Alzheimer: Immer mehr Menschen leiden an Demenz

Astrid Goldmayer

Die unheilvolle Diagnose Alzheimer: Immer mehr erkranken an Demenz

01.02.2012

In Deutschland leben rund 700.000 Menschen mit der Diagnose „Morbus Alzheimer“. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl bis zum Jahr 2050 verdoppeln könnte. Die Hirnerkrankung fängt mit leichter Vergesslichkeit an und entwickelt sich bis zur ausgeprägten Demenz. In diesem Stadium erkennen Betroffene selbst ihre engsten angehörigen nicht mehr. Wie gestern bekannt wurde, leidet auch Rudi Assauer unter der neurodegenerativen Erkrankung, die als unheilbar gilt. Die Ursache für Alzheimer ist noch unbekannt, doch weltweit forschen Wissenschaftler an Wirkstoffen, die die Symptome lindern oder den Ausbruch der Krankheit verhindern sollen. Die USA nehmen dabei eine Vorreiterrolle an, in dem sie Anfang des Jahres die Entwicklung einer Strategie im Kampf gegen Alzheimer gesetzlich festgelegten.

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Alzheimer ist eine schleichende Krankheit
Zunächst fallen Patienten durch leichte Vergesslichkeit auf, stellen immer wieder die gleich Frage oder erzählen die gleiche Geschichte, vergessen, wie man alltägliche Aufgaben verrichtet werden, verlegen Gegenstände und vernachlässigen ihr Äußeres. Im fortgeschrittenen Stadium erkennen sie selbst enge Familienangehörige nicht mehr.

Doch die Krankheit beginnt viele Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome mit der Ablagerung sogenannter seniler Plaques und Neurofibrillen im Gehirn. Im Wesentlichen bestehen die Proteinablagerungen der Plaques aus dem Beta-Amyloid-Peptid. Neurofibrillenbündel liegen intrazellulär und bestehen aus dem Tau-Protein, welches durch verstärkte Besetzung mit Phosphorsäureresten (Hyperphosphorylierung) zu Fibrillen aggregiert. Es ist bisher nicht bekannt, ob die Tau-Phosphorylierung Auslöser der Krankheit ist oder erst durch sie entsteht. Durch die Ablagerungen kommt es zum Absterben von Neuronen, was eine Abnahme der Hirnmasse zur Folge hat. Darüber hinaus wird der Botenstoff Acetylcholin in nicht ausreichender Menge produziert, was zur allgemeinen Abnahme der Hirnleistung führt.

Rund 1,3 Millionen Demenzkranke leben in Deutschland
Experten gehen von rund 1,3 Millionen Demenz-Kranken in Deutschland aus. Dabei handelt es sich nicht immer um eine Alzheimer-Erkrankung. Diese wird es dann diagnostiziert, wenn die entsprechenden Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen werden. Der Verdacht „Morbus Alzheimer“ ist derzeit bei etwa 700.000 Bürgern bestätigt worden. Der Vorsitzende des Beirats für Alzheimerforschung in den USA, Ronald Peterson erklärt: „Der größte Risikofaktor ist das Alter.“ Bis 2050 könnte sich die Zahl der Alzheimerfälle verdoppeln. „Jetzt erreicht die Baby-boomer-Generation dieses Alter.“ Die Krankheit tritt in den meisten Fällen im Alter von über 65 Jahren auf. Es gibt aber auch seltenere Unterformen, von denen wesentlich jüngere Menschen betroffen sind.

Die USA geht beim Thema Alzheimer mit gutem Beispiel voran
Der US-amerikanische Kongress hat als erster eine Regierung gesetzlich dazu verpflichtet, einen strategischen Handlungsplan im Kampf gegen Alzheimer aufzulegen. Dabei wurden ehrgeizige Ziele gesetzt, so dass es beispielsweise möglich sein soll, bis 2025 das Fortschreiten der Krankheit durch Medikamente zu verlangsamen, den Ausbruch hinauszuzögern oder diesen sogar zu verhindern. Doch es gibt noch viele unbekannte Fragen. Weder die Ursachen für Alzheimer, noch die Gründe für den Abbau der Nervenzellen sind bisher bekannt. Die Krankheit scheint zum Teil genetisch bedingt zu sein. Auch Entzündungen könnten dazu beitragen. Darüber hinaus ist der Einsatz von Medikamenten und deren Wirksamkeit unter Medizinern teilweise umstritten. Bisher können nur Symptome durch medikamentöse Therapien gemindert und das Fortschreiten der Krankheit etwas verlangsamt werden.

Forscher suchen im Besonderen nach Diagnoseverfahren, die zu einem früheren Zeitpunkt angewendet werden können und eindeutige Ergebnisse liefern. Im letzten Jahr entwickelten Chemiker der TU Darmstadt und Pathologen des Klinikums Darmstadt ein vielversprechendes Diagnoseverfahren, das die Tau-Proteine bereits frühzeitig in der Nasenschleimhaut nachweisen kann.

Der Zeitplan, den die US-Regierung vorgegeben hat, erfordert sofortige Maßnahmen. Petersen berichtet: „Wir müssen wissenschaftlich glaubwürdig bleiben. Wird es bis 2020 eine Heilung von Alzheimer geben? Ganz sicher nicht. Aber werden wir bis dahin Fortschritte gemacht haben? Werden wir das Verfahren bei der Entwicklung von Medikamenten, ihrer Bewertung und Zulassung abkürzen können? All dies halte ich für realistisch.“

Hilfe für Betroffene und Angehörige
Angehörige sind mit der Pflege und Betreuung von Demenz-Kranken häufig überfordert. Eine Unterstützung für diese Familien gab es lange Zeit nur in geringem Umfang oder gar nicht. Inzwischen haben sich aber viele Initiativen, Vereine und Selbsthilfegruppen gegründet, bei denen Angehörige und Betroffene Hilfe erhalten. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft vermittelt beispielsweise entsprechende Kontakte.
Sabine Schwarz vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erläutert: „Die Schulung von Angehörigen kann dazu führen, dass Demenzkranke länger in ihrer vertrauten Umgebung betreut werden können und nicht in eine Einrichtung müssen.“

Demenz ist nicht gleich Alzheimer
Zwar leiden Alzheimer-Patienten an Demenz, jedoch leidet nicht jeder Demenz-Kranke im Umkehrschluss auch an Alzheimer (Demenz und Alzheimer). Um herauszufinden, an welcher Art von Demenz ein Betroffener erkrankt ist, gibt es neben neuropsychologischen Tests bildgebende Verfahren, wie die Magnetresonanztomographie (MRT), mit deren Hilfe Alzheimer-typische Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen werden können.

Für Therapie und Pflege ist es zwingend erforderlich dass Alzheimer von anderen Erkrankungen mit überschneidenden Symptomen abgegrenzt wird. Dazu gehören unter anderem altersbedingte Vergesslichkeit, Depressionen bei älteren Menschen, Gehirntumore und -verletzungen, Autismus, Störungen des Stoffwechsels (Unterzuckerung) bei Diabetikern, Psychosen sowie einfache Aphasie.

Prominente bringen das Thema „Alzheimer“ in die Öffentlichkeit
Wie gestern bekannt wurde, leidet auch Rudi Assauer, bekannt als ehemaliger Fußballspieler und Ex-Schalke-Manager, an Morbus Alzheimer. Gegenüber dem ZDF äußerte er sich sehr persönlich über seine Krankheit: „Hab jahrelang auf hohem Niveau Fußball gespielt. Jetzt auf einmal ist alles vorbei.“ Die heimtückische Krankheit habe sein Leben völlig verändert. „Ich habe so eine Wut im Bauch, dass ich nicht mehr mithalten kann.“

Durch Prominente wie Assauer rückt die Krankheit ins Licht der Öffentlichkeit, über die lange Zeit niemand sprechen wollte, denn wer gibt schon gerne zu, dass er langsam aber sicher seinen Verstand, seine Persönlichkeit, vielleicht sogar sich selbst verliert? Als 1994 bekannt wurde, dass auch der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan an Alzheimer erkrankt ist, sagte dieser in einer bewegenden Rede: „Ich beginne jetzt die Reise, die mich in den Sonnenuntergang meines Lebens führen wird“. Im Juni 2004 verstarb er an den Folgen der Krankheit. (ag)