Rote Zaunrübe – Wirkungen und Gefahren

Die Rote Zaunrübe, auch Rot-Zaunrübe, Rotfrüchtige Zaunrübe oder Zweihäusige Zaunrübe, liebt Wärme, rankt sich bis zu vier Meter an Bäumen und Wänden entlang und schmückt Hecken mit scharlachroten Beeren. Wie Bilsenkraut oder Tollkirsche zählt Bryonia dioica zu den äußerst giftigen Pflanzen. Trotzdem setzte die Volksmedizin sie häufig ein – als Brechmittel, gegen Wurmbefall und um ungewollte Schwangerschaften abzubrechen.

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Bryonia dioica / Bryonia cretica
  • Volksnamen: Tollrübe, Teufelsrübe, Hundskürbis, Hundswurzel, Sauwurzel, Rossrübe, Falsche Alraune, Heckenrübe, Weißer Enzian, Scheißwurz, Gichtwurz, Faulwurzel, Stinkwurzel, Stickwurzel, Schmeerwurz, Zaunranke, Faselwurz.
  • Vorkommen: Mittel- und Südeuropa, Nordafrika, Westasien
  • Verwendete Pflanzenteile: Historisch wurden die Früchte, Blätter und Wurzeln eingesetzt sowie die jungen Triebe.
  • Anwendung: Die gesamte Pflanze ist giftig. Historisch wurde sie gegen Gicht und Rheuma verwendet, gegen Schlangenbisse und andere Vergiftungen, gegen Epilepsie, zum Einleiten der Geburt, gegen Atemnot, Husten, Tuberkulose, Lungenentzündung und äußerlich gegen Hautflecken und Geschwüre. Die Rote Zaunrübe und verwandte Arten galten als Mittel gegen Tumore. Vor allem diente Bryonia als Brech-, Abtreibungs- und Abführmittel.
Die bis zu zehn Zentimeter großen Blätter sind rau behaart, die (unreifen) Früchte sind grün und werden später scharlachrot. (Bild: Jolanta Mayerberg/stock.adobe.com)

Inhaltsstoffe

Rote Zaunrübe ist eine sehr giftige Pflanze. Sie schmeckt bitter, was an den toxischen Bitterstoffen liegt, den Cucurbitacinen; das sind C30-Steroide – tetrazyklisch aufgebaute Triterpenverbindungen. Von diesen Cucurbitacinen enthält Bryonia mehr als 20, meist in Form von Glykosiden. Weiter verfügt Bryonia über Bryoamarid, Bryonosid, Bryosid, Bryonolsäure, zudem Chrysophansäure, die Proteine Bryodin-L, und Bryodin-R sowie Lectine. Die Blätter enthalten Alkaloide, Flavonoide, Anthraquinone, Sterole und Terpenoide.

Wirkungen – Vergiftung und Immunstimulanz

Leichte Vergiftungen zeigen sich als Magenbeschwerden, Abgeschlagenheit, blutigem Durchfall, Übelkeit und Erbrechen. Schwere Vergiftungen mit Zaunrübe äußern sich als Blutungen, Krämpfe, die denen bei Tetanus ähneln, Störungen des Nervensystems, damit des Denkens und der Motorik, Herzrasen und Nierenschäden. Der Tod setzt vor allem durch Atemlähmung ein. Das Berühren der Pflanze führt zu Schmerzreizen, entzündeter Haut, die sich rötet und Blasen bildet.

Stoffe der „Tollrübe“ wirken womöglich gegen folgende Leiden: Lungenerkrankungen, Arthritis, rheumatische Beschwerden und Gichterkrankungen, Entzündungen der Atemwege, des Bauchfells und des Rippenfells, Verdauungsstörungen, Leberkrankheiten und metabolische Störungen. Die Evidenz ist aber unzureichend. Bryoniawurzeln dienten auch als Narkotikum, um Schmerzempfinden zu beseitigen.

Sicher ist die „Gichtwurz“ hingegen ein (riskantes) Brechmittel, Abführmittel und Diuretikum, denn wiederholtes Erbrechen und Durchfall gehören zu den Kennzeichen einer Vergiftung mit der „Teufelsrübe“. Wegen den durch die Giftwirkung ausgelösten Krämpfen und Brechreizen war die Zaunrübe auch als Abtreibungsmittel bekannt. Ihre toxischen Effekte machen eine Anwendung der Pflanze zu diesen Zwecken heute obsolet.

Bioaktive Stoffe in Bryonia stimulieren das Immunsystem, was vermutlich – valide Studien dazu stehen aus – antientzündliche Effekte hat und den historischen Einsatz gegen Gicht, Rheuma, Lungen- wie Leberentzündungen erklären könnte. Extrakte aus der Droge finden sich als Immunstimulanz in Fertigarzneien. Die Gefahr einer Vergiftung besteht bei solchen Präparaten nicht.

Extrakte der Zaunrübe in Fertigarzneien sind gefahrlos, eine Vergiftung auf diesem Wege ist ausgeschlossen. (Bild: Ретин Николай/stock.adobe.com)

Brechmittel

Brechmittel, medizinisch Emetika, sind Medikamente, die Erbrechen auslösen. Sie werden eingesetzt, um oral zugeführte Gifte aus dem Magen zu entfernen und so eine Vergiftung zu verhindern. Ein gängiges Mittel, das aber aufgrund kardiotoxischer Stoffe nur bei schwerwiegenden oralen Vergiftungen eingesetzt wird, ist Ipecacuanha-Sirup aus der gleichnamigen südamerikanischen Pflanze. Bryonia wird heute wegen der stark toxischen Wirkung nicht mehr als Brechmittel in der Medizin verwendet.

Besondere Warnung – Schwangerschaft, Stillzeit und Darmerkrankung

Zaunrübe sollten Sie generell nicht im Eigenversuch einnehmen, da schwere Vergiftungen mit schlimmstenfalls tödlichen Folgen drohen. Besonders gefährdet sind Schwangere und Stillende. Oral eingenommene Wurzeln, Früchte und Blätter können eine Fehlgeburt auslösen und ernste Folgen für die Schwangere, die Stillende, den Fötus oder den Säugling haben.

In der Volksmedizin war Bryonia ein Mittel gegen Beschwerden des Magen-Darm-Traktes. Auch auf eine solche Anwendung als Hausmittel sollten Sie verzichten, generell und besonders, wenn sie unter Störungen des Magen-Darm-Traktes leiden, an chronischen Darmerkrankungen, an Gastritis, Colitis ulcerosa und ähnlichen Erkrankungen. Zaunrübe kann den Magen-Darm-Trakt reizen und bestehende gastrointestinale Erkrankungen verschlimmern.

Bryonia – Dosierung

Eine ungefährliche Dosierung von Bryonia lässt sich beim Verzehr der Pflanze kaum angeben. Als Faustregel aus Erfahrung gilt: Sechs bis acht Beeren führen bei Erwachsenen zu wiederholtem Erbrechen. Als tödliche Dosis gelten bei Erwachsenen 40 Früchte, bei Kindern 25. Von Versuchen nach dem Motto „drei Beeren sind kein Problem“ sollten Sie absehen, denn der Gehalt der bioaktiven Stoffe schwankt von Pflanze zu Pflanze.

Die falsche Alraune – Mythos, Volksmedizin und Homöopathie

Der Saft der „Tollrübe“ wurde im Mittelalter und der frühen Neuzeit auf Ekzeme und Hautgeschwüre gepresst, sowie auf Körperstellen, die von Gicht betroffen waren. Äußerlich sollte sie Hautflecken zum Verschwinden bringen (auch Muttermale, Leberflecken und Sommersprossen). Zaunrübenbrei wurde auf Abszesse gelegt, damit diese aufplatzten.

Aufgelegte Blätter und ausgepresste Beeren sowie Breiumschläge sollten gegen Schwellungen wie Ödeme helfen. Innerlich dienten Tees, Extrakte oder Breie aus Früchten, Blättern und Wurzeln dazu, Erkrankungen der Atemwege zu behandeln – besonders Lungenentzündung und Lungentuberkulose.

In der Volksmedizin lassen sich die übernatürlichen Zuschreibungen von der medizinischen Anwendung kaum trennen, da Glaube und Heilkunde sich verknüpften. In Kräuterlehrbüchern des Mittelalters wird Bryonia erwähnt: Begriffe wie Teufelswurzel zeigen die religiösen Zuschreibungen – Namen wie Scheißwurz deftig den konkreten Gebrauch.

Die Rote Zaunrübe mit ihren mächtigen Wirkungen auf den menschlichen Körper war seit der Antike als Heilpflanze begehrt und als Gift gefürchtet. Wie üblich bei Pflanzen mit derartigen bioaktiven Kräften galt sie als Zauberkraut. Die mit Fantasie an einen Menschen mit Armen und Beinen erinnernde Wurzel galt als Ersatz für die seltene (und ebenfalls giftige) Alraune – im Mittelalter ein zauberwirkendes Allheilmittel. Die Menschen schnitzten aus den Wurzeln Figuren – diese sollten böse Geister, Hexen und Dämonen fernhalten.

In der Homöopathie gilt Bryonia als passendes Mittel für jähzornige Menschen, deren Gedanken um Geld kreisen, die sich keine Arbeitspause gönnen und andere Menschen auf Distanz halten. Homöopathie setzt Extrakte aus der frischen Bryonia-Wurzel ein gegen Husten mit stechenden Schmerzen, gegen rheumatische Erkrankung und gegen Verstopfung bei Gallenbeschwerden.

Bryonia verwendet die Homöopathie in Verdünnungen (Potenzen) von D 6 bis D 12. Zumindest bei stärkeren Verdünnungen sind keine bioaktiven Stoffe mehr nachweisbar – und ohne Wirkstoff besteht auch keine Gefahr, sich zu vergiften.

Bryonia wird in der Homöopathie oft für Personen, die jähzornig sind und von finanziellen Motiven getrieben werden, empfohlen. (Bild: Viacheslav Iakobchuk/stock.adobe.com)

Bryonia in Naturheilkunde, Komplementärmedizin und Phytotherapie

Naturheilkunde nutzt, einfach gesagt, Mittel, die nicht synthetisch produziert werden wie Wärme, Kälte, Luft, Wasser, Bewegung, Pflanzen oder Erden. Natur ist aber keinesfalls generell sanft; Lebewesen haben vielmehr zahllose Methoden entwickelt, Fressfeinde fernzuhalten oder Beute zu erlegen – dazu gehören hochwirksame Gifte.

Als Mittel der Phytotherapie spielt Zaunrübe deshalb keine Rolle – der Einsatz von Bryonia, die tödliche Vergiftungen schon in relativ geringen Dosen auslöst, verbietet sich für das Heilen mit Pflanzen. Das gilt generell für die Naturheilkunde. Auch als Komplementärmedizin, also als Ergänzung zu anderen Therapien, eignet sich die hochtoxische Pflanze nicht.

Zaunrübe in der Geschichte der Pharmakologie

Bryonia fand auch Eingang in die akademische Pharmakologie. In den Physika-Dokumenten des Spätmittelalters, die vermutlich auf Hildegard von Bingen zurückgehen, wird die Pflanze als „Stichwurtz“ erwähnt und ausdrücklich als Gift genannt. Dieses „Unkrut“ sei jedoch gut, um andere Gifte zu bekämpfen und giftige Tiere abzuhalten. Der Sud der gekochten Wurzel sollte gegen geschwollene Füße helfen.

In Kräuterlehrbüchern der frühen Neuzeit wird Bryonia mehrfach genannt, und die Rezepte daraus sollten dazu dienen, Wunden zu reinigen, und, oral eingenommen, gegen Wurmbefall helfen und abführend wirken. Radix Bryonia, die Wurzel, findet sich in den ersten Ausgaben der „Preußischen Pharmakopoe“ ab 1799. Ab dem frühen 19. Jahrhundert wurden Wirkstoffe in der Zaunrübe untersucht, Louis-Nicolas Vauquelin fand den Stoff „Bryonin“. 1815 widmete sich Mathieu Orfila, der Pionier der wissenschaftlichen Toxikologie, Bryonia in einem Kapitel seiner „Abhandlung über Gifte“.

Zaunrübe für die Leber?

Eine Studie von 2014 an Ratten deutet darauf hin, dass Bryonia dioica eine leberschützende Wirkung haben könnte. Weitere Forschung ist nötig, um einen hepatoprotektiven Effekt valide zu belegen und ihn in der Folge für Medikamente gegen Lebererkrankungen zu nutzen.

Rote Zaunrübe – Merkmale, Vorkommen und Verbreitung

Die Rote Zaunrübe kommt in Europa ebenso vor wie in Vorderasien, sie liebt Wärme und ist in Mitteleuropa nur im Süden häufig, in Norddeutschland selten. Es handelt sich um eine zähe Rankenpflanze mit einer dicken Wurzel (Rübe), die Ranken können bis zu vier Meter Länge erreichen. Der Stängel verfügt über spitze Knoten und kurze Borsten.

Die Blätter sitzen an einem kurzen Stiel, haben einen Durchmesser von bis zu zehn Zentimeter und sind fünfeckig „wie eine Hand“, dazu auffällig behaart. Die Früchte (Beeren) werden bis sieben Millimeter im Durchmesser, bilden Kugeln und sind unreif grün, später grellrot. Zaunrübe bevorzugt lockeren Lehmboden und braucht viele Nährstoffe. Das natürliche Habitat sind Auwälder, wir finden sie auch in wilden Hecken und buschreichen Gehölzen.

Verwechslungsgefahr

Die handförmig gelappten Blätter erinnern an die des Efeus. Efeublätter werden gesammelt, da sie in der Phytotherapie stark wirken gegen Reizhusten und Bronchialerkrankungen. Wenn die Früchte gereift sind, lassen sich die Pflanzen einfach unterscheiden, da die Rote Zaunrübe scharlachrote Beeren bildet, Efeu aber eine schwarze Steinfrucht mit zwei oder drei Kernen.

Auf der Oberfläche der Bryoniablätter wachsen meist Haare, so dass sie sich rau anfühlen; Efeublätter fühlen sich hingegen glatt an – wie frisch getrockneter Lack. Ansonsten lässt sich Rote Zaunrübe mit den verwandten Bryoniaarten verwechseln, besonders mit der Weißen Zaunrübe (Bryonia alba), die aber schwarze Früchte trägt. Auch die Zwillingsart ist sehr giftig.

Fazit

Rote Zaunrübe ist eine hochgiftige Pflanze und sollte deshalb auf keinen Fall als Hausmittel eingesetzt werden. Die bioaktiven Stoffe in Bryonia lassen ein großes Potenzial für Arzneimittel vermuten – dieses ist aber weitgehend unerforscht. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Enas Jawad Kadhim: Phytochemicals Investigation and Hepato-Protective Studies of Iraqi Bryonia Dioica (Family Cucurbitaceae), In: International Journal of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences, Volume 6, Issue 4, 2014, researchgate
  • Benarba, Bachir: Ethnomedicinal study of Bryonia dioica, a plant used as anti-breast cancer herbal therapy in North West Algeria. Journal of Medicinal Herbs and Ethnomedicine, 2015, researchgate
  • Amal A. Sallam et al.: Cucurbitacins from Bryonia cretica, In: Phytochemistry Letters Volume 3, Issue 3, Seite 117-121, 20 September 2010, elsevier

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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