Normalgewicht in Deutschland wird zur Seltenheit

Fabian Peters

Wird das Normalgewicht in Deutschland zur Ausnahme? Die Mehrheit der Deutschen hat Gewichtsprobleme

07.10.2011

Immer weniger Menschen in Deutschland sind normalgewichtig. Gestern ist die 27. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft unter dem Leitthema „Adipositas in der ersten Lebenshälfte“ gestartet. Immer mehr Heranwachsende litten in den vergangenen zehn Jahren unter erheblichen Gewichtsproblemen, wobei „neben der genetischen Disposition auch Umweltfaktoren schon sehr frühzeitig die Weichen für die individuelle Gewichtsentwicklung stellen“, begründet die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) ihre aktuelle Schwerpunktsetzung.

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Der DAG zufolge leidet heute die Mehrheit der Deutschen unter Gewichtsproblemen – Normalgewichtige seien deutlich in der Minderheit. Für die Betroffenen werde es mit jedem Kilogramm zu viel auf den Rippen immer schwieriger die Kontrolle über das eigene Gewicht zurückzugewinnen, erklärten die Experten beim gestrigen Auftakt der DAG Jahrestagung. Insbesondere Erwachsene haben den Angaben der DAG zufolge erhebliche Schwierigkeiten ihr Gewicht wieder nachhaltig zu reduzieren. Lediglich jeder zehnte von ihnen schaffe es, nach einer Diät bzw. Therapie das niedrige Gewicht zu halten. Bei den Heranwachsenden stehen die Chancen indes deutlich besser, so die Aussage auf der 27. Jahrestagung der DAG in Bochum.

Ein Achtel der Kinder kämpft mit Gewichtsproblemen
Wie die Experten am ersten Tag der DAG-Veranstaltung berichteten, ist die Chance bei Kindern durch eine Therapie und gezielte Schulungen ihr Gewicht zu senken mit einer 50-prozentigen Erfolgsaussicht deutlich höher als bei den Erwachsenen, so dass verstärkt bereits im Jugendalter gegengesteuert werden sollte. Grundvoraussetzung dabei sei, dass auch die Eltern mitziehen, betonte Tagungspräsident Prof. Thomas Reinehr von der Kinder- und Jugendklinik Datteln und ergänzte, dass entsprechende Therapieansätze deutliche intensiviert werden sollten, da die Entwicklung auch bei den Kindern alarmierend sei. Dem Experten zufolge hat sich die Zahl der adipösen Kinder in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt und rund sechs Prozent der Heranwachsenden seien heutzutage fettleibig. Mit allgemeinen Gewichtsproblemen habe sogar jedes achte Kind zu kämpfen. Hier seien Eltern, Pädagogen und Ärzte verstärkt dazu aufgefordert, Maßnahmen gegen die unverhältnismäßige Gewichtszunahmen der Heranwachsenden zu ergreifen. Grund zur Hoffnung bietet dabei nach Ansicht von Prof. Reinehr der Ausbau der Ganztagsschulen, da in den Schulkantinen wesentlicher Einfluss auf die Essgewohnheiten der Kindern genommen werden kann.

Drohende gesundheitliche Beeinträchtigungen
Das Problem Übergewicht ist zwar auch bei Kindern und Jugendlichen relativ weit verbreitet, doch besonders betroffen sind laut Aussage der DAG-Experten Erwachsene im Alter zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Während dieser Lebensspanne nehmen die Deutschen durchschnittlich 15 Kilogramm zu, betonte der DAG-Präsident Prof. Hans Hauner. Insgesamt seien 60 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen hierzulande übergewichtig oder adipös, wobei neben der genetischen Veranlagung, den Umwelteinflüssen, den Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ein wesentlicher Einfluss zugeschrieben wird. Ein Drittel der Übergewichtigen leide beim Essen unter einem Kontrollverlust, der ihnen eine selbstständige Regulierung ihres Gewichtes quasi unmöglich macht, so die Aussage der Experten. Da mit dem Übergewicht langfristig erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen wie ein erhöhtes Risiko von Diabetes, Demenz (insbesondere Alzheimer), Herz-Kreislauf- Erkrankungen und bestimmten Krebsarten einhergehen, forderte die DAG auf ihrer Jahrestagung dringend Gegenmaßnahmen einzuleiten. Auch steige aufgrund des Übergewichts das Risiko von Bluthochdruck, Rückenschmerzen und weiteren orthopädischen Leiden. Die bisherigen Projekt wie zum Beispiel umfassende Bewegungsinitiativen reichen dabei nicht aus, um den Anteil der Übergewichtigen nachhaltig zu senken. Dem DAG-Präsidenten zufolge muss auch über neue Ansätze zur Reduzierung des Übergewichtes nachgedacht werden. So verbindet der Tagungspräsident 2011, Prof. Thomas Reinehr, mit der aktuellen Veranstaltungen auch den Wunsch, „neben interessanten aktuellen Forschungsschwerpunkten in der Adipositas-Forschung Akzente in der psychosozialen Betrachtungsweise der Adipositas zu setzen.“

Fettsteuer als Maßnahme gegen Übergewicht?
Insgesamt ist die Situation in Deutschland nach Einschätzung der DAG relativ bedenklich. So steht Deutschland im europäischen Vergleich bei den Übergewichtigen im oberen Viertel, erklärte DAG-Präsident Hauner. In den skandinavischen Ländern sei die Situation deutlich besser, während viele südeuropäische Staaten mit noch erheblicheren Problemen zu kämpfen haben, so Hauner weiter. Dass die Bevölkerung in den skandinavischen Staaten weniger unter Übergewicht zu leiden hat, ist nach Ansicht der DAG auch darauf zurückzuführen, dass hier von staatlicher Seite aus stärker gegengesteuert wird. So gebe es zum Beispiel in Dänemark eine sogenannte Fettsteuer, während sich Deutschland schon mit einer vernünftigen Lebensmittelkennzeichnung schwertue, bemängelte der DAG-Experte. (fp)