Zungenbelag: Belegte Zunge

Zunge belegt – Ursachen und Behandlung

Die meisten Menschen kennen die belegte Zunge von Erkältungen oder als Nebeneffekt beim Verzehr bestimmter Nahrungsmittel. Neben diesem vorübergehenden Zungenbelag entwickeln jedoch manche Menschen dauerhaft eine belegte Zunge. Die Ursachen können dabei äußerst unterschiedlich sein und umfassen einige durchaus ernste Erkrankungen. Die Farbe und Lokalisation des Belages kann hier wichtige Hinweise bei der Suche nach den Ursachen liefern.

Eine Untersuchung der Zunge ist seit Jahrhunderten in vielen Kulturkreisen ein wesentliches Element bei der medizinischen Diagnosestellung. Hierbei wird auch die Farbe, Lokalisation und Konsistenz des Zungenbelags genau analysiert, um Rückschlüsse auf vorliegende Erkrankungen zu ziehen. Als weitere hinweisdiagnostische Zeichen werden Veränderungen der Zunge wie Risse, Furchen, Zahnabdrücke und Erhebungen hinzugezogen. Oft wird der Zungenbelag von Mundegruch begleitet, der als direkte Folge des Belags, aber auch unabhängig davon auftreten kann.

Arzt untersucht den Mundraum
Der Belag auf Zunge und Rachen gibt Hinweise zu vorliegenden Erkrankungen. (Bild: eyetronic/fotolia.com)

Anhand des Zungenbelags lässt sich nicht nur die Diagnose von Krankheiten erhärten, sondern es lassen sich auch organische Störungen bereits sehr früh erkennen und sie können unter Umständen bereits ausgeglichen werden, bevor eine (schwere) Erkrankung entsteht.

Wichtig: Verfärbungen und Belag der Zunge können auch durch Nahrungs- und Genussmittel (zum Beispiel Rote Beete, Blaubeeren, Wein, Kaffee) entstehen!

Zungenbelag in der westlichen Zungendiagnostik

Nach der westlichen Zungendiagnostik spiegelt sich auf der Zunge der gesamte Verdauungstrakt wider. Je nachdem, wo sich der Belag bildet, erhält man so Hinweise auf den Zustand bestimmter Organe. Während das vordere Drittel erfahrungsgemäß die Speiseröhre und den beginnenden Magenbereich anzeigt, werden die Reflexzonen von Magen, Zwölffingerdarm, Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse (links) und Milz (rechts) dem mittleren Drittel zugeordnet. Der hintere Zungenteil schließlich soll Aufschluss über den Zustand des Darms geben.

Ebenso lassen farbliche Abweichungen auf gestörte Organfunktionen schließen:

  • Bei leichteren Darmstörungen zeigen sich zum Beispiel an Zungenrändern und –spitze häufig rote bis bräunliche Verfärbungen.
  • Gelber Zungenbelag wird als Zeichen einer Störung der Darmmuskulatur gedeutet, vor allem aber auch als Zeichen einer Beteiligung der Leber.
  • Ein dicker Belag, der bräunlich-gelb erscheint, wird mit Störungen von Leber, Gallenblase und Gallenwegen, aber auch einem möglichen Pfortaderstau in Zusammenhang gebracht.
  • Ebenso kann sich bei Gallenblasen- und Gallenwegserkrankungen grünlicher Belag auf der Zunge zeigen.

Zungenbelag im Ayurveda

Wie in der traditionell westlichen Zungendiagnostik, so wird auch im Ayurveda, dem traditionellen Heilsystem Indiens, dem Zungenbelag Bedeutung beigemessen. Nach der als Jhiva bezeichneten Diagnoseform finden sich auf der Zunge jedoch zusätzlich Areale, in denen sich Organe widerspiegeln, die nicht zum Verdauungssystems gehören. So findet man beispielsweise im vorderen Drittel mittig das Herz, während sich rechts und links seitlich die Lungen erstrecken. Im hinteren Drittel sind die beiden Nieren abgebildet, die den Dickdarm seitlich „einrahmen“. Im mittleren Drittel schließlich werden Magen und Bauchspeicheldrüse mittig sowie Milz und Leber seitlich dargestellt, was in etwa der westlichen Vorstellung entspricht. Die Zungenbeläge, die auf diesen Arealen sichtbar sind, werden nach Farben außerdem den drei energetischen Grundprinzipien des Ayurveda, nämlich Vata, Pitta und Kapha, zugeordnet:

  • weißer Zungenbelag gilt im Ayurveda als Kapha-Störung,
  • rot oder gelb-grün gefärbter Belag als Hinweis auf eine Pitta-Störung,
  • braune und schwarze Verfärbungen schließlich als Zeichen einer Vata-Störung.

Unter Berücksichtigung der individuellen Konstitution sollen diese Störungen mit Medikamenten, Massagen, Asanas (Körperübungen), verschiedenen Entgiftungsverfahren sowie der Ernährungslehre des Ayurveda ausgeglichen werden.

Zungenbelag in der Traditionellen Chinesischen Medizin

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist die Zungendiagnostik eines der wichtigsten Diagnoseinstrumente und sie hat sich seit Jahrtausenden bewährt. Der Zungenbelag liefert dabei wesentliche Anhaltspunkte zur Diagnosestellung und wird in engen Zusammenhang mit vielen Systemkrankheiten gesetzt. In einer Studie aus dem Jahr 2018 wurde die Aussagekraft der Zugendiagnostik nach den Ansätzen der TCM überprüft und der Zugenbelag aufgrund seiner relativ klaren molekularen Basis als „objektiver und reproduzierbarer” Indikator für vorliegende Erkrankungen gewertet.

Zungenbelag in der konventionellen Medizin

In der konventionellen Medizin wird Zungenbelägen beziehungsweise der Zungendiagnostik ebenfalls Bedeutung beigemessen, wenn auch eine deutlich geringere. Es gibt bestimmte Zungenbeläge und Verfärbungen, die als Hinweis auf spezifische Erkrankungen bewertet werden.

So ist beispielsweise die „Himbeerzunge“ als typisches Symptom von Scharlach bekannt, einer Infektionskrankheit, die durch Streptokokken verursacht wird. In einer bestimmten Phase der Infektion sticht die Zunge durch starke Rötung und hervortretende Wärzchen hervor, was ihr in der medizinischen Literatur den Vergleich mit der Himbeerfrucht einbrachte.

Eine stark gerötete Zunge wird als Zeichen von Eisenmangel oder perniziöser Anämie (mit Vitamin B12-Mangel) gewertet. Wirkt die Zunge aufgrund untergegangener Papillen überdies sehr glatt und ist sie von Zungenbrennen begleitet, liegt wahrscheinlich ein schwerer Vitamin B12-Mangel vor, der beispielsweise durch Leberzirrhose entstanden ist. Dieses Phänomen wird „Lackzunge“ genannt.

Ist die Zunge von rosa und roten Flecken bedeckt, wird sie als „Landkartenzunge“ mit Störungen des Hormonsystems, aber auch mit Leber- oder Stoffwechselstörungen in Zusammenhang gebracht. Die „Haarzunge“ (s.u.) mit schwarzem Zungenbelag schließlich gilt als harmlos und wird oftmals nur als kosmetisches Problem betrachtet.

Zungenbelag Diagnosebeispiele

Im gesunden Zustand sollte die Zunge rötlich, feucht und glänzend sein und von einem schwach-weißlichen Belag umgeben, der sich nicht abwischen lässt. Eine belegte Zunge weist im Allgemeinen auf Toxine aus dem Bereich des Verdauungssystems hin. Deshalb ist die Reinigung der Zunge mit einem Zungenschaber zum Beispiel ein fester Bestandteil der ayurvedischen Morgenhygiene.

Es gibt spezielle Formen der Zungenbeläge, die sehr selten sind und eindeutig im Zusammenhang mit einer bestimmten Ursache stehen, wie der lilagrüne Belag als Hauptsymptom bei Vergiftung mit dem Schwermetall Valadium. Andere Formen wie weiße, braune und schwarze Zungenbeläge kommen häufig vor und können vielfältige Ursachen haben.

Wichtig: Die Zungendiagnostik sollte nie als alleinige Diagnosemethode genutzt werden, sondern sie ist eher als Ergänzung zur Befunderhebung zu verstehen. Einige Beispiele zu ihrerer Anwendung in den verschiedenen Heilsystemen werden in den folgenden Abschnitten vorgestellt.

Weißer Zungenbelag

  • Dünner weißer Belag im Bereich des Übergangs zwischen vorderem und mittlerem Zungendrittel kann zum Beispiel auf einen leichten Magenkatarrh hinweisen.
  • Dick-weißlicher Belag von der Zungenmitte (Zusammenhang mit dem Magen nach westlicher Zungendiagnostik) über die Zunge ausgebreitet kann auf eine akute Magenschleimhautentzündung hinweisen.
  • Dicker weißlicher Zungenbelag mit Halsschmerzen, Fieber und der Entwicklung einer „Himbeerzunge“ nach drei bis vier Tagen ist Hinweis auf die Infektionskrankheit Scharlach.
  • Grau-weißlicher Belag in der Zugenmitte mit roten Rändern und roter Zungenspitze ist Hinweis auf Typhus (sogenannte Typhuszunge).
  • Weißer Zungenbelag auf der gesamten Zunge und an den Wangenschleimhäuten lässt auf Mundsoor schließen, verursacht durch eine Pilzinfektion mit Hefepilzen (Candida albicans).
  • Ist die Zunge insgesamt hell und blass, kann dies Hinweis auf einen Mangel an roten Blutkörperchen (Blutarmut) sein.

Gelber Zungenbelag

Ist der Zungenbelag gelb, so kann dies auf Ekrankungen der Leber hinweisen, aber auch im Zusammenhang mit Gallenerkrankungen stehen. In der westlichen Zungendiagnostik wird dies zudem als Zeichen einer Störung der Darmmuskulatur gewertet.

Brauner Zungenbelag

Brauner Zungenbelag gilt in der westlichen Zungendiagnostik als recht sicherer Hinweis auf ein krankhaftes Darmgeschehen:

  • Brauner lehmartigen Belag im hintersten Bereich der Zunge: Hinweis auf Darmgeschwüre.
  • Trocken, teilweise borkiger, schmutzig-brauner Belag: Häufig bei einem Darmverschluss; weitere Symptome sind völliges Ausbleiben von Stuhl und Abwinden, Blähbauch, harter Bauch sowie akute Bauchschmerzen (akuten Abdomens).
  • Dunkelbraun-trockener Zungenbelag mit Fieber und Durchfall: Hinweis auf Infektionskrankheiten wie insbesondere Ruhr (manchmal allerdings auch eine bläuliche Verfärbung der Zunge beschrieben).
  • Brauner Belag in der Zungenmitte mit feucht-roten Rändern: Lässt auf eine entzündliche Veränderung im Dickdarm schließen.
  • Längliche braune Bereiche rechts und links der Zungenspitze: Hier liegt in der ayurvedischen Betrachtung der Verdacht auf eine Lungenentzündung nahe, die entsprechend behandelt werden muss.

Schwarzer Zungenbelag

Meist tritt schwarzer Zungenbelag als schwarze Haarzunge (Lingua villosa nigra) auf, die aufgrund von Verlängerungen und Verhornungen entzündeter Zungenpapillen wie „behaart“ aussieht. Der pelzige dunkle Belag entsteht dabei durch pigmentbildende Bakterien, die sich bei geschwächter Abwehrlage im veränderten Schleimhautmilieu (Mundflora) ansiedeln und verbreiten können.

Eine schwarze Zunge wird in der ganzheitlichen Medizin nicht nur aufgrund ihrer drastischen Erscheinung als bedenkliches Zeichen betrachtet, sondern auch, weil sie auf eine stark geschwächte Abwehrlage des Immunsystems schließen lässt. In der konventionellen Medizin wird ihr jedoch wenig Krankheitswert beigemessen. Meist wird ohne Behandlung abgewartet, bis sich nach einigen Wochen oder Monaten (in Einzelfällen auch nach Jahren) der Belag zurückgebildet hat.

Das Auftreten des schwarzen Zungenbelags ist zum Beispiel festzustellen:

  • nach einer (immunschwächenden) Behandlung mit Antibiotika oder Kortisonpräparaten,
  • im Rahmen von Hefepilzinfektionen,
  • Vitaminmangelzuständen,
  • übermäßigem Tabakkonsum,
  • im Zusammenhang mit AIDS,
  • nach Chemotherapien,
  • nach schweren Auszehrungszuständen mit Untergewicht.

Daneben begünstigen auch manche Mundwasser und Desinfektionsmittel die Entstehung der schwarzen (Haar-)Zunge.

In der ayurvedischen Heilkunde wird ein schwarzer Zungenbelag als Vata-Störung verstanden und durch eine Regulierung dieses aus dem Gleichgewicht geratenen Doshas nach ayurvedischen Prinzipien behandelt. (jvs, fp)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dipl. Geogr. Fabian Peters
Quellen:
  • Sun, S.; Wei, H.; Zhu, R.; Pang, B.; Jia, S.; Liu, G.; Hua, B.: Biology of the Tongue Coating and Its Value in Disease Diagnosis; in: Complementary Medicine Research; 2018;25:191-197, karger.com
  • Jie Hu, Shuwen Han, Yan Chen, Zhaoning Ji: Variations of Tongue Coating Microbiota in Patients with Gastric Cancer; in: BioMed Research International, Volume 2015, PubMed
  • S. Molineus: Zungendiagnose für Zahnmediziner – Was sehen andere auf der Zunge?; in: ZWR - Das Deutsche Zahnärzteblatt, 2016, 125(05): 220-223, thieme-connect.com
  • Ralph Steuernagel: Zungendiagnostik im Ayurveda (jihva-pariksha); in: Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift 2016; 11(04): 25-27, thieme-connect.com

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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