließlich mit Hilfe der Irisdiagnostik gestellt wurde, sollten Sie sicherheitshalber schulmedizinisch bestätigen beziehungsweise prüfen lassen. (sw; kh)

Quellen:


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.