Mythen und Fakten: Was hilft gegen Alzheimer?

Astrid Goldmayer

Demenzforschung steht weiterhin vor zahlreichen Rätseln

05.03.2012

Im Kampf gegen Alzheimer kursieren wildeste Mythen. So soll ein Glas Rotwein am Tag genauso die geistige Fitness erhalten wie viel Gemüse oder Gehirnjogging. Doch die Fakten sprechen für sich: Bisher gibt es noch nicht den leisesten wissenschaftlichen Beweis dafür, dass einer Alzheimer-Erkrankung effizient vorgebeugt werden kann.

Alzheimer macht Angst
Wer fürchtet sich nicht davor, durch Alzheimer eines Tages seinen Verstand zu verlieren, seine Persönlichkeit aufzugeben, die eigne Unabhängigkeit einzubüßen und irgendwann vielleicht nur noch eine Last für die Angehörigen zu sein. „Wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer", berichtet Rudi Assauer, der erst kürzlich seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich machte. „Bloß nicht dement werden im Alter, das schwirrte mir oft im Kopf herum", so die Aussage des ehemaligen Fußballmanagers. Assauer kommt aus einer Familie, in der die Erkrankung bereits häufiger aufgetreten war.

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Nach bisherigem Kenntnisstand können Medikamente die Krankheit um möglicherweise ein Jahr verlangsamen. Eine Therapie zur Heilung von Alzheimer scheint jedoch noch in weiter Ferne. Die Wissenschaftler und Ärzte tappen trotz Forschungserfolgen weitgehend im Dunkeln.

Alzheimer beginnt viele Jahre vor den ersten Anzeichen für Demenz
Zunächst zeichnet sich bei Betroffenen leichte Vergesslichkeit ab. Sie stellen immer wieder die gleiche Frage oder erzählen die gleiche Geschichte, vergessen, wie man alltägliche Dinge im Haushalt verrichtet, verlegen Gegenstände und vernachlässigen ihre Körperpflege und ihr Äußeres. Im fortgeschrittenen Stadium erkennen sie selbst die eigenen Kinder nicht mehr. Doch die Krankheit beginnt viele Jahre vor dem Auftreten erster Anzeichen von Demenz mit der Ablagerung sogenannter seniler Plaques und Neurofibrillen im Gehirn. Die Proteinablagerungen der Plaques bestehen hauptsächlich aus dem Beta-Amyloid-Peptid. Neurofibrillenbündel liegen intrazellulär und sind aus dem Tau-Protein aufgebaut, welches durch verstärkte Besetzung mit Phosphorsäureresten (Hyperphosphorylierung) zu Fibrillen aggregiert. Es ist bisher unbekannt, ob die Tau-Phosphorylierung Auslöser der Krankheit ist oder erst durch sie ausgelöst wird. Durch die Ablagerungen sterben Neuronen ab, was zur Abnahme der Hirnmasse führt. Darüber hinaus wird der Botenstoff Acetylcholin in zu geringen Mengen produziert, was eine allgemeine Abnahme der Hirnleistung zur Folge hat.

Keine Beweise für veränderbare Einflussfaktoren bei Alzheimer?
Eine Gruppe führender Alzheimer-Forscher legte im Auftrag des amerikanischen Gesundheitsministeriums im April 2010 eine Analyse zum Thema Vorbeugung gegen Alzheimer und den Abbau geistiger Leistungsfähigkeit vor. Dafür analysierten Präventionsmedizinerin Martha Daviglus von der Northwestern University in Chicago und ihr Team aus unabhängigen Experten alle wichtigen Untersuchungen. Sie kamen zu dem Schluss, dass es derzeit „keinen Beweis von auch nur bescheidener wissenschaftlicher Qualität für einen Zusammenhang von einem veränderbaren Einflussfaktor – Nahrungsergänzungsmittel, Medikamente, Ernährung, Bewegung und soziales Engagement – und einem verringerten Risiko der Alzheimer-Krankheit" gebe. Ähnlich schätzen die Experten die Sachlage für das Thema „allgemeiner geistiger Abbau“ ein. Daraus könne man jedoch nicht schlussfolgern, dass eine Vorbeugung ausgeschlossen sei. Es könne beim bisherigem Kenntnisstand nur noch keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen werden.Die offene, schonungslose Darlegung der Ergebnisse stieß vielerorts auf Kritik. Von zu großem Pessimismus und Nihilismus wurde gesprochen. Andere Wissenschaftler lobten ihre Kollegen und empfanden die Auswertung als Aufruf zu mehr und besserer Alzheimer-Forschung. Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg, einer der führenden deutschen Alzheimer-Forscher, erklärte, dass man nun besser forschen könne, da die frühen Anzeichen der Erkrankung mittels Hirn-Scan sichtbar gemacht werden könnten.

Die US-Regierung hat mittlerweile entschieden, die finanziellen Mittel für die Alzheimer-Forschung 2012 um 50 Millionen Dollar zu erhöhen. Im nationalen Anti-Alzheimer-Plan heißt es, dass bis zum Jahr 2025 sowohl eine erfolgreiche Vorbeugung als auch Behandlung der Krankheit entwickelt sein soll. Der größte Risikofaktor für Alzheimer ist jedoch das zunehmende Alter, das nicht zu beeinflussen ist. Auch eine genetische Veranlagung kann nicht verändert werden. Die wenigsten der Betroffenen erkranken zwischen dem 40. Und 50. Lebensjahr. Erst mit zunehmendem Alter treten die Symptome von Alzheimer auf. Aufgrund des demographischen Wandels erreichen jedoch immer mehr Menschen ein hohes Alter und leiden an den sogenannten Wohlstandskrankheiten, die vor hundert Jahren nicht oder im wesentlich geringerem Ausmaß auftraten. Neben Demenz-Erkrankungen sind hier auch Krebs und Herzleiden zu nennen.

Zahl der Demenzkranken könnte sich bis 2050 verdoppeln
Laut Demenz-Report 2011 des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung leiden bundesweit rund 1,3 Millionen Menschen an Demenz. Bei zwei Drittel von ihnen wurde Alzheimer diagnostiziert. Expertin Prof. Elisabeth Steinhagen-Thiessen von der Berliner Charité weist zudem auf die wachsende Verbreitung von Demenz-Erkrankungen hin. Bis zum Jahr 2050 könnte sich die Zahl der Betroffenen nach Einschätzung von Experten sogar verdoppeln. Darin sind jedoch nicht nur Alzheimer-Erkrankungen sondern auch andere Unterformen der Demenz wie zum Beispiel die vaskuläre Demenz berücksichtigt.

Steinhagen-Thiessen nennt als wesentlichen Einflussfaktor für die Entstehung von Alzheimer Bluthochdruck. Erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes spielen laut Aussage der Expertin ebenfalls eine Rolle.

Kürzlich veröffentlichten Wissenschaftler um Li Liu vom Department of Pathology and Cell Biology am Taub Institute for Alzheimer’s Disease Research der Columbia Universität in New York im Fachmagazin „PloS One“ eine Studie, die nahelegt, dass sich Alzheimer im Gehirn der Betroffenen entlang der anatomischen Netzwerke zwischen Neuronen ausbreitet. Das fehlerhafte Tau-Protein, das für die Alzheimer-Erkrankung verantwortlich gemacht werde, springe dabei von Neuron zu Neuron über. Laut Aussage der Wissenschaftler breitet sich die Alzheimer-Erkrankung ausgehend vom Cortex entorhinalis im Gehirn weiter aus. Würde es den Forschern gelingen, das Überspringen der Tau-Proteine von Neuron zu Neuron einzuschränken oder sogar zu verhindern, könnte dies möglicherweise dazu beitragen, die Verbreitung der neurodegenerativen Erkrankung zu verlangsamen oder aufzuhalten. Dafür müsste eine frühe Diagnose der Erkrankung stattfinden, um die Ausbreitung der Tau-Proteine im Gehirn möglichst früh zu verhindern. (ag)