Stiftung Warentest: Viele rezeptfreie Medikamente sind definitiv nicht empfehlenswert

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

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Jedes vierte rezeptfreie Arzneimittel ist wenig geeignet

Erkältung, Halsweh, Verstopfung oder Sodbrennen – für zahlreiche gesundheitliche Beschwerden gibt es rezeptfreie Medikamente. Kunden greifen gern zu bekannten Produkten. Doch längst nicht alle dieser Arzneimittel sind empfehlenswert, berichtet die Stiftung Warentest.


Selbstmedikation kann gefährlich werden

Kopfschmerzen, grippaler Infekt, Halsschmerzen: Vor allem bei vermeintlich harmlosen Erkrankungen greifen viele Menschen schnell zu Medikamenten. Allerdings birgt die Selbstmedikation Risiken, mahnen Gesundheitsexperten. Denn manche dieser Präparate können mit gefährlichen Nebenwirkungen einhergehen und unter anderem das Risiko für eine Herzschwäche oder einen Herzstillstand erhöhen. Problematisch ist zudem, dass viele verbreitete Arzneimittel wenig geeignet sind, wie die Stiftung Warentest nun berichtet.

Rund die Hälfte aller in Deutschland zugelassenen Medikamente sind rezeptfrei erhältlich. Längst nicht alle davon sind geeignet, berichtet die Stiftung Warentest. (Bild: john9595/fotolia.com)

Die Hälfte der zugelassenen Medikamente ist rezeptfrei erhältlich

In Deutschland sind derzeit über 100.000 Medikamente zugelassen. Rund die Hälfte davon gibt es nur auf ärztliche Verordnung, der Rest ist ohne Rezept erhältlich.

Doch längst nicht alle dieser Mittel sind zu empfehlen. Wie die Stiftung Warentest auf ihrer Webseite schreibt, sind rund 500 von 2.000 rezeptfreien Arzneimitteln aus ihrer Datenbank „Medikamente im Test“ keine gute Wahl und bekommen die schlechteste Bewertung: „wenig geeignet“.

In die Kategorie „wenig geeignet“ fallen auch bekannte Mittel wie Wick MediNait, Aspirin Complex, Spalt Schmerztabletten oder Thomapyrin.

Nicht alle zugelassenen Arzneimittel sind zu empfehlen

Wie die Stiftung Warentest erklärt, entscheidet in Deutschland das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), ob ein Medikament zugelassen wird; wenn es europaweit auf den Markt soll, ist die europäische Arzneimittelagentur EMA zuständig.

Aber: „Nur weil ein Arzneimittel in Deutschland zugelassen ist, muss es nicht empfehlenswert sein“, sagt Gerd Glaeske, Pharmazeut und unabhängiger Experte der Stiftung Warentest.

Glaeske leitet ein unabhängiges Gremium aus Medizinern, Pharmazeutikern und Pharmakologen, das für die Stiftung Warentest Arzneimittel, die in Deutschland am meisten verordnet oder ohne Rezept verkauft werden, bewertet.

Den Angaben zufolge prüfen die Zulassungsbehörden anders als die Stiftung Warentest. Unter anderem achten die Warentester mehr auf die langfristigen Folgen.

Laut Glaeske laufen die Wirksamkeitsstudien der Pharmahersteller oft zu kurz: „Nebenwirkungen, die häufig erst nach längerer Einnahme entstehen, lassen sich so nicht erkennen.“

Auch die Kriterien dafür, welche Studien in die Bewertung einfließen, sind bei den Gutachtern von Warentest strenger als bei den Zulassungsbehörden.

Das unabhängige Team sichtet zunächst alle veröffentlichten Untersuchungen zu einem Medikament – auch solche, die nicht der Produzent durchgeführt hat, sondern die zum Beispiel aus der üblichen Patientenversorgung stammen.

Die Studien sollten außerdem einem hohen qualitativen Standard genügen und in einer renommierten Fachzeitschrift erschienen sein, da dort die Daten vor der Veröffentlichung von einem Gutachtergremium geprüft werden.

Inhaltsstoffe von Kombipräparaten ergänzen sich oft nicht sinnvoll

Laut den Warentestern bekommt ein Medikament die schlechteste Bewertung, wenn seine therapeutische Wirksamkeit nicht ausreichend belegt oder im Vergleich zu seinen Nebenwirkungen gering ist – wie bei einigen Mitteln gegen Magen-Darm-Leiden, etwa Abtei-Abführkapseln mit Rizinusöl oder Kräuterlax mit Aloe bei Verstopfung.

Den Angaben zufolge wirken diese drastisch abführend, reizen dadurch den Darm stark. Es gibt bessere Alternativen.

Unter den Arzneimitteln, von denen die Stiftung Warentest abrät, sind außerdem viele Kombinationspräparate mit mehreren Inhaltsstoffen.

Bekannte Beispiele sind unter anderem Schmerzmittel wie Doppel Spalt Compact, Neuralgin, Thomapyrin oder Erkältungsmittel wie Aspirin Complex, Grippostad C und Wick MediNait. Häufig ergänzen sich die Wirkstoffe nicht sinnvoll.

Außerdem steigt bei mehreren Inhaltsstoffen das Risiko von Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass einige Präparate Koffein oder Alkohol enthalten: doch Koffein kann zu Gewöhnung und erhöhtem Verbrauch führen und Alkohol kann die Wirkung verstärken.

Zudem sind Kombimittel mit bekannten Namen häufig teuer. Den Fachleuten zufolge ist es besser (und günstiger), bei Schmerzen und Erkältung Einzelwirkstoffe separat einzunehmen ist.

Die Stiftung Warentest rät Verbrauchern, lieber geeignete Alternativen zu finden. Zudem lassen sich viele Beschwerden ohnehin auch auf natürliche Weise, etwa mit Hausmitteln, lindern. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Stiftung Warentest: Viele beliebte Arznei­mittel wenig geeignet, (Abruf: 25.06.2019), Stiftung Warentest