Gehschwierigkeiten

Nina Reese

Probleme beim Gehen

Gehschwierigkeiten und Gangstörungen treten vor allem bei älteren Menschen auf. Es wird angenommen, dass allgemeine altersbedingte Ablagerungen in den Gefäßen und besonders im Gehirn zu einer Minderdurchblutung und verringerten Funktion bei Bewegung führen und somit das Koordinationsvermögen einschränken. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Erkrankungen und Beschwerdebilder, die Probleme beim Gehen verursachen können. Deshalb muss zunächst untersucht werden, ob die Gehschwierigkeiten neurologischen, internistischen, psychogenen oder orthopädischen Ursprungs sind. Prinzipiell werden Gehschwierigkeiten von Betroffenen als stark einschränkend und Lebensqualität mindernd empfunden. Deshalb ist es besonders wichtig, der Ursache auf die Spur zu kommen und eine erfolgsversprechende Therapie einzuleiten.

Inhalt:
Definition
Gehschwierigkeiten bei neurologischen Ursachen
Gehschwierigkeiten bei orthopädischen Ursachen
Gehschwierigkeiten bei internistischen Ursachen
Gehschwierigkeiten bei psychogenen Ursachen
Risikofaktoren für Probleme beim Gehen
Diagnose
Behandlungsoptionen bei Gehschwierigkeiten

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Definition

Gehschwierigkeiten und Gangstörungen sind Bewegungsstörungen, die sich vor allem beim Gehen bemerkbar machen. Die Ursache kann auf neurologische, orthopädische, internistische oder psychogene Probleme und Störungen zurückzuführen sein. Häufig treten neben den Problemen beim Gehen weitere Beschwerden auf, beispielsweise bei Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose. Bei Gehschwierigkeiten können Therapien in vielen Fällen nur die Symptome lindern, jedoch nicht die Ursache beheben.

Gehschwierigkeiten
Viele Menschen bekommen im Verlauf ihres Lebens Schwierigkeiten beim Gehen. (Bildnachweis: Radka Schöne/pixelio.de)

Gehschwierigkeiten bei neurologischen Ursachen

Gehschwierigkeiten können bei Betroffenen sehr unterschiedlich ausfallen. Die Probleme reichen von leichtem Humpeln oder einem unsicheren Gang bis hin zu sehr auffälligen Gangbildern, bei denen die Betroffenen kaum mehr in der Lage sind zu gehen. Als Auslöser von Gehschwierigkeiten kommen dementsprechend viele Ursachen in Frage, die der Arzt zunächst abklären muss.

Bei Gangschwierigkeiten, die auf ein neurologisches Problem zurückzuführen sind, treten begleitend häufig Schwindel und allgemeine Gehunsicherheiten auf. Das Gleichgewicht kann derartig gestört sein, dass der Betroffene vorübergehend das Bewusstsein verliert.

Ältere Menschen leiden häufig an Subkortikaler Arteriosklerotischer Enzephalopathie, einer durch Gefäßveränderungen hervorgerufenen Erkrankung des Gehirns, bei der der Gang von Betroffenen meist breitbeinig, unsicher und tapsiger wirkt. Weitere Beschwerden dieses Krankheitsbildes sind eine Blasenstörungen bis hin zur Inkontinenz sowie subkortikale Demenz.

Eine andere ebenfalls neurologisch bedingte Gangstörung ist der sogenannte Trendelenburg-Gang, bei dem Betroffene aufgrund einer Lähmung des mittleren Gesäßmuskels, häufig durch Schädigungen des versorgenden Nerven verursacht, watscheln. Ein kleinschrittiges, tippelndes Gangbild kann dagegen ein Hinweis auf Parkinson sein, einer neurologischen, degenerativen Erkrankung, die vor allem die Motorik der Betroffenen beeinflusst. Ein typisches Symptom von Parkinson ist der Tremor, weshalb auch von der Schüttelkrankheit gesprochen wird.

Schlaganfall-Patienten leiden häufig an einer spastischen Halbseitenlähmung (Hemiparese) und entwickeln das sogenannte Wernicke-Mann-Gangbild, bei dem typischerweise der Oberkörper zur Gegenseite bewegt wird, um das spastische Bein leichter vom Boden zu lösen. Torkeln „wie betrunken“ gekennzeichnet ein cerebelläres Gangbild, bei dem Störungen der Kleinhirnfunktion vorliegen, beispielsweise bei Ataxie, einer Störung der Bewegungskoordination. Eine weitere neurologisch bedingte Gehstörung ist der sogenannte „Steppergang“, der umgangssprachlich auch als Storchengang bezeichnet wird. Diese Gangstörung wird durch eine Lähmung der Fußheber (Fußstrecker) verursacht.

Gehschwierigkeiten bei orthopädischen Ursachen

Die meisten Probleme beim Gehen sind auf eine orthopädische Ursache zurückzuführen. Schäden der Knochen, Muskeln und Gelenke von Füßen, Beinen, Becken und Wirbelsäule können Gehschwierigkeiten verursachen. Diese können beispielsweise durch Verletzungen wie Knochenbrüche oder Gelenkverschleiß (Arthrose) hervorgerufen werden. Eines der orthopädisch bedingten Beschwerdebilder von Gehstörungen ist das Duchenne-Hinken, bei dem Betroffene ihrem Rumpf zum Standbein neigen. Ursache kann eine Fehlstellung im Hüftgelenk, eine Hüftdysplasie beziehungsweise eine Hüftluxation sein. Eine geschwächte Glutealmuskulatur kann ebenfalls das Hinken auslösen.

Das watschende Gangbild beim Trendelenburg-Gang kann nicht nur neurologisch sondern auch orthopädisch bedingt sein, beispielsweise bei einer kindlichen Hüftgelenkdysplasie oder einer Luxation des Gelenkes. Auch bei Gelenkversteifungen oder Schmerzen hinken die Betroffene häufig.

Bei leichten Gangschwierigkeiten klagen Betroffene häufig über ein Taubheitsgefühl in den Waden bis in die Füßen. Dabei handelt es sich meist um eine Nervenkompression, wobei die neurologische Untersuchung, die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, zum Teil keinen Befund liefert. Wenn in den Füßen Taubheitsgefühle auftreten, kann es sich um das Tarsaltunnelsyndrom handeln, bei dem eine Kompression des Nerven N. Tibialis vorliegt, der entlang des Innenknöchels verläuft. Als Ursache kommen unter anderem Knochenbrüche, Sehnenentzündungen im betroffenen Bereich sowie Störungen in der arteriellen Versorgung des Unterschenkels und somit auch des Nerven in Frage. Auch die Nerven, die Beine und Füße versorgen, können durch Kompression die Gehfähigkeit stark einschränken. Sie entstammen der Lendenwirbelsäule und sollten bei Gehschwierigkeiten in die Diagnosefindung und Behandlung mit einbezogen werden. In der Osteopathie werden deshalb nicht nur der Rücken und die allgemeine Statik des Körpers sondern auch Vorerkrankungen wie Wirbelgleiten, Rückenschmerzen, Kreuzschmerzen oder Gesäßschmerzen berücksichtigt. Bei dem Verdacht auf eine Nervenkompression sollte unbedingt eine Polyneuropathie (bestimmte Erkrankungen des peripheren Nervensystems) sowie Venenerkrankungen ausgeschlossen werden.

Gehschwierigkeiten bei internistischen Ursachen

Probleme beim Gehen können auch bei Veränderungen der Blutgefäße auftreten, die beispielsweise zu Blutungen oder Durchblutungsstörungen in den Beinen führen können. Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine spezielle Art der Durchblutungsstörung, die auch „Schaufensterkrankheit“ bezeichnet wird, da Betroffene in bestimmten Abständen stehen bleiben müssen, beispielsweise vor einem Schaufenster, weil sie Schmerzen in den Beinen haben. Seltener sind auch die Arme betroffen. Die periphere arterielle Verschlusskrankheit zählt zu den chronischen Gefäßkrankheiten der Arterien. Sie entsteht durch Stenose (Einengung) oder Okklusion (Verschluss) der Arterien, die für die Versorgung der Extremitäten zuständig sind. In selteneren Fällen ist auch die Hauptschlagader betroffen. Arteriosklerose (Arterienverkalkung) zählt zu den Hauptursachen der Erkrankung, deren Beschwerden von Beschwerdefreiheit über leichte Gehschwierigkeiten bis hin zur Gangrän, einer amputationspflichtigen Gewebenekrose, reichen. Es besteht ein hohes Herzinfarkt-Risiko.

Gehschwierigkeiten bei psychogenen Ursachen

Psychogene Gangschwierigkeiten, sind Probleme beim Gegen, die durch die Psyche des Betroffenen bedingt sind. Sie gehören in der Psychiatrie zu den dissoziative Störungen und kommen wesentlich häufiger vor als gemeinhin angenommen wird. Zu den Ursachen gehören unter anderem der psychogene Tremor, die psychogene Dystonie (Bewegungsstörung), der psychogene Myoklonus (Muskelzuckungen), der psychogene Parkinsonismus und die psychogene Gangstörung. Häufig treten Begleiterkrankungen wie Angststörungen und Depressionen auf.

Risikofaktoren für Probleme beim Gehen

Da Gehschwierigkeiten unter anderem auf Durchblutungsstörungen zurückzuführen sind, die häufig in Verbindung mit Rauchen, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Bluthochdruck und Störungen des Fettstoffwechsels wie Hyperlipidämie und Hypercholästerinämie – den Hauptrisikofaktoren für die periphere arterielle Verschlusskrankheit – stehen, ist eine gesunde Lebensweise ratsam, zu der eine nicht fettreiche, ausgewogene Ernährungsweise aber auch der Verzicht auf Nikotin gehören. Das Tragen von nicht passenden, zu engen Schuhen kann zudem Nervenkompressionen an den Füßen verursachen, so dass Betroffene aufgrund eines Taubheitsgefühls Gehunsicherheiten entwickeln.

Um Gehschwierigkeiten durch Rückenschmerzen beispielsweise bei Bandscheibenvorfällen vorzubeugen, ist ein angemessenes, rückenfreundliches Training geeignet wie beispielsweise ein spezielles Kraft- oder Fitnesstraining. Tai Chi ist ebenfalls ein Bewegungskonzept, bei dem die aufrechte Körperhaltung eine wichtige Rolle spielt. Wissenschaftliche Studien belegen zudem, dass regelmäßiges Tai Chi das Koordinationsvermögen von Parkinson-Patienten verbessert und das Risiko für Stürze mindert.

Diagnose

Bei der Diagnose von Gehschwierigkeiten muss zunächst festgestellt werden, ob die Ursache neurologisch, orthopädisch, internistisch oder psychogen bedingt ist. Zunächst wird der Arzt das Gangbild des Patienten überprüfen, indem er Geschwindigkeit, Schrittweite, Starten und Anhalten, Kontakt zum Boden, Abrollen und die Bewegung in den großen Gelenken sowie in Füßen und Zehen beim Gehen beobachtet. Ein weiterer Test ist die Überprüfung der Anzahl der Schritte, die notwendig sind, um eine Drehung um 180 Grad zu machen. Darüber hinaus kann getestet werden, ob der Patient in der Lage ist, im Seiltänzergang zu gehen, bei dem ein Fuß vor den anderen auf einer gedachten Linie gesetzt wird. Um mögliche Lähmungen zu festzustellen, kann der Patient aufgefordert werden, auf den Zehen beziehungsweise den Versen zu gehen.

Auch Vorerkrankungen wie Verletzungen, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Bandscheibenvorfall müssen berücksichtigt werden, um der Ursache der Gehschwierigkeiten auf die Spur zukommen. Der Arzt führt in der Regel ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, um die Beschwerden besser eingrenzen zu können. Dazu gehören auch Fragen nach Gefühls- und Gleichgewichtsstörungen. Zudem kann es notwendig sein, weitere Untersuchungen wie Sehtests, Hörtests, Blutuntersuchungen, eine Liquorpunktion (Hirnwasseruntersuchung), Computertomographien (CT), Kernspintomographien (MRT) oder Elektroenzephalographien (EEG) durchzuführen.

Behandlungsoptionen bei Gehschwierigkeiten

Die Art der Behandlung von Gehschwierigkeiten richtet sich nach der Ursache der Beschwerden. Bei orthopädischen Problemen können mit Physiotherapie, manueller Therapie oder Krankengymnastik häufig gute Ergebnisse erzielt werden. In schwereren Fällen kann eine Ruhigstellung oder eine Operation notwendig sein. Meist folgt im Anschluss ebenfalls eine Bewegungstherapie. In der Naturheilkunde gilt Osteopathie als erfolgsversprechende Methode aufgrund der ganzheitlichen Betrachtungsweise der Beschwerden des Patienten. Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen mittlerweile die Kosten für osteopathische Behandlungen. Auch Akupunktur kann bei vielen Beschwerden vor allem in der Schmerztherapie erfolgreich angewendet werden.

Sind Durchblutungsstörungen die Ursache der Gehschwierigkeiten erfolgt häufig eine medikamentöse Therapie, wobei diagnoseabhängig auch ein operativer Eingriff notwendig sein kann. Angemessene Bewegung ist ebenfalls förderlich.

Bei einer neurologischen Erkrankung wie Parkinson oder Multiple Sklerose als Ursache der Gehstörungen ist nur eine symptomatische Therapie möglich, da der Krankheitsverlauf immer weiter fortschreitet und keine Heilung zu erwarten ist. Linderung ihrer Beschwerden können Betroffene durch gezielte Bewegungstherapie (Physiotherapie, Krankengymnastik) und physikalische Behandlungen wie Massagen oder Elektrobehandlungen erfahren.

liegt der Gehstörung eine psychogene Ursache zugrunde, kann eine Psychotherapie helfen, die gegebenenfalls von einer medikamentösen Behandlung begleitet wird. (nr)