Reizdarm

Reizdarmsyndrom (RDS)

Der Reizdarm gehört zu den häufigsten Magen-Darm-Erkrankungen in den westlichen Industrienationen. Man versteht darunter eine funktionelle Darmstörung ohne organische Ursachen.

Wie entsteht ein Reizdarm?

Die genauen Ursachen für das Reizdarmsyndrom (RDS) sind bisher noch nicht geklärt. Bekannt ist, dass die Abläufe im Verdauungstrakt bei den Reizdarm-Patienten erheblich gestört werden, jedoch ohne körperliche Ursache. Die Betroffenen leiden unter einer Dysfunktion zwischen dem ENS (enterisches Nervensystem) und dem ZNS (zentrales Nervensystem). Das bedeutet, dass bei Patienten mit RDS der Darm wesentlich mehr auf Einflüsse wie Stress, Angst oder ähnliches reagiert als bei gesunden Menschen.

Reizdarm: Symptome

Es kommt zu wiederkehrenden, in der Stärke wechselnden Bauchschmerzen, die sowohl stechend als auch krampfartig sein können. Zusätzlich leiden die Betroffenen häufig an Blähungen. Die Stuhlfrequenz ist unterschiedlich. Im Wechsel können Obstipation (Verstopfung) und Diarrhö (Durchfall) auftreten.

Die Patientinnen und Patienten sind oft nach dem Stuhlgang von dem Gefühl der unvollständigen Entleerung geplagt, wobei die Defäkation meist zuerst eine Erleichterung mit sich bringt. Häufig kommt es zu Schleimauflagerungen. Auch laute Darmgeräusche gehören zu der RDS-Symptomatik. Des Weiteren ist festzustellen, dass die Beschwerden meist über die Jahre hinweg zunehmen.

Zu den verdauungsspezifischen Symptomen kommen meist unspezifische Allgemeinsymptome hinzu wie

Das Reizdarmsyndrom ist nicht gefährlich, jedoch beeinträchtigen die Symptome bei vielen Betroffenen erheblich die Lebensqualität. Auch scheint RDS die Stimmung deutlich zu beeinflussen und das Risiko für Depressionen und Angststörungen zu erhöhen.

Auslöser

Als mögliche Auslöser des RDS werden genannt:

  • genetische Disposition,
  • Stress,
  • ein geschwächtes Immunsystem,
  • falsche Ernährungsgewohnheiten,
  • gestörtes Darmmikrobiom (Darmflora),
  • Hormonelle Einflüsse.

Reizdarm – Ursachen

Die genauen Ursachen des Reizdarmsyndroms sind nach heutigem Wissensstand nicht vollständig geklärt. Es wurden jedoch Faktoren entdeckt, die mit der Entstehung in Verbindung stehen:

  • Muskelkontraktionen im Darm: Beim RDS wurden Muskelkontraktionen der Darmwände beobachtet, die länger andauern und stärker sind als gewöhnlich. Diese übermäßigen Kontraktionen können zu Blähungen und Durchfall führen.
  • Nervensystem: Bei einigen Betroffenen wurden Anomalien im Nervensystem festgestellt. Dies führt zu einer schlechteren Koordination von Signalen zwischen Gehirn und Darm. Folglich reagiert der Körper anders auf Veränderungen im Verdauungssystem.
  • Darmentzündungen: Betroffene mit RDS haben mitunter eine erhöhte Anzahl von Immunsystemzellen im Darm. Reaktionen des Immunsystem wirken sich deshalb besonders heftig auf den Darm aus.
  • Infektionen: Schwere Infektionskrankheiten mit Viren oder Bakterien können zu einem Ungleichgewicht in der Darmflora führen. So können sich beispielsweise bestimmte Bakterienarten übermäßig ausbreiten.
  • Gestörtes Darmmikrobiom: Neueste Studien weisen darauf hin, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora bei gesunden Personen von dem Mikrobiom von kranken Personen unterscheidet. Dies könnte auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung von RDS spielen.
Eine Frau liegt im Bett und hält sich eine Wärmflasche an den schmerzenden Bauch.
Eine aktuelle Studie liefert wertvolle Erkenntnisse darüber, warum bei manchen Menschen nach dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel Symptome des Reizdarmsyndroms auftreten. (Bild: jomkwan7/stock.adobe.com)

Ursache Magen-Darm-Infektion

Neue Erkenntnisse zu den Ursachen des Reizdarmsyndroms liefert eine aktuelle Studie der Katholischen Universität Leuven (Belgien). Der Gastroenterologe Professor Guy Boeckxstaens und sein Team konnten einen Mechanismus entschlüsseln, welcher erklärt, warum bei manchen Menschen nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel Verdauungsprobleme in Form eines Reizdarmsyndroms auftreten. Demnach könnte eine vorangegangene Infektion im Magen-Darm-Trakt der Grund für die Beschwerden sein.

Ausgangspunkt der Untersuchung war die Beobachtung, dass Patientinnen und Patienten mit RDS häufig davon berichten, dass ihre Symptome erstmals nach einer Magen-Darm-Infektion auftraten. Aufgrund dessen vermuteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass eine bakterielle Infektion, während sich ein bestimmtes Lebensmittel im Darm befindet, das Immunsystem für dieses Lebensmittel sensibilisieren könnte.

Um diese These zu überprüfen, untersuchten die Forscherinnen und Forscher zunächst Mäuse, denen zuvor gleichzeitig ein Durchfallerreger injiziert sowie ein bestimmtes Lebensmittelallergen (Ovalbumin) gefüttert worden war. Nach Abklingen des Infekts hatten die Tiere das Allergen erneut erhalten.

Es zeigte sich, dass dieses allergische Reaktionen auslöste, und zwar nur in dem Teil des Darms, in welchen zuvor die Erreger eingebracht worden waren. Allgemeine Symptome einer Nahrungsmittelallergie traten hingegen nicht auf, sodass die Vermutung nahe lag, dass die spätere Unverträglichkeit mit dem vorangegangenen Infekt zusammenhing.

Um erkennen zu können, ob bei Menschen mit einem Reizdarm die gleichen Reaktionen auftreten, injizierte das Team 12 RDS-Betroffenen Allergene wie Gluten, Weizen, Soja und Kuhmilch in die Darmwand. Bei allen Probandinnen und Probanden traten anschließend ähnliche lokale Immunreaktionen auf wie bei den Mäusen, bei gesunden Versuchspersonen zeigte sich hingegen keine Reaktion.

Die Ergebnisse der Studie seien Professor Boeckxstaens zufolge von entscheidender Bedeutung und würden zu neuartigen Therapien für RDS-Betroffene führen. Dennoch müssten die Befunde aufgrund der relativ geringe Anzahl an Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern zunächst durch weitere Forschung bestätigt werden.

Diagnose

Der Reizdarm gehört zu den Ausschlussdiagnosen. Das heißt, RDS kann erst diagnostiziert werden, wenn andere organische Krankheiten durch entsprechende Untersuchungen ausgeschlossen wurden. Um die Diagnose zu stellen ist eine ausführliche Anamnese wichtig.

Auf eine körperliche Untersuchung und das Abtasten des Bauches folgte gegebenenfalls eine rektale Untersuchung. Außerdem werden häufig weitere Untersuchungsmethoden wie Ultraschall, Magen- sowie Darmspiegelungen und eventuell Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten eingesetzt, um die Ursachen der gestörten Abläufe im Verdauungstrakt zu ermitteln.

Reizdarm: Was hilft? Vorbeugung und Linderung

Um sich vor dem Reizdarmsyndrom zu schützen oder die Symptome zu lindern, haben sich folgende Maßnahmen bewährt:

  • Psychotherapie: In einer Therapie kann erlernt werden, wie man auf Stress reagiert und wie man am besten damit umgeht. Dies kann eine dauerhafte Reduktion der Symptome bewirken.
  • Entspannungstechniken: Das Erlernen und Anwenden von Entspannungsmethoden wie progressive Muskelrelaxation und autogenes Training kann zum Stressabbau beitragen.
  • Biofeedback: Elektrische Sensoren helfen dabei, Informationen über die Körperfunktionen zu erhalten, um so ein besseres Verständnis für den Körper zu bekommen. So können beispielsweise Schwachstellen oder Auslöser aufgedeckt werden.
  • Achtsamkeitsübungen: Achtsamkeitstraining (MBSR-Kurs) hilft dabei, sich auf den Moment zu konzentrieren und Sorgen sowie Ablenkungen loszulassen.
  • Lebensstiländerungen: Ein gesunder Lebensstil mit ballaststoffreicher Nahrung, viel ungezuckerter Flüssigkeitszufuhr, regelmäßiger Bewegung und ausreichend Schlaf wirkt einem Reizdarm entgegen.

Reizdarm: Behandlung

Bisher besteht keine Standardtherapie zur Behandlung des Reizdarmsyndroms. So werden in der Allopathie (Schulmedizin) Mittel gegen Koliken, Obstipation oder Diarrhö eingesetzt. Teilweise werden auch Psychopharmaka zur Reizdarm-Behandlung verwendet.

Die naturheilkundliche Behandlung kann zwar mitunter langwierig, häufig jedoch erfolgversprechend sein. So wird ein großes Augenmerk auf die Ernährung gerichtet. Oft reagieren Patientinnen beziehungsweise Patienten, die unter einem Reizdarmsyndrom leiden, auf bestimmte Nahrungsmittel mit verstärkten Symptomen. Hier ist ein Tagebuch zu empfehlen, in das die Betroffenen die zugeführten Speisen sowie die daraufhin entstandenen Beschwerden eintragen, um diese Nahrungsmittel dann in Zukunft meiden zu können.

Wichtig ist es, sich Zeit für die Mahlzeiten zu nehmen und diese gründlich zu kauen. Hektik beim Essen verstärkt relativ häufig die Symptomatik. Anis, Fenchel, Kümmel, Koriander und die Pfefferminze werden eingesetzt, um den aufgewühlten Darm zu beruhigen. Die anthroposophische Medizin hält ebenso einige Behandlungsansätze parat, die äußerst hilfreich sind wie zum Beispiel ein Präparat aus verschiedenen Weidenarten, die die Verdauungsorgane in ein Gleichgewicht bringen sollen.

Stress und Ängste, die meist zu der Reizdarmsymptomatik gehören müssen abgebaut werden. Hier helfen Entspannungsmethoden und Massagen. Auch wenn die klassische Homöopathie wissenschaftlich als umstritten gilt, vertrauen einige Patientinnen und Patienten mit Reizdarmsyndrom auf die Wirkung. (vb, sw)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek
Quellen:
  • Mayo Clinic: Irritable bowel syndrome (Abruf: 30.09.2019), mayoclinic.org
  • Berufsverband Deutscher Internisten e.V.: Reizdarm (Abruf: 30.09.2019), internisten-im-netz.de
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Reizdarmsyndrom (Abruf: 30.09.2019), gesundheitsinformation.de
  • Chey, William D.; Kurlander, Jacob; Eswaran, Shanti: Irritable bowel syndrome: a clinical review, in: The Journal of the American Medical Association (JAMA), 313(9): 949-58, März 2015, JAMA
  • Aguilera-Lizarraga, J.; Florens, M.V.; Viola, M.F. et al.: Local immune response to food antigens drives meal-induced abdominal pain, in: Nature (2021), nature

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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