Tanne als Heilpflanze – Wirkung und Anwendung

Den Tannenbaum kennen wir erleuchtet zur Weihnachtszeit. Die Weißtanne (Abies alba) liefert indessen eine Menge heilender Stoffe in ihren Zweigspitzen und ihren Zapfen. Wir nutzen sie als Badeöl, in der Kosmetik, in Seifen und als Erkältungsbalsam. Neue Studien zeigen ein großes Potenzial gegen entzündliche Erkrankungen.

Steckbrief zur Tanne

  • Wissenschaftlicher Name: Abies Alba
  • Volksnamen: Weißtanne, Silbertanne, Edeltanne (Edeldann, Edeltane etc.), Rauchtannen, Tannenbaum, Tannin-Holz, Waldtanne, Taxtanne, Kreuztanne, Lichtbaum, Masttann, Mastbaum, Wettertanne
  • Familie: Kieferngewächse (Pinaceae)
  • Verwendete Pflanzenteile: Harz, Nadeln, Zweigspitzen (Triebe), Zweige und Rinde
  • Verbreitung: Die Weißtanne ist unter den Bäumen die Zeigerpflanze für den subozeanischen Gebirgsraum Europas von den Pyrenäen bis zum Balkan. Ihre natürliche Verbreitung ist damit fast deckungsgleich.
  • Anwendungsgebiete: Durchblutungsstörungen, Erkältung, Entzündungen der Atemwege, Beschwerden der Harnwege, rheumatische Erkrankungen, Desinfektion, Deodorant, Entspannung, Reduzieren von Stress
Ein Tannenzweig mit Zapfen.
Tannenzapfen fallen nie als ganzer Zapfen zu Boden, sondern nur die einzelnen Schuppen. (Bild: maggiw/stock.adobe.com)

Abies alba – Eine Übersicht

  • Die Tanne gilt in der Mythologie und der Volksmedizin seit sehr langer Zeit als Baum mit heilenden Fähigkeiten.
  • Die moderne Wissenschaft hat nachgewiesen, dass Inhaltsstoffe der Weißtanne antioxidativ, antibakteriell und antiseptisch wirken.
  • Verwendet werden Harz, Nadeln, Zweigspitzen (Triebe), Zweige und Rinde. Deren Inhaltsstoffe decken sich zum Teil.
  • Ein großes Potenzial gegen antibiotikaresistente Bakterien bietet Tannenhonig.

Tannenzapfen, Nadeln und Harz – Inhaltsstoffe

Oleum Templini, das aus den Tannenzapfen gewonnene Öl, enthält im Wesentlichen Limonen, dazu unter anderem Borneol – die frischen Triebe ebenfalls. „Straßburger Terpentin“ heißt ein aus dem Harz unversehrter Bäume entstandener Balsam. Dieser glänzt mit ätherischen Ölen, Resen, Bernsteinsäure, Bitterstoffen und Harzsäuren. Das aus den Nadeln gewonnene Öl bietet Monoterpene, Limonen, Pinen, Phellandren und Camphen.

Tanne – Wirkungen

Tanne wirkt antiseptisch und balsamisch – es fördert den Auswurf, treibt den Harn und rötet die Haut. Öl aus den Nadeln wirkt gegen Husten, unter anderem gegen Asthma bronchiale und Keuchhusten. Aus den Zapfen gewonnenes Öl wird vor allem bei der Produktion von Seife eingesetzt und ist wegen seines Dufts verbreitet. Das Öl aus den Zweigspitzen lässt sich innerlich anwenden gegen Katarrhe in den Luftwegen. Äußerlich findet es Verwendung gegen leichte Muskelschmerzen und Nervenschmerzen. Tannenharz ist ein Schleimlöser.

Tanne als Heilpflanze – Anwendung

Nadelöl finden wir in Fertigarzneimitteln, als Badezusatz oder als Erkältungsbalsam, als Inhalationsmittel und als Zusatz zu Franzbranntwein. Sie können aus den Nadeln einen Tee kochen, der gegen Husten, Schnupfen und andere Symptome einer Erkältung hilft. Sie können die Nadeln auch kauen – das fördert die Durchblutung des Zahnfleisches.

Tannenzweige und Nadeln für die innere Anwendung

Für einen Tee aus den Trieben lassen wir zwei Gramm derselben in 100 Millilitern Wasser circa zehn Minuten ziehen und trinken zweimal pro Tag eine Tasse. Die jungen Zweige und Nadeln lassen wir ebenfalls mit zwei Gramm auf 100 Millilitern ziehen und trinken zweimal pro Tag eine kleine Tasse gegen Beschwerden der Harnwege und rheumatische Erkrankungen.

Vorsicht: Beide Tees können zu Verdauungsstörungen beziehungsweise Durchfall führen. Sie können die Dosis langsam steigern, wenn Sie merken, dass Sie diesbezüglich keine Probleme bekommen.

Wenn Sie einen Tee aus Tannennadeln mit etwas Zitronensaft und Honig verfeinern, verbessern Sie erstens den Geschmack und führen sich zweitens zusätzlich Vitamin C zu.

Tannenzweige und zwei Fläschchen mit Öl auf hölzernem Untergrund.
Tannenöl ist aufgrund seiner auswurffördernden und schleimlösenden Eigenschaften ein beliebtes Hausmittel bei Husten und anderen Erkrankungen der Atemwege. (Bild: Madeleine Steinbach/stock.adobe.com)

Äußere Anwendung

Triebe, Zweige und Nadeln lassen sich einsetzen, um den Blutkreislauf zu aktivieren, sie wirken desinfizierend und lindern Schweißgeruch. Dazu lassen wir fünf Gramm Zweige, Triebe und/oder Nadeln auf 100 Milliliter Wasser ziehen, tränken ein Tuch mit der Flüssigkeit und legen es auf die entsprechende Hautstelle.

Weißtanne – weitere Anwendungen

Tannenhonig schmeckt intensiv. Er ist in der Volksheilkunde als Mittel gegen Entzündungen der Atemwege bekannt. Zumindest enthält er antioxidative und antibakterielle Stoffe. Ein Sud aus der abgekochten Tannenrinde wurde und wird als Mittel gegen Nierenerkrankungen verwendet. Valide Studien dazu stehen aber aus. Ein Sud aus den Wurzeln soll rheumatische Schmerzen lindern.

Das Tannnenharz war historisch eine Art Kaugummi. Es soll das Zahnfleisch stärken und Zahnausfall verhindern. Das Harz enthält ätherische Öle, Resene, Bernsteinsäure, Bitterstoffe und Harzsäuren, und die darin enthaltenen Inhaltsstoffe fördern die Durchblutung und wirken antiseptisch, sodass es sich bei dem heilenden Harzkaugummi nicht um Aberglauben handelt.

Tannenhonig gegen resistente Bakterien?

Eine neue Studie aus Kroatien untersuchte die antimikrobiellen und antioxidativen Effekte von Tannenhonig aus den Bergen Kroatiens als eine potenzielle Alternative zu Standardantibiotika und chemotherapeutischen Präparaten.

Tannenhonig hat einen höheren Anteil an Mineralstoffen und Vitaminen als Nektarhonig. Seine dunkle Farbe verweist darauf, dass er generell besser antioxidativ wirkt als hellere Honigtypen. Für die antioxidativen Eigenschaften sind vor allem die Flavonoide und Phenolsäuren verantwortlich.

Tannenhonig gehört also zu den Nahrungsmitteln mit reichlich Antioxidantien, die dazu beitragen können, die generelle Kondition von Patienten und ihre Immunstärke zu verbessern – besonders wichtig ist dies für Betroffene mit chronischen Krankheiten und Krankheiten ohne Aussicht auf Heilung wie zum Beispiel chronische Entzündungen und Krebs. Tannenhonig hat ein solches Potenzial, auch wenn die dahinterliegenden Mechanismen sowie die Stärke der Effekte noch nicht hinreichend untersucht sind.

In der genannten Studie wurde nun die antimikrobielle Aktivität gegen Staphylokokken und Acinetobacter getestet. Die Ergebnisse waren positiv. Stämme beider Bakterien, die Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt haben, reagierten sensibel auf die Honigproben. Das Ergebnis legt nahe, dass die im Honig vorhandenen Antioxidantien freie Radikale unterdrücken und dabei zwei Schritte von Reaktionen auslösen. Kurz gesagt: Es gibt starke Indizien dafür, dass kroatischer Tannenhonig ein therapeutisches Potenzial hat und der menschlichen Gesundheit dienen kann.

Tannenrinde als Heilmittel

Eine Studie von 2013 untersuchte Tannenrinde, die in der Regel als Abfall der Holzindustrie anfällt und maximal zu Rindenmulch verarbeitet wird. Ziel der Studie war es, herauszufinden, ob die Rinde therapeutisches Potenzial hat. Das Ergebnis lautete: Ja. Zwar müssten weitere Studien folgen, die genau untersuchen, wie und wie stark Tannenrindextrakte gegen freie Radikale wirken – dass sie wirken ist indessen belegt.

Stamm einer Weißtanne
Die Rinde der Weißtanne ist in der Jugend glatt und wird im Alter dunkler und schuppiger. Einer Studie zufolge hat auch diese therapeutisches Potenzial. (Bild: Marc/stock.adobe.com)

Weißtanne – Biologisch

Weißtannen sind immergrüne Nadelbäume, deren gerader Stamm bis zu 50 Meter in die Höhe wachsen kann. Die Äste stehen horizontal ab. An den Zweigen sind die Nadeln rechts und links angebracht und bei genügend Wasser tannengrün. Den Blütenstand bilden zwei Arten von Zapfen: Die kleinen männlichen befinden sich am äußeren Ende der Zweige, die großen weiblichen stehen hingegen aufrecht. Als Früchte bezeichnen wir die weiblichen Zapfen. Diese öffnen sich zur Reifezeit und lassen die Deckblätter mit den Samen auf den Boden fallen.

Wo wächst die Weißtanne?

Die Weißtanne ist ein häufiger Baum Mittel- und Südeuropas. Von Natur aus handelt es sich um einen Gebirgssiedler. Ohne den Eingriff des Menschen würden Tannen in Deutschland in 400 bis 2000 Meter Höhe wachsen, in Tieflandwäldern hingegen Buchen und Eichen.

Wann sammeln wir?

Frische Triebe (Zweigspitzen) sammeln wir im April und Mai, bevor sie sich schließen. Zweige können wir das ganze Jahr lang sammeln. Da diese ganzjährig verfügbar sind, müssen wir sie nicht lagern.

Die Tanne im Mythos

„Oh Tannebaum, oh Tannebaum…“ – der erleuchtete Tannenbaum zu Weihnachten hat eine sehr alte Tradition, die mit dem Christentum aber nur wenig zu tun hat. Bei den Germanen der Antike war die Tanne ein heiliger Baum. Der Mittwinterbaum, der auch bei schlimmer Kälte seine grünen Nadeln nicht verlor, war ein Symbol für das Leben, das auch die härtesten Zeiten übersteht und damit für Kraft und Wachstum. Diese Nichtchristen behängten einen dieser Winterbäume mit Opfern wie Obst und Geschenken, um die Geister zu besänftigen. Besonders wichtig waren diese Opfer in der Zwischenzeit der Wintersonnenwende, denn dann galt die Welt zwischen Geistern und Menschen als durchlässig.

Stark mythisch aufgeladen war die Tanne auch als Baum des Feuers. Unsere Vorfahren sahen, dass Tannen sehr leicht brannten. Tan kommt vom Wort für Feuer. Bei den Griechen der Antike war die Tanne der Baum des Meeresgottes Poseidon, vermutlich, weil sie die Masten ihrer Schiffe aus den Tannenstämmen bauten.

Ein Mann hält ein Mädchen auf dem Arm, welches eine Kugel an einen geschmückten Weihnachtsbaum hängt.
Für die meisten Familien hierzulande gehört ein geschmückter Tannenbaum zu Weihnachten einfach dazu. (Bild: pressmaster/stock.adobe.com)

Die christliche Heilkundige Hildegard von Bingen glaubte im Mittelalter, die Tanne sei ein heiliger Baum, der vor bösem Zauber schützte. Orte, an denen Tannen wuchsen, waren ihr zufolge solche Schutzorte.

Heute belegte medizinische Wirkungen des Nadelbaums mischten sich mit magischen Praktiken: So gab es einen Brauch, einem Verstorbenen einen Tannensamen unter die Zunge zu legen, damit neues Leben wachsen konnte. Tannenzweige wurden bei einer Kindsgeburt verbrannt, um böse Geister zu vertreiben. Der Rauch der Zweige hat eine reale medizinische Wirkung, und diese Praxis könnte sich entwickelt haben, weil sich die körperliche Verfassung der Mütter tatsächlich stärkte.

Die Tanne in der Ethnomedizin und Medizingeschichte

Bereits der antike Stern der Medizingeschichte Europas, Hippokrates, lobte die heilende Kraft des Tannenharzes, laut Hildegard von Bingen förderte das Harz die Durchblutung und das Heilen von äußeren Wunden. In der Neuzeit galt ein Aufguss aus Tannennadeln als Mittel gegen Skorbut.

Sebastian Kneipp plädierte für Sitzbäder in Tannennadelaufgüssen, um eine Erkältung oder Blasenentzündung zu behandeln. Einen Trank aus grünen Tannenzapfen empfahl er Rednern und Sängern sowie generell bei Heiserkeit. In Wasser gekochte grüne Tannenzapfen sollten gegurgelt gegen Erkrankungen der Lunge helfen. American Natives nutzten die Nadeln der dortigen Tannen für Kopfkissen, um einen erholsamen Schlaf zu fördern.

Fazit

Weißtanne ist ein Baum mit einer Menge medizinisch wirksamer Stoffe, die sich sowohl als Hausmittel wie als Fertigarzneien anwenden lassen. Rezente Studien weisen darauf hin, dass das therapeutische Potenzial von Abies alba weit über die heutigen Anwendungen hinausgeht. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Hiller, Karl; Melzig, Matthias: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. 1. Band A bis K, Spektrum, 2000
  • Georg-August-Universität Göttingen: Abies alba - Die Weißtanne (Abruf: 21.1.2020), Uni Göttingen
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): Die Weißtanne (Abies alba) (Abruf: 21.1.2020), BMEL
  • Bayrische Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft (LWF): LWF-Wissen Nr. 45 - Beiträge zur Tanne (Abruf: 21.1.2020), LWF
  • Vasincu, A.; Creţu, E.; Geangalău, I. et al.: Polyphenolic content and antioxidant activity of an extractive fraction from Abies alba bark, in: Revista medico-chirurgicala a Societatii de Medici si Naturalisti din Iasi, 117(2): 545-50, 2013, PubMed
  • Broznić, Dalibor; Ratkaj, Ivana et al.: Evaluation of the Antioxidant Capacity, Antimicrobial and Antiproliferative Potential of Fir (Abies alba Mill.) Honeydew Honey Collected from Gorski kotar (Croatia), in: Food Technology and Biotechnology, 56(4): 533-545, Dezember 2018, PMC

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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