Orthomolekulare Medizin (OM)

Die orthomolekulare Medizin (OM) hat das Ziel, mit zumeist hoch dosiert verabreichten Vitaminen und Mineralstoffen, Aminosäuren, Spurenelementen, Enzymen und Fettsäuren Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen.

Diese Stoffe benötigt unser Körper für lebenswichtige Vorgänge. Normalerweise nehmen wie sie in ausreichendem Maß mit der Nahrung zu uns, doch es gibt Umstände, die zu einer ungenügenden Aufnahme führen können.

Hinweis: Die orthomolekulare Medizin ist bislang von der Schulmedizin nicht anerkannt und gilt als alternativmedizinische Behandlungsmethode. Bisher liegen nicht genügend wissenschaftliche Studien vor, um eine Wirksamkeit sicher zu belegen.

Bevor Sie sich für eine solche Behandlung entscheiden, beraten Sie sich bitte mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer behandelnden Ärztin, ob die OM in Ihrem Fall sinnvoll sein könnte.

Eine Vielzahl gesunder Lebensmittel wird in einer goldenen Kapsel zusammengefasst
Die orthomolekulare Medizin verabreicht Nährstoffe mit Hilfe hoch dosierter Nahrungsergänzungsmittel, um Krankheiten vorzubeugen oder sie zu bekämpfen. (Bild: freshidea/stock.adobe.com)

Kurzübersicht

In unserer Kurzübersicht haben wir die wichtigsten Informationen für Sie zusammengefasst.

  • Definition: Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten durch Zuführung von Nährstoffen in hoher Dosierung, die der Körper für die Gesundheit benötigt und die normalerweise in geringerer Menge über die Nahrung aufgenommen werden.
  • Wirkung: Die Wirkung der orthomolekularen Medizin ist bislang unzureichend wissenschaftlich belegt. Sie soll durch Nährstoffdefizite entstandene Krankheiten heilen oder diesen vorbeugen.
  • Anwendungsgebiete: Zum Beispiel Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Stärkung des Immunsystems, Vorbeugung vorzeitiger Alterung, Entgiftung, Verbesserung der Wundheilung, Herpes simplex, Arthritis, Arthrose, Erkrankungen des Verdauungstraktes, Depressionen.
  • Wichtiger Hinweis: Einige Nährstoffe können bei Überdosierung zu teilweise schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen. Das gilt unter anderem für Beta-Carotin, Vitamin A, Selen, Jod und Eisen. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sollte nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen. Besondere Vorsicht ist insbesondere während der Schwangerschaft geboten.

Ursprung der orthomolekularen Medizin

Das Konzept der orthomolekularen Medizin geht hauptsächlich auf den US-amerikanischen Biochemiker und Nobelpreisträger Linus Carl Pauling (1901-1994) zurück, der es 1968 entwickelte.

Pauling vertrat die Ansicht, dass mit hoch dosierten Gaben von Vitaminen und Mineralstoffen, Spurenelementen, Enzymen sowie Fettsäuren und Aminosäuren viele Krankheiten geheilt werden könnten. Auch zur Vorbeugung hielt er dies für sinnvoll.

Vor allem die tägliche Einnahme von hoch dosiertem Vitamin C hob er hervor, die er auch selbst praktizierte. Laut Pauling sollte dies beispielsweise vor Infektionen, aber auch vor Krebs schützen.

Die optimale Funktionsweise des Gehirns sei ebenfalls durch die Verabreichung bestimmter Stoffe zu gewährleisten. So war die orthomolekulare Medizin aus Paulings Sicht in bestimmten Fällen sogar geeignet, Schizophrenie zu behandeln.

Andere Anhängerinnen und Anhänger weiteten dies später auf Krankheitsbilder wie Depression oder eine bipolare Störung aus. Dies konnte bis heute jedoch nicht ausreichend durch Studien belegt werden.

Übersichtsgrafik zur orthomolekularen Medizin mit möglichen Anwendungsgebieten
(Bild: Sonja/stock.adobe.com; eigene Bearbeitung heilpraxis.de)

Ursachen des möglichen Bedarfs an orthomolekularer Medizin

Es gibt verschiedene Entwicklungen, vor allem in den westlichen Industrieländern, die das Gleichgewicht von Aufnahme und Nährstoffverarbeitung in unserem Organismus stören können. Dies kann ein gesteigerter Nährstoffbedarf, eine verminderte Nährstoffaufnahme oder eine ungenügende Zufuhr von Nährstoffen sein.

Gesteigerter Nährstoffbedarf

Ein gesteigerter Bedarf an Nährstoffen entsteht, wenn das biologische System Mensch permanente Hochleistungen erbringen muss (zum Beispiel durch Stress in körperlichen und/oder emotionalen Belastungssituationen, Schwangerschaft, Stillzeit, Wachstum) oder wenn etwa durch Umweltgifte eine erhöhte Entgiftungsleistung (gesteigerter Verbrauch von Glutathion, Selen, Zink, Vitamin C) nötig wird.

Dies gilt ebenso für den Konsum von Alkohol, Zigaretten und Koffein. Auch die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente kann den Bedarf erhöhen. Dazu zählen beispielsweise Analgetika, Antibiotika, Antazida oder Glukokortikoide.

Einige Krankheiten bringen ebenfalls einen erhöhten Nährstoffbedarf mit sich.

Verminderte Nährstoffaufnahme

Eine herabgesetzte Resorption (Aufnahme von Stoffen) findet sich immer dann, wenn eine Funktionsstörung im Bereich des Darmes vorliegt. Eine gesunde Darmflora ist heute die Ausnahme.

Durch Medikamente verringert sich die Menge der Bifidobakterien und es kommt zu einer ungenügenden Versorgung mit Mikronährstoffen, da die Resorption von Mikronährstoffen ein energieverbrauchender Prozess ist. Bifidobakterien versorgen die Darmschleimhaut mit Energie.

Besonders Antibiotika, auch aus dem Fleischkonsum, können die Bifidobakterien stark reduzieren. In diesem Fall gilt es, zunächst am Wiederaufbau einer intakten Darmflora zu arbeiten, bevor mit der Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln im Rahmen der orthomolekularen Medizin begonnen wird.

Auch verschiedene Krankheiten können die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm behindern, so etwa bestimmte Infektionen, Zöliakie, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Dadurch können manche Nährstoffe gar nicht mehr oder nur noch ungenügend aufgenommen werden.

Hier würde es also nicht ausreichen, die fehlenden Stoffe einfach in höherer Dosis zuzuführen. Solange die Ursache nicht geklärt und behoben ist, würde eine Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln wirkungslos bleiben.

Daher ist es besonders wichtig, vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ärztlich untersuchen zu lassen, was dem Nährstoffmangel zugrunde liegt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass behandlungsbedürftige Ursachen übersehen werden und es zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen kommt.

Mann hält in der linken Handfläche drei Tabletten, in der rechten Hand ein Glas Wasser
Die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente kann zu einem erhöhten Nährstoffbedarf führen. (Bild: Goffkein/stock.adobe.com)

Ungenügende Zufuhr von Nährstoffen

Eine ungenügende Zufuhr von Nährstoffen kommt zum einen durch eine unausgewogene Ernährung (Fastfood, kohlenhydratbetonte Kost mit viel Brot, Nudeln, Pizza und so weiter) und zum anderen durch die oftmals schlechter werdende Qualität unserer Lebensmittel zustande.

Lange Transportwege bei ungenügender Kühlung, unreif geerntetes Obst und Gemüse und der Einsatz vielfältiger Chemikalien lassen den Vitalstoffgehalt unserer Lebensmittel sinken.

Orthomolekulare Medizin – Behandlungsansätze

Der Gehalt an verschiedenen Nährstoffen im Blut kann analysiert werden.

Wenn ein Mangel bestimmter Stoffe vorliegt, können diese gezielt zugeführt werden, um deren Konzentration im Körper wieder zu erhöhen. Zusätzlich arbeitet die OM vorbeugend durch die Gabe hoch dosierter Vitalstoffe.

Die orthomolekulare Medizin ist also eine Therapie, die mit Substanzen arbeitet, die wir normalerweise mit der Nahrung zuführen. Dadurch ist sie eine Therapie, die „in der Regel“ ohne Nebenwirkungen arbeitet. Allerdings kann es durch die hohe Dosierung in der OM dazu kommen, dass gesundheitliche Probleme auftreten.

Deshalb ist es wichtig, dass die Therapie von einem ausgebildeten Arzt, einer ausgebildeten Ärztin beziehungsweise einem darin versierten Heilpraktiker oder einer Heilpraktikerin ausgeführt wird. Die orthomolekulare Behandlung ist angewandte Biochemie und gehört damit in die Hände erfahrener Therapeutinnen und Therapeuten.

Auch die oben erwähnte Ursachenforschung ist wichtig, damit nicht nur das Symptom bekämpft wird, sondern auch die Ursache behandelt werden kann. Damit wird häufig eine längerfristige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln – aus schulmedizinischer Sicht – überflüssig.

Zudem ist bis heute umstritten, ob chemisch hergestellte und zugeführte Nahrungsergänzungsmittel dieselbe Wirkung haben und für den Körper genauso unbedenklich sind, wie die Stoffe, die wir auf natürlichem Weg mit der Nahrung aufnehmen.

Anwendungsgebiete

Mögliche Anwendungsgebiete der orthomolekularen Medizin sind beispielsweise:

  • erhöhter Nährstoffbedarf durch besondere Umstände (zum Beispiel Hochleistungssport, Stress, Schwangerschaft, Stillzeit, Wachstum),
  • Nährstoffmangel,
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zum Beispiel Bluthochdruck (Hypertonie),
  • Infektionen (etwa grippaler Infekt, Herpes simplex),
  • Erkrankungen des Bewegungsapparates (wie Arthritis oder Arthrose),
  • Hauterkrankungen; soll zum Beispiel die Wundheilung unterstützen,
  • Erkrankungen des Verdauungstrakts,
  • „Anti-Aging-Therapie“ (gegen vorzeitiges Altern),
  • Stärkung des Immunsystems,
  • bestimmte Erkrankungen der Schilddrüse, etwa Hashimoto-Thyreoiditis,
  • Entgiftung und Ausleitung von Schwermetallen,
  • Depressionen und Burnout-Syndrom.
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Orthomolekulare Medizin kann bei stressbedingtem erhöhtem Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen hilfreich sein. (Bild: fizkes/stock.adobe.com)

Beispiel Selenmangel

In Deutschland sind viele Menschen mit Selen unterversorgt. Dies lässt sich in Vollblutmineralanalysen nachweisen. Die Folgen davon sind in allen Organen spürbar, die auf das Vorhandensein von Selen angewiesen sind.

Die Schilddrüse etwa benötigt zur Herstellung des Schilddrüsenhormons T3 Jod, Selen und die Aminosäure Tyrosin als Kofaktoren. Wenn eine Jodsubstitution nicht ausreicht, um die Hypothyreose zu behandeln, wird meistens Thyroxin (künstliches Schilddrüsenhormon) eingesetzt.

Sinnvoll wäre es, zunächst das fehlende Selen zu ersetzen; dieses wird aber in der Schulmedizin weder gemessen noch substituiert.

Setzt man Selen beispielsweise bei der Hashimoto-Thyreoiditis (einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse) ein, kann sich dies laut einiger Studien günstig auswirken.

Selenabhängig arbeitet auch unser wichtigstes Entgiftungs-System in der Leber, und auch die Energiegewinnung der Zellen ist ohne Selen nicht möglich.

Ein Mangel an einer einzigen Substanz kann also weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Körper haben. Dort setzt die orthomolekulare Medizin an, deren Befürworterinnen und Befürworter sie sowohl in der Prävention als auch zur Behandlung bereits bestehender Erkrankungen anwenden.

Kritik an der orthomolekularen Medizin

Wenngleich es der Name vermuten lässt, handelt es sich bei der orthomolekularen Medizin nicht um eine offiziell von Fachgesellschaften anerkannte Methode.

Die Studienlage in dem Bereich gilt als wissenschaftlich umstritten beziehungsweise ist noch nicht ausreichend. Dennoch berichten viele Anwenderinnen und Anwender von positiven Effekten.

Der Bund Deutscher Heilpraktiker betont, dass die orthomolekulare Medizin als alleinige Therapie bei schweren, ernsthaften Erkrankungen nicht geeignet ist.

Kritikerinnen und Kritiker mahnen zudem, dass die Dosierung der Nährstoffe im Rahmen der OM die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG) um ein Vielfaches überschreitet.

Wichtiger Hinweis

Bitte nehmen Sie keinesfalls „auf Verdacht“ Nahrungsergänzungsmittel ein, da viele Nährstoffe überdosiert werden können. Dies gilt auch für frei verkäufliche Produkte.

Beispielsweise können Vitamin A oder Selen in Überdosierung gesundheitliche Probleme bereiten, dies gilt jedoch auch für viele weitere Nährstoffe.

Lassen Sie daher unbedingt zunächst durch ein Blutbild bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt abklären, ob ein Nährstoffmangel vorliegt.

Sofern ein Mangel diagnostiziert wird, müssen unbedingt zuerst die Ursachen herausgefunden werden. Erst wenn eine schwerwiegende Erkrankung und/oder eine Aufnahmestörung ausgeschlossen werden kann, ergibt es Sinn, sich über die Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen oder Spurenelementen Gedanken zu machen.

Dies sollte in enger Abstimmung mit Hausärztin oder Hausarzt erfolgen und die Wirksamkeit der Maßnahmen muss in regelmäßigen Abständen überprüft werden.

Entgegen der in der Schulmedizin geltenden Regel, Nährstoffe ausschließlich bei einem Mangel zu ergänzen, werden sie in der orthomolekularen Medizin zum Teil vorbeugend hoch dosiert verabreicht. Auch hier gilt, dass Sie sich vorab ärztlichen Rat zur Unbedenklichkeit einholen sollten. (kh, jvs)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autoren:
Magistra Artium (M.A.) Katja Helbig, Barbara Schindewolf-Lensch
Quellen:
  • Schmiedel, Volker: Nährstofftherapie: Orthomolekulare Medizin in Prävention, Diagnostik und Therapie, Thieme Verlag 2019
  • Bunkahle, Andreas: Orthomolekulare Medizin: Band 1: Mineralstoffe, Vitamine, Fette, Books on Demand, 2016
  • Bund Deutscher Heilpraktiker e.V. (BDH): Orthomolekulare Medizin, Abruf: 19.09.2019, bdh-online.de
  • Gröber, Uwe: Orthomolekulare Medizin – Ein Leitfaden für Apotheker und Ärzte, Wissenschaftliche Vertragsgesellschaft mbH Stuttgart 2002
  • Bierbach, Elvira (Hrsg.): Naturheilpraxis heute. Lehrbuch und Atlas. Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, München, 4. Auflage 2009
  • Verbraucherzentrale: Die Dosis macht das Gift, Abruf: 03.11.2020, Verbraucherzentrale
  • Dr. Meißner, Andreas: Orthomolekulare Medizin. Studienlage mangelhaft, irreführend – wenn nicht sogar gefährlich; in: NEUROTRANSMITTER, Offizielles Organ des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN), des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN) und des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP), 27. Jahrgang, Ausgabe 3, S. 16, März 2016, BV Neurologe
  • Feldhaus, Simon: Orthomolekulare Medizin bei Erschöpfung; in: Erfahrungsheilkunde, Vol. 67, Issue 2, S. 98-103, 2018, Thieme Connect
  • Bachmann, Christof: Orthomolekulare Medizin: Ein therapeutisches Sortiment von 45 Naturstoffen; in: Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin, Vol. 29, Issue 3, S. 130-132, 2017, Karger
  • Rayman, Margaret P.: Multiple nutritional factors and thyroid disease, with particular reference to autoimmune thyroid disease; in: Proceedings of the Nutrition Society, Vol. 78, Issue 1, S. 34-44, Februar 2019, Cambridge University Press

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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