Soziale Phobie: Wenn Schüchternheit krank macht

Sebastian

Soziale Phobie als Krankheit: Wenn Schüchternheit das Leben bestimmt

27.02.2012

Bis zu zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden laut einer wissenschaftlichen Studie an einer sozialen Phobie. Für die Betroffenen bedeuten die Ängste zum Teil massive Einschränkungen im Alltags- Ausbildungs- und Berufsleben. Die „Sozialphobie“ ist die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter.

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Laut einer Studie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main leiden zwischen fünf und zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland an einer Sozialphobie. Damit sind die sozialen Ängste die am häufigsten auftretende psychische Störung im Jugendalter. Forscher des gemeinsamen Forschungsverbundes Psychotherapie „Sopho.net“ versuchen nun fachübergreifend mit Hilfe einer Therapievergleichsstudie mehr über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten herauszufinden.

Leiden Jugendliche oder junge Erwachsene an starken sozialen Ängsten, so wird diese Erkrankung als Sozialphobie bezeichnet. Die Betroffenen fürchten sich davor, etwas Peinliches oder Beschämendes zu tun oder zu sagen, wenn andere Menschen in ihrer Nähe sind. Aufgrund der fühlbaren Angst und einhergehenden körperlichen Beschwerden vermeiden sie, sich angstbesetzten Situationen zu stellen. Für viele ist es unerträglich, beispielsweise einen Vortrag in der Schule zu halten oder einfach nur ein „lockeres Gespräch“ mit Klassenkameraden zu führen. Daher hat die Krankheit, wenn sie nicht therapiert wird, einen chronischen Charakter und hat manifestierende Auswirkungen auf den Lebensalltag. Kleinere Misserfolge oder Angstattacken bestätigen die Betroffenen in ihrer Vermeidungsstrategie, sie ziehen sich immer mehr zurück.

Körperliche Symptome ausgelöst durch Angst
„Erwachsene oder Jugendliche, die an einer Sozialphobie leiden, empfinden in Angstsituation ausgeprägte körperliche Symptome“, sagt Sozialtherapeutin und Pädagogin Gritli Bertram. Die „Angst vor der Angst“ verstärkt oft die Beschwerden. Während der Attacken zeigen sich sichtbare Beschwerdebilder wie Schwitzen, Herzrasen, Zittern, Schwindel, Derealisation, Depersonalisation, Herzschmerzen, Kopfschmerzen, Durchfall, Würgereiz bis hin zum Erbrechen und innere Unruhe. „Viele verstummen und zeigen sich erstarrt“, sagt Bertram.

Unterschiedliche Auslöser einer sozialen Phobie
Die Auslöser für die Störung können unterschiedlich sein. „Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren. Einer davon ist eine angeborene Verhaltenshemmung.“, erklärt Lena Krebs, Sprecherin des Netzwerks „Sopho.net“ gegenüber der „dpa“. Die Kinder sind bereits in jungen Jahren auffällig schüchtern im Umgang mit anderen Menschen. Werden sie neuen Situationen ausgesetzt, ziehen sie sich zurück. Kommt es zu einer Angstsituation „reagieren sie mit Erstarrung“, sagt Krebs. Ein zweiter Risikofaktor sind traumatisierende Erfahrungen mit anderen Menschen. Solche Traumas erleben die Kinder, wenn sie beispielsweise gehänselt, gedemütigt oder ausgeschlossen werden. „Wir sprechen von einem bio-psycho-sozialen Modell, das heißt, Veranlagung, Psyche und persönliche Erfahrungen spielen zusammen.“

Ab wann eine Sozialphobie eine psychische Störung ist
Zwischen Schüchternheit und klinisch diagnostizierbarer Erkrankung sollte unterschieden werden. Nicht jeder, der sich scheu oder schüchtern zeigt, hat auch gleich eine Sozialphobie. Es kommt darauf an, wie lange das „sich zurückzuziehen“ anhält und wie sehr Betroffene in ihrem Lebensalltag durch ihre Ängste Einschränkungen erleben. Demnach sind „Dauer und Schwere“ entscheidend. Krebs: „Eine Störung liegt vor, wenn die Angst so stark ist, dass sie einen Leidensdruck hervorruft und die Lebensqualität beeinträchtigt und zwar mindestens sechs Monate lang.“ Soziale Phobien werden manchmal nicht rechtzeitig entdeckt oder als psychische Störung wahrgenommen, weil zurückhaltende und schüchterne Kinder als „angepasst und angenehm“ wahrgenommen werden. Leiden Kinder am ADHS-Syndrom stören sie zum Beispiel den Unterricht und fallen durch ihre teilweise lebhafte Ausdrucksweise auf. Das ist bei Sozialphobikern nicht der Fall.

Gravierende Folgen für die Betroffenen
Die Folgen einer sozialen Phobie können aber für die Betroffenen ebenso gravierend sein. Dadurch, dass sich die Kinder meist schon früh zurückziehen, erlernen sie wichtige soziale Kompetenzen nicht. Sie brechen z.B. die Schule ab, machen keine berufliche Ausbildung oder gehen keine engen Bindungen ein. Daraus können sich weitere Erkrankungen wie Depressionen oder andere Angststörungen entwickeln, betont die Expertin. Manche versuchen ihre Ängste mit Alkohol oder Drogen zu besiegen und geraten dann schnell in eine Abhängigkeit. Um so später die Krankheit diagnostiziert und behandelt wird, um so intensiver manifestiert sie sich auch.

Unterschiedliche Therapieformen
Hilfe können Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen Therapieformen erfahren. „Es gibt insgesamt zwei Therapieformen, die von unterschiedlichen Grundannahmen ausgehen.“ Bei der kognitiven Verhaltenstherapie gehen Therapeuten davon aus, dass „fehlerhafte Informationsverarbeitungen“ die Ängste aufrecht erhalten. Wird der Schüler zum Beispiel von den anderen Mitschülern oder Lehrern nicht gehört, könnte der Betroffene davon ausgehen, dass seine Wortbeiträge nicht als interessant gelten und seine Person als solches abgelehnt wird. Demnach meldet er sich im Unterricht noch weniger oder stellt seine Wortmeldungen ganz ein. In der Verhaltenstherapie berichtet der Patient von der erlebten Situation. Im weiteren Verlauf fordert der Therapeut dazu auf, seine Annahme zu überprüfen. Mit Übungen sollen dann korrigierende Erfahrungen gemacht werden, damit die Angst in künftigen Situationen überwunden werden kann.

In der psycho-dynamischen Therapie werden die grundlegenden Ursachen erforscht, welche die Angst auslösen. Dabei gehen die Therapeuten davon aus, „dass die Angst Folge ungelöster Konflikte im Umgang mit Anderen ist“. Die Angst könnte von einem „unbewussten inneren Konflikt zwischen Wunsch und Realität ausgelöst sein“. Während der Therapiezeit wird versucht, diesen Konflikt zu lösen. Beide Therapien können mit Autogenem Training, Muskelentspannung und der Aromatherapie kombiniert werden.

Probanden für Vergleichsstudie gesucht
Die Forschergruppe „Sopho.net“ will nun im Rahmen einer Studie herausfinden, welche Patientengruppe für welche Therapieform am besten geeignet ist. Die Wirksamkeit beider Therapien ist jedoch hinreichend belegt worden. Betroffene können sich an das Forschungsprojekt wenden, um an der Auswertung teilzunehmen. (sb)