Eberesche – Vogelbeere als Heilpflanze

Die Eberesche weist mit Namen wie „Vogelbeere“ oder „Drosselbeere“ darauf hin, dass Vögel ihre Früchte lieben. Im Volksmund gelten die Beeren hingegen als giftig für Menschen. Zu Unrecht: Die Vogelbeeren schmecken zwar erst gekocht richtig gut, sind aber nicht toxisch, sondern im Gegenteil sehr gesund. Sie enthalten jede Menge Vitamin C sowie viele sekundäre Pflanzenstoffe und wirken dadurch unter anderem gegen Entzündungen und Verdauungsprobleme.

Steckbrief zur Eberesche

  • Wissenschaftlicher Name: Sorbus aucuparia
  • Volksnamen: Vogelbeere, Drosselbeere, Gimpelbeere, Amselbeere, Falsche Esche, Moosbeerbaum, Aberesche, Quitsche, Stinkesche, Wielesche, Kransvogelbeer, Haweresche, Aschitz‘n, Schmalkabeer, Judenkirsche
  • Verbreitung: Die Eberesche ist in nahezu ganz Europa und Westasien weit verbreitet und kommt in Mitteleuropa überall vor.
  • Verwendete Pflanzenteile: Früchte, früher auch Samen, Rinde und Blüten
  • Anwendungsgebiete:
Zweig einer Eberesche mit Blättern und roten Vogelbeeren.
Die Annahme, dass Vogelbeeren giftig sind, ist nach wie vor weit verbreitet. Tatsächlich sind die Beeren aber gar nicht toxisch, sondern enthalten sogar jede Menge gesunde Inhaltsstoffe. (Bild: Janet Worg/stock.adobe.com)

Eberesche – Inhaltsstoffe

Vogelbeere enthält reichlich Vitamin C, nach den ersten Frösten im September schmecken die Früchte zwar süßer, aber dafür nimmt der Gehalt des Vitamins ab. Außerdem ist Provitamin A vorhanden. Eberesche bietet weiterhin Ascorbinsäure (0,06 – 0,13 Prozent bei nicht bitteren Früchten, 0,035 – 0,045 Prozent bei bitteren Früchten) und Parasorbinsäure, welche beim Trocknen zu Sorbinsäure wird. Hinzu kommen

  • Pektine,
  • Tannine (Gerbstoffe),
  • organische Säuren,
  • Apfelsäure,
  • Bernsteinsäure,
  • Zitronensäure,
  • Weinsteinsäure,
  • cyanogene Glykoside
  • und Zucker/Zuckeralkohol (Saccharose, Sorbit etc.).

In den halbbitteren Früchten ist der Zuckergehalt nur halb so hoch, der Sorbitgehalt hingegen wesentlich höher. Die Samen wurden früher in der Volksheilkunde verwendet, diese wirken adstringierend. Heute wird von diesem Gebrauch jedoch abgeraten: Der Amygdalingehalt in den Samen ist hoch und kann leicht toxisch wirken.

Wirkung der Vogelbeeren

Die in den Früchten enthaltenen Tannine wirken adstringierend und helfen bei der Wundheilung und gegen Durchfall, da sie Gewebe zusammenziehen und so Blutungen eindämmen. Sie ziehen auch den Darmtrakt zusammen und helfen dadurch gegen Entzündungen des Dünndarms. Die Tannine beziehungsweise Gerbstoffe haben zudem einen harntreibenden Effekt.

Die Früchte der Eberesche wirken ausgezeichnet gegen Entzündungen und wurden hier traditionell vor allem als Mus oder Sud gegen Hämorrhoiden eingesetzt. Ein Extrakt aus der Rinde diente als Mittel gegen Entzündungen im Intimbereich. Ein Auszug aus der Vogelbeere hilft gegen den Augeninnendruck bei einem Glaukom (Grüner Star). Dazu wird dieses Sorbit intravenös in die betroffene Region gespritzt.

Eberesche – Naturheilkunde

Für die einfachen Menschen in Europa war die Vogelbeere mit ihrem hohen Gehalt an Vitamin C vor allem ein wichtiges Mittel gegen den weit verbreiteten Skorbut – denn diese Krankheit, bei der das Zahnfleisch verfault und die Zähne ausfallen, wird durch den Mangel an Vitamin C hervorgerufen.

In der Volksmedizin Mitteleuropas galt Eberesche darüber hinaus als ein Allround-Heilmittel. Ein Brei aus den Früchten sollte die Verdauung anregen, gegen Verstopfung und Unruhe im Magen helfen. Die Früchte waren ein Mittel gegen alle Arten von Erkältungskrankheiten, Rheuma und Gicht. Die Sorbose in den Vogelbeeren diente früher als Zuckerersatz in Form des aus ihr gewonnenen Sorbits, der sich auch für Diabetiker eignet. Heute wird der Stoff industriell produziert.

Die Volksheilkunde nutzte Mus aus den Früchten, Tee aus den Früchten und der Rinde sowie die Samen unter anderem gegen Leber- und Gallenbeschwerden wie Leberzirrhose, Gallengangsentzündungen, Gallenstau, Gallenblasenentzündungen oder Gallensteine. Eine Diagnose der jeweiligen Erkrankung war jedoch in der Regel nur durch Symptome wie kolikartige Schmerzen oder Druck im Unterbauch möglich. Weitere Krankheitsbilder, die mit Eberesche behandelt wurden, waren

Eine Tasse mit Tee und Zweige mit Vogelbeeren auf einem Holztisch.
Tee aus den Früchten der Eberesche kann unter anderem bei Magen-Darm-Beschwerden helfen. (Bild: Angelic/stock.adobe.com)

Antioxidative Wirkung

Eine Studie von Forschenden der Universität Lodź zeigte, dass Sorbus aucuparia im direkten Vergleich mit zwei verwandten Spezies (Sorbus aria und Sorbus intermedia) die stärkste antioxidative Aktivität entfaltete. Dazu wurden 70-prozentige Methanolextrakte von den Blättern und Früchten der drei Arten mittels dreier In-vitro-Testsysteme verglichen. Eberesche zeigte nicht nur eine überlegene Effektivität, sondern auch den höchsten Wert an Phenolen und dadurch von allen drei Verwandten das größte Potenzial für natürliche Gesundheitsprodukte.

Eberesche – Baum des Donnergottes

Die Eberesche inspirierte die Mythologie des Nordens. So galt sie bei den germanischen Kulturen als Baum des Donnergottes Thor, der im Süden Germaniens „Donar“ hieß – daher unser Donnerstag, der Donarstag und der Donner. So erzählt das literarische Werk „Edda“, dass eine Eberesche dem Gott das Leben rettete: Thor soll in einen reißenden Fluss gestürzt sein und wäre fast ertrunken, da ergriff er einen Zweig des Baumes und konnte sich an ihm ans Ufer ziehen. Im Norwegischen heißt die Vogelbeere deshalb „Thorsbjörg“ (Thors Begegnung).

Im deutschen Volksglauben sollte eine Eberesche auf dem Hof als Baum des Donnergottes den Blitz davon abhalten, in das Haus einzuschlagen. Kränze aus Vogelbeeren wurden dazu vor die Fenster oder unter den Dachstuhl gehängt. Auch bei den Kelten war Sorbus aucuparia ein spiritueller Baum, der in Heiligen Hainen und an Gerichtsplätzen wuchs. Sie war eine Druidenpflanze und diese schnitzten ihre Stäbe aus ihrem Holz.

Vogelbeeren – Früchte der wilden Hecke

Vogelbeeren gelten noch heute als giftig, und viele Eltern warnen ihre Kinder davor, sie zu essen. Das stimmt aber nicht: Die Vogelbeeren sind nicht toxisch, sie schmecken nur in rohem Zustand und vor dem ersten Frost bitter – dies liegt an den Bitterstoffen, besonders an der Parasorbinsäure. Durch Kochen verschwindet dieser bittere Geschmack jedoch, und die bittere Parasorbinsäure verwandelt sich in die mildere Sorbinsäure.

Die Beeren reifen im Herbst und sind weithin sichtbar in knallorange bis leuchtend hellrot. Bis Oktober lassen sie sich ernten und ziehen Vögel ebenso magnetisch an wie Bilche und Mäuse. Daher stammen auch die Volksnamen der Eberesche wie Vogelbeere, Amselbeere, Drosselbeere oder Gimpelbeere, denn Amseln, andere Drosseln und Gimpel gehören zu den Arten, die die Früchte lieben. Um die Beeren zu ernten, sollten Sie nicht zu lange warten, denn sie sind schnell im Magen von Tieren verschwunden.

Bevor Sie die Beeren zubereiten, waschen Sie diese gründlich und zupfen sie von den Dolden. Die Früchte fördern mit ihrem hohen Gehalt an Vitamin C und Gerbstoffen nicht nur einen stabilen Herzkreislauf und helfen bei Erkältung und Verdauungsstörungen – sie schmecken auch noch gut und lassen sich bestens zu Saft, Likör, Wein, Marmelade, Mus oder Sauce verwandeln.

Ein Glas mit Ebereschenmarmelade, Vogelbeeren und ein kariertes Tuch auf einen Holztisch.
Die Früchte der Eberesche schmecken gekocht richtig lecker und eignen sich daher wunderbar für die Herstellung von Marmelade. (Bild: kwasny221/stock.adobe.com)

Eberesche – Blatt und Tee

In der Naturheilkunde wird aus den Blättern und Früchten der Vogelbeere ein Tee gewonnen. Dieser wird gegen Verdauungsbeschwerden, Husten, bronchiale Erkrankungen und Magen-Darm-Probleme eingesetzt und soll auch bei Rheuma, Gicht und Hämorrhoiden helfen.

Eberesche – Verbreitung

Eberesche gehört zu den Mehlbeeren und zur Familie der Rosengewächse. Es handelt sich um ein Kernobstgewächs und die Früchte erinnern an winzige Äpfel. Der Baum ist in ganz Europa in mehreren Unterarten verbreitet, von Westsibirien bis nach Spanien und von Norwegen bis nach Sizilien und den Norden Griechenlands.

Der Baum stellt wenig Ansprüche und gilt als typische Pionierpflanze, die schnell neu geschaffene Brachflächen besiedelt wie zum Beispiel durch Holzeinschlag entstandene Lichtungen, still gelegte Fabrikgelände oder auch Böschungen an Bahndämmen. Sie ist ein klassischer Baum wilder Hecken, wächst in Laub- wie in Nadelwäldern, auf Moorboden und auf Magerrasen.

Vogelbeere ökologisch

Eberesche ist für Vögel und Kleinsäuger einer der wichtigsten Bäume in Wald und Garten – für den Naturgarten ist sie die Vogelpflanze Nummer eins und dementsprechend ein Must-have: Für eine Wildhecke im tierfreundlichen Ökogarten haben Sie mit Eberesche, Schlehe und Weißdorn den Grundstock gelegt. Von den Früchten der Amselbeere ernähren sich 63 Vogelarten, damit führt sie die Liste der Vogelnahrungspflanzen an – vor dem Schwarzen Holunder (62 Arten) und dem Traubenholunder (47 Arten).

Besonders wichtig – ja eine Hauptnahrungsquelle – sind die Früchte der Eberesche für Amsel, Singdrossel, Misteldrossel (plus Mistelfrüchte), Wacholderdrosseln (plus Wacholderfrüchte), Rotkehlchen, Star und Mönchsgrasmücke. Zur Zugzeit fallen Rotdrosseln und Seidenschwänze in Schwärmen über die Beeren her.

Zu den Vögeln, die gerne Vogelbeeren verspeisen, gehören weiterhin unter anderem der Schwarzspecht, Buntspecht, Gimpel, Buchfink, Kleiber und Eichelhäher sowie die Alpenkrähe, Rabenkrähe, Elster, Blaumeise und Gartengrasmücke. Kleinsäuger, die Vogelbeeren lieben, sind Siebenschläfer, Haselmaus, Erdmaus, Gelbhalsmaus und Feldmaus.

Die Blätter, Triebe und Knospen der Bäume dienen dem Schalenwild, also Rothirschen, Rehen und Wildschweinen, als Leckerbissen. Die Vogelbeere hat dadurch einen großen Nutzen für die Forstwirtschaft, denn in Buchenverjüngungen halten sich so die Verbissschäden durch das Wild in Grenzen. Die Eberesche trägt in hohem Ausmaß zur Biodiversität bei – in Wald, Flur und Garten. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Schilcher, Heinz; Kammerer, Susanne; Wegener, Tankred: Leitfaden Phytotherapie, Urban & Fischer in Elsevier, 2007
  • van Wyk, Ben-Erik; Wink, Coralie; Wink, Michael: Handbuch der Arzneipflanzen: Ein illustrierter Leitfaden, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2004
  • Bayrische Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft (LWF): LWF-Wissen 17: Beiträge zur Vogelbeere (Abruf: 7.2.2020), LWF
  • Olszewska, Monika A.; Michel, Piotr: Antioxidant activity of inflorescences, leaves and fruits of three Sorbus species in relation to their polyphenolic composition, in: Natural product research, 23(16): 1507-21, November 2009, PubMed

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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