Elektrokrampftherapie bei Depressionen

Fabian Peters

Depressionen: Elektrokrampftherapie reduziert Hyperkonnektivität im Gehirn

21.03.2012

Schottische Forscher haben den Einsatz der sogenannten Elektrokrampftherapie (EKT) bei Depressionen genauer untersucht. Die „Elektrokrampftherapie reduziert die frontale kortikale Konnektivität bei einer schweren depressiven Störung“, schreiben die Forscher um Jennifer Perrina und Ian Reida von der Universität in Aberdeen in dem Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Science“ (PNAS).

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Die schottischen Forscher gehen davon aus, dass gemäß der sogenannten „Hyperkonnektivitäts-Hypothese“ bei Patienten mit schweren Depressionen vermehrt Verbindungen innerhalb des Cortex beziehungsweise zwischen dem Cortex und dem limbischen System aufgebaut werden, die einen wesentlichen Anteil an der psychischen Erkrankung haben. Durch die bis heute äußerst umstrittene Elektrokrampftherapie habe sich die kortikale Konnektivität bei den Probanden und die Ausprägung ihrer depressiven Symptome deutlich reduziert, berichten die schottischen Wissenschaftler.

Vorbehalte gegenüber der Elektrokrampftherapie
Bekannt geworden ist die umstrittene Elektrokrampftherapie durch den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, bei dem die Elektroschocks jedoch nicht zur Heilung sondern zur Bestrafung der Patienten eingesetzt wurden. Damit hatte die bereits in den 1930er Jahren in Italien und Ungarn entwickelte Behandlungsmethode ihren Ruf als unmenschliche Therapieform weg, obwohl bis dato teils beachtliche Erfolge mit der EKT erzielt werden konnten. Seit die Behandlung von Depressionen auf Basis von Medikamenten möglich ist, wird die EKT kaum noch angewandt. Psychiater bevorzugen in der Regel Antidepressiva, wobei deren Wirksamkeit jedoch oftmals begrenzt ist. Können mit den Medikamenten keine Behandlungserfolge erreicht werden, bleibt die EKT die letzte therapeutische Option. Auf diese wird in Großbritannien noch weit häufiger zurückgegriffen als hierzulande: 4.282 EKT-Behandlungen sind im Jahr 2010 laut Angaben des Scottish ECT Accreditation Network in den Vereinigten Königreichen erfolgt.

Wirkung der Elektrokrampftherapie untersucht
Die schottischen Forscher nennen als einen der Gründe für die seltene Anwendung der Elektrokrampftherapie, die fehlenden Kenntnisse über deren Wirkungsweise. Bei einer EKT wird mit Hilfe von Stromstößen ein epileptischer Anfall ausgelöst, der sich nach Ansicht von Ian Reida auf die „Verdrahtung“ der einzelnen Neurone auswirkt. Aus diesem Grund haben die Hirnforscher der Universität Aberdeen mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) und eines „einzigartigen Daten-getriebene Ansatzes zur Analyse funktioneller Konnektivität im Gehirn“, die Auswirkungen der EKT-Behandlung bei neun Patienten mit schweren Depressionen untersucht. Anhand der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten die Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Konnektivität der unterschiedlichen Hirnareale ziehen. Der zu beobachtende Rückgang der allgemeinen Konnektivität war laut Aussage der Forscher mit einer deutlichen Besserung der depressiven Symptome verbunden.

Verringerte Konnektivität geht mit reduzierten depressiven Symptomen einher
Vor und nach der EKT-Behandlung sollten die Depressionspatienten eine einfache Denkaufgabe lösen, wobei mit Hilfe der fMRT die Hirnaktivität gemessen wurde. Anhand eines mathematischen Algorithmus berechneten die Forscher anschließend die Veränderungen der funktionellen Konnektivität im Gehirn der Probanden. Dabei stellten sie fest, dass sich im Bereich der „linken dorsolateralen präfrontalen kortikalen Region (Brodmann-Areal 44, 45 und 46)“ nach der EKT eine deutliche Reduzierung der „durchschnittlichen globalen funktionellen Konnektivität“ ergab. Diese ging mit einer „signifikanten Verbesserung der depressiven Symptome“ einher, was sich in niedrigeren Werten auf der sogenannten „Montgomery Asberg Depression Rating Scale“ widerspiegelte, schreiben die Forscher um Jennifer Perrina und Ian Reida. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die EKT nachhaltige Auswirkungen auf die funktionale Architektur des Gehirns hat“, so die Aussage der Wissenschaftler.

Weitere Forschungen zum Einsatz der EKT bei Depressionen erforderlich
Nach Ansicht von Ian Reida stützen die Untersuchungsergebnisse die „Hyperkonnektivitäts-Hypothese“ bei Depressionen, wobei die erhöhte Konnektivität nicht nur als „Biomarker für affektive Störungen“ dienen kann, sondern auch „ein potenzielles therapeutisches Ziel“ darstelle. Zwar liefere ihre Studie keinen eindeutigen Beweise für den Zusammenhang zwischen der erhöhten Konnektivität und dem Auftreten von Depressionen, doch sollten nach Ansicht der schottischen Wissenschaftler hier dringend weitere Forschungen erfolgen. Die Probanden der aktuellen Studie sollen ebenfalls weiter beobachtet werden, um zu überprüfen, ob bei erneutem Auftreten der Depressionen abermals eine Hyperkonnektivität im Gehirn der Betroffenen zu verzeichnen ist. Jennifer Perrina und Ian Reida hoffen in weiteren Untersuchungen auch die bisherigen Schwächen der EKT genauer zu ergründen und möglicherweise sogar vermeiden zu können.

Mögliche Nebenwirkungen der Elektrokrampftherapie
Zwar zeige die EKT schon heute bei 75 bis 85 Prozent der Depressionspatienten einen deutlichen Effekt, doch dieser sei oftmals mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, erklärten die schottischen Forscher. So leiden die Patienten nach der EKT häufig an Gedächtnisstörungen, die meist die Zeitspanne unmittelbar vor und nach der Behandlung betreffen. Normalerweise gehen die Gedächtnisstörungen nach einigen Stunden bis Tagen von alleine wieder zurück, unter Umständen bleibt die Rückbildung jedoch inkomplett. Weiterreichende Schädigungen des Gehirns durch die Anwendung der EKT sind laut Aussage der Experten jedoch nicht zu befürchten und in Zukunft könnten durch Verbesserung der Therapie möglicherweise auch die Gedächtnisstörungen vermieden werden, so die Hoffnung von Ian Reida. Allerdings bleibt die Elektrokrampftherapie aufgrund der gesundheitlichen Risiken bei bestimmten Vorerkrankungen wie beispielsweise Gefäßaussackungen an der Hauptschlagader oder den Gefäßen des Gehirns, einem erhöhten Hirndruck oder einem überstandenen Herzinfarkt ausgeschlossen. Darüber hinaus erfordern Bluthochdruck, Schlaganfälle und die koronare Herzkrankheit eine gründliche Abwägung des Nutzens der EKT gegenüber den Risiken einer unterlassenen Therapie. (fp)