Vorzeitiger Samenerguss – Ursachen und Hilfe

Junges Paar liegt im Bett, Frau hebt Hände fragend, Mann schaut an sich unter der Bettdecke herunter

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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Für Männer ist ein vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox) oftmals ein Desaster. Nicht nur, dass der männliche Stolz häufig stark unter dieser sexuellen Funktionsstörung leidet, es wird auch der Geschlechtsverkehr durch die Störung viel zu früh beendet, was beide Partner um das sinnliche Erleben der Intimitäten bringt. Langfristig kann Ejaculatio praecox so zu einem unerfüllten Sexleben in der Partnerschaft und damit verbundenen Spannungen führen. Für den betroffenen Mann ist der vorzeitige Samenerguss zudem mit einem großen psychischen Leidensdruck verbunden, der das Selbstwertgefühl stark beeinträchtigen kann. Studien zufolge sind zwischen 20 und 40 Prozent aller Männer von dieser Funktionsstörung betroffen, wobei, meist aus falscher Scham heraus, längst nicht alle Patienten den Weg zum Urologen suchen. Doch wie kommt es überhaupt zu einer vorzeitigen Ejakulation und wie kann man ihr entgegentreten? Unser Beitrag zum Thema gibt Aufschluss.

Definition

Für gewöhnlich findet die männliche Ejakulation zum Höhepunkt sexueller Erregung statt, welche sich im Normalfall während des Geschlechtsakts langsam aufbaut. In diesem Zusammenhang ereignet sich der Samenerguss bei einem gesunden Mann durchschnittlich 5,4 Minuten nach dem Eindringen des Penis in die Vagina. Bei Patienten, die an Ejaculatio praecox leiden, erfolgt der Samenerguss jedoch schon wesentlich früher. Nach der aktuellen medizinischen Leitlinie spricht man diesbezüglich von einem vorzeitigen Samenerguss, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

  1. Die Ejakulation erfolgt immer oder fast immer innerhalb einer Minute nach Einführen des männlichen Gliedes in die Scheide.
  2. Der Betroffene ist immer oder fast immer unfähig die Ejakulation nach der vaginalen Penetration hinauszuzögern.
  3. Im Rahmen der Funktionsstörung entstehen gravierende Probleme im Sexualleben des Betroffenen, etwa durch psychischen Leidensdruck oder sexuelle Frustration.
Zwischen 3 und 30 % aller Männer sind von Ejaculatio praecox betroffen, jedoch suchen nur Wenige einen Urologen auf.
(Bild: Prostock-studio/fotolia.com)

Grundsätzlich muss auch zwischen verschiedenen Formen des Beschwerdebildes unterschieden werden, die sich nach der Dauer und dem Entstehungsweg der Funktionsstörung richten. Ein primärer Ejaculatio praecox bezeichnet in diesem Zusammenhang eine lebenslang anhaltende Funktionsstörung, die von Beginn der sexuellen Aktivität im Jugend- oder Erwachsenenalter an besteht und die selbst während der Masturbation nicht kontrolliert werden kann. Ein sekundärer Ejaculatio praecox dagegen beschreibt einen erworbenen vorzeitigen Samenerguss, etwa durch Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane oder psychische Aspekte. Diese Form kann durch Behandlung der Grundbeschwerden ein Ende finden und ist somit häufig zeitlich begrenzt.

Wie entsteht ein vorzeitiger Samenerguss?

Gesteuert wird der Samenerguss vom sogenannten Sexualzentrum des Zentralnervensystems. Dabei handelt es sich allerdings nicht, wie lange Zeit angenommen, um ein bestimmtes eigenständiges Hirnzentrum, sondern um verschiedene Bereiche des Gehirns und des Rückenmarks, die gemeinsam die Sexualfunktion steuern. Ein hochkomplexer Vorgang, der sich wie folgt gestaltet:

Kontraktionsbildung

Über die Stimulation sympathischer Nervenzellen im Lendenbereich des Rückenmarks senden die als Sexualzentrum zusammengefassten Gehirn- und Rückenmarksbereiche Muskelkontraktionen an die Nebenhoden, Samenleiter und die akzessorischen Geschlechtsdrüsen des Mannes aus. Dies geschieht über bestimmte Nervenfasern, welche Kontraktionssignale an die glatte Muskulatur um den Hodenbereich senden. Neben den Nervenfasern im Unterbauchgeflecht (Plexus hypogastricus inferior), einem sympathischen Nervengeflecht, das der Versorgung der Eingeweide und des Beckens dient, ist an der Kontraktionsbildung auch der aus besagtem Geflecht entspringende Unterbauchnerv (Nervus hypogastricus) beteiligt. Er hemmt normalerweise die Entleerung der Harnblase und verhindert somit eine Urininkontinenz. Im Falle der männlichen Ejakulation übernimmt er dagegen rhythmische Kontraktionsfunktionen, die den Spermienfluss unterstützen.

Emission

Die Kontraktionen im Lendenbereich befördern die Spermien nach und nach aus dem Hoden in Richtung Harnröhre. Dort wird das Sperma zunächst mit Drüsensekreten angereichert. Während dieses Vorgangs ist das männliche Glied dauerhaft versteift, was den Spermienfluss erleichtert. Der Ischias- bzw. Gesäßhöhlenmuskel (Musculus ischiocavernosus) ist maßgeblich für die Verstärkung der Erektion (während der Emission) verantwortlich. Im angespannten Zustand übt er eine Kompression auf die Basis des männlichen Schwellkörpers aus, wodurch der Blutdruck im Penis ansteigt und so die Erektion ermöglicht. Für die Kontraktion des Muskels zuständig ist der Schamnerv (Nervus pudendus), welcher in der Beckenhöhle zum Beckenboden hin verläuft.

Expulsion

Der schubweise Ausstoß des Spermas wird durch weitere, reflektorische Muskelkontraktionen zweier Muskelabschnitte hervorgerufen. Dabei handelt es sich um den Harnröhren- und den Schwellkörpermuskel. Während der Harnröhrenmuskel (Musculus urethralis) üblicherweise als Schließmuskel der Harnröhre und damit der Einbehaltung des Harns dient, ist der Schwellkörpermuskel (Musculus bulbospongiosus) in der Harnröhre gezielt für die rhythmischen Kontraktionen während des Orgasmus zuständig. Durch das Zusammenspiel beider Muskeln kommt es zu drei bis zehn willkürlichen Kontraktionsimpulsen, die den schubweisen Spermaausstoß herbeiführen. Versorgt werden Musculus urethralis und Musculus bulbospongiosus dabei abermals vom Schamnerv.

Das hochdifferenzierte Zusammenspiel von Muskeln und Nerven im Vorfeld des Samenergusses macht es nicht schwer zu erahnen, dass es bei nervlichen Beeinträchtigungen sehr leicht zu Ejakulationsstörungen und damit zu einem vorzeitigen Samenerguss kommen kann. Dieser muss nicht, wie früher angenommen, zwangsläufig auf psychischen Ursachen beruhen, auch wenn die Psyche des Mannes gewiss in vielen Fällen eine Rolle spielt. Ebenso sind physische Ursachen, etwa in Form von Nervenschäden oder sonstigen Beeinträchtigungen der Nervenfunktion, als Auslöser denkbar. Hierzu nachstehend ein kleiner Überblick.

Psychische Faktoren

Die Liste möglicher psychischer Ursachen für vorzeitigen Samenerguss ist sehr lang. Häufig geht dem Ejaculatio praecox eine enorme Stressbelastung voraus, wie sie zum Beispiel durch

  • Leistungsdenken,
  • Nervosität,
  • sexuelle Kindheitstraumata,
  • Störungen in der frühkindlichen Sexualerziehung,
  • unrealistische Sexvorstellungen
  • oder Versagensangst entstehen.

All diese psychischen Aspekte setzen Betroffene stark unter Druck, was sich dann physisch in einer überschießenden Ejakulationsreaktion manifestieren kann. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Angst von Jugendlichen, beim Masturbieren erwischt zu werden. Bleibt diese Angst über einen gewissen Zeitraum bestehen, kann sich daraus ein antrainierter Ejaculatio praecox entwickeln.

Je länger die Funktionsstörung aufgrund psychischer Einflüsse anhält, desto mehr können manche der genannten Einflussfaktoren (zum Beispiel Versagensangst oder Leistungsdruck) auch verstärkt werden. Auf diese Weise entsteht ein psychischer Teufelskreis aus mentaler Stressbelastung beim Sex und daraus resultierendem, vorzeitigem Samenerguss. Das Verhalten des Partners kann hierauf ebenfalls starke Auswirkung haben. Reagiert der Partner zum Beispiel vermehrt mit Frust oder Ärger über den Ejaculatio praecox, erhöht dies den psychischen Stress enorm.

Ein vorzeitiger Samenerguss kann auch physische Ursachen wie entzündliche Genitalerkrankungen haben. (Bild: catinsyrup/fotolia.com)

Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane

Bei den physischen Ursachen für einen vorzeitigen Samenerguss seien zunächst entzündliche Genitalerkrankungen erwähnt. Die Entzündung, die mit einer solchen Infektion einhergeht, stellt eine permanente Reizung der sensiblen Nerven und Muskeln in der Harnröhre des Mannes dar, was im Rahmen des Geschlechtsaktes zu übersteigerten Muskelkontraktionen beitragen kann. Typische Entzündungskrankheiten, die hier immer wieder zu einem sekundären Ejaculatio praecox führen, sind

  • Eichelentzündung (Balanitis),
  • Harnröhrenentzündung (Urethritis),
  • Prostataentzündung (Prostatitis).

Ebenfalls denkbar ist eine erektile Dysfunktion als Ursache. Dabei kommt es zu einer verminderten Erektionsfähigkeit des Penis, was mitunter auch zu einem vorzeitigen Abbruch bzw. Samenerguss führen kann. Ebenso kann eine Hypersensibilität der Penishaut, etwa durch ein verkürztes Penisbändchen (Frenelum breve), eine gesteigerte Kontraktionsfähigkeit in der Harnröhre auslösen und damit den Ejaculatio praecox auslösen.

Erkrankungen der Nerven

Eine gestörte Signalleitung der Nerven, die im Zuge des Geschlechtsverkehrs einen vorzeitigen Samenerguss auslöst, kann natürlich auch durch neurologische Erkrankungen zustande kommen. In Frage kommt zum Beispiel eine Nervenerkrankung wie Multiple Sklerose. Die Krankheit führt zu chronisch-entzündlichen Prozessen an den Markscheiden des Zentralnervensystems, was früher oder später neurologische Dysfunktionen verursacht, die auch vor den Harnröhren- und Penisnerven nicht halt machen. Ebenso denkbar sind Spastiken, also Muskelkrämpfe, die das Sperma durch willkürliche Muskelkontraktionen zu schnell in die Harnröhre befördern und damit die Ejakulationszeit verkürzen.

Sonstige Ursachen

Oftmals wird das körpereigene Hormongeschehen beim vorzeitigen Samenerguss unterschätzt. Gerade ein erhöhter Serotoninspiegel kann hier den Ejaculatio praecox enorm begünstigen. Das Hormon ist in hohem Maße an der Entstehung der ejakulativen Muskelprozesse beteiligt. Befindet sich zu viel Serotonin im Körper, kann dies also die Prozessabläufe beschleunigen.

Auch Erkrankungen wie Diabetes mellitus und bestimmte Medikamente, welche die Sympathikustätigkeit beeinflussen (z.B. Opiate und Sympathomimetika), sind als Ursachen nicht auszuschließen. Darüber hinaus vermuten einige Mediziner in Fällen primärer Formen des vorzeitigen Samenergusses mittlerweile auch genetische Faktoren. Demzufolge könnte die Funktionsstörung ein Relikt urzeitlicher Tage sein, in denen eine schnelle Ejakulation für jene Männchen notwendig war, die keine Alpharolle innehatten und sich deshalb allenfalls durch einen raschen, unbemerkten Geschlechtsakt innerhalb der „Herde“ fortpflanzen konnten. In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob es sich beim vorzeitigen Samenerguss nicht eher um eine mangelnde evolutionäre Adaption denn eine Funktionsstörung handelt.

Symptome

Das Kardinalsymptom ist selbstverständlich der vorzeitige Samenerguss an sich, welcher sich ein bis maximal zwei Minuten nach Eindringen des männlichen Glieds in die weibliche Vagina einstellt. In Abhängigkeit von der zugrunde liegenden Ursache kann die Ejakulation zudem von Schmerzen, Krämpfen oder gar Blutungen begleitet sein (z.B. bei Harnröhrenentzündung oder Spasmen). Genannt seien auch die psychischen Begleitbeschwerden im Falle einer anhaltenden Funktionsstörung. Ein besonderer Leidensdruck, der den Selbstwert und auch die partnerschaftliche Harmonie gefährdet, ist für Patienten mit Ejaculatio praecox allgemein üblich. Hinzu kommen mögliche Hemmnisse bei der sozialen Interaktion mit dem weiblichen Geschlecht und damit verbundene Schwierigkeiten, eine Partnerin zu finden. Insgesamt muss bei vorzeitigem Samenerguss mit folgenden Symptomen gerechnet werden:

  • verfrühte Ejakulation,
  • Schmerzen oder Krämpfe beim Samenerguss,
  • Blutbeimengungen im Sperma,
  • geringes Selbstwertgefühl,
  • Versagensangst,
  • partnerschaftliche Spannungen und Konflikte,
  • unerfülltes Sexualleben,
  • soziale Hemmnisse,
  • seelische Belastung bis hin zur Depression.
Im Rahmen eines Patientengespräches fragt der Urologe zunächst bestimmte Punkte ab, um festzustellen, ob eine Ejaculatio praecox vorliegt. (Bild: Khunatorn/fotolia.com)

Diagnose

Es wird betroffenen Männern, die unter vorzeitigem Samenerguss leiden, dringend geraten, die Hilfe eines Urologen in Anspruch zu nehmen. Denn in vielen Fällen lässt sich die Funktionsstörung durch geeignete Maßnahmen gut behandeln, sobald die Ursache gefunden wurde. Für die Untersuchung führt der behandelnde Arzt zunächst eine ausführliche Anamnese durch. Im Rahmen des Patientengespräches werden hier die Kritikpunkte abgefragt, die erfüllt sein müssen, um von einem Ejaculatio praecox sprechen zu können. Es wird also nach der Zeitspanne gefragt, die zwischen der Penetration und der Ejakulation liegt, wie auch nach dem eigenen Kontrollvermögen, die Ejakulation hinauszuzögern, und dem Leidensdruck, der mit dem sexuellen Unvermögen verbunden ist. Darüber hinaus werden mögliche psychische Faktoren erfragt, wie etwa einschneidende sexuelle Erlebnisse in der Kindheit und Jugend des Patienten oder Stressfaktoren wie Leistungsdruck und Versagensangst.

Es ist sehr wichtig, dass betroffene Männer hier ehrlich antworten und dem Arzt einen bestmöglichen Einblick in ihre Einstellung und etwaige sexuelle Traumata geben, mögen diese auf den ersten Blick auch noch so banal sein. Denn oftmals agieren hier unterbewusste Aspekte, deren ursprüngliche Auslöser vom Patienten eventuell längst verdrängt wurden. Ebenso kann eine Befragung des Partners notwendig werden, um in Erfahrung zu bringen, wie sehr der vorzeitige Samenerguss das Privatleben des Betroffenen und dessen Partner/in beeinträchtigt. Alles in Allem sollte sich der Patient und gegebenenfalls auch dessen Partner/in auf die Beantwortung folgender Fragen einstellen:

  • Wie lange dauert es, bis es nach dem Eindringen des Penis zur Ejakulation kommt?
  • Lässt sich die Ejakulation kontrollieren oder nicht?
  • Löst der vorzeitige Samenerguss eine psychische Belastung aus?
  • Wann kam es zum ersten Mal zu einem vorzeitigen Samenerguss?
  • Gab es vor dem Ejaculatio praecox bereits sexuelle Erfahrungen?
  • Ist der vorzeitige Samenerguss belastend für den Partner?
  • Sorgt der vorzeitige Samenerguss für Konflikte innerhalb der Beziehung?
  • Kommt es zur Vermeidung von Sex?

Um mögliche körperliche Ursachen zu ermitteln, erkundigt sich der zuständige Urologe auch nach Begleitbeschwerden wie Schmerzen oder Schwellungen und bestehenden Vorerkrankungen. Je nach Verdacht können dann auch körperliche Untersuchungen und bildgebende Verfahren zur Ursachenfindung herangezogen werden. Bei Entzündungen der Harnröhre, Prostata oder Eichel ist zum Beispiel die Entnahme eines Abstriches denkbar. Bei Diabetes mellitus werden Bluttests und bei Nervenerkrankungen Reflextests durchgeführt.

Therapie

Zur Behandlung eines vorzeitigen Samenergusses gibt es verschiedene Behandlungsansätze. Dabei sind sowohl sexualtherapeutische Maßnahmen und Verhaltenstraining, als auch Hausmittel, Eigeninitiative und Medikamente denkbar. Grundsätzlich hängt das Vorgehen stark von den zugrundeliegenden Ursachen ab. Insgesamt stehen Patienten folgende Optionen offen:

Psychotherapie

Sofern psychische Ursachen vorliegen, werden zuständige Ärzte eine sexual- oder auch paartherapeutische Behandlung anordnen. Im Rahmen einer Gesprächstherapie können hier psychische Belastungen abgebaut, sexuelle Traumata verarbeitet und ein positiver partnerschaftlicher Umgang mit dem Problem gefördert werden. Wichtig ist eine bewusste Auseinandersetzung mit der Beschwerde auf beiden Seiten. Der Partner sollte den Patienten hierbei nicht zusätzlich unter Druck setzen, sofern sich nicht unverzüglich ein Erfolg einstellt. Ermutigung und gutes Zureden sowie der Rückhalt des Partners, dass es keine Erwartungshaltung oder Leistungsansprüche gibt, sind unwahrscheinlich wichtig.

Ergänzend zur Gesprächstherapie kann auch ein gezieltes Verhaltenstraining stattfinden, das dem betroffenen Mann zu mehr Kontrolle über seine Ejakulation verhilft. Bekannt sind hier zum Beispiel die Stopp-Start-Methode sowie die Squeeze-Technik nach Masters und Johnson.

Start-Stopp-Methode:
Der Gynäkologe William Howell Masters und die Psychologin Virginia Eshelman Johnson gelten als Pioniere, die in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erstmals umfassend das menschliche Sexualverhalten studierten. Sie entdeckten auch, dass vor der Ejakulation eine Art Plateauphase herrscht, in der die Erregung zunächst konstant gehalten wird, ehe sie den sogenannten „Point of no Return“ erreicht, an dem die Ejakulation nicht mehr aufgehalten werden kann.

Im Rahmen vorzeitiger Ejakulationen erfanden Masters und Johnson anhand dieser Beobachtungen eine Technik, dank der Männer lernen sollen, durch Atemübungen (tiefes Ein- und Ausatmen zur verbesserten Entspannung der Nerven), Stellungs- und Bewegungswechsel während des Geschlechtsakts die Stimulation so zu reduzieren, dass die Plateauphase länger anhält und es somit erst später zum Point of no Return kommt. Als Ziel wird ein Samenerguss nach ca. 15 bis 20 Minuten gesetzt. Geübt werden sollte so mehrmals pro Woche, denn auch die Häufigkeit und Routine können ein beeinflussender Faktor auf den Zeitpunkt der Ejakulation sein.

Es sei erwähnt, dass diese Maßnahme zumeist nur bei sekundären Formen des vorzeitigen Samenergusses hilft. Primäre und damit chronische Formen reagieren in aller Regel kaum bis gar nicht auf diese Stopp-Start-Technik. Auch bestimmte Nerven- und Muskelerkrankungen sprechen nur bedingt auf derartige Techniken an. Hier muss oftmals mit Medikamenten oder anderen Behandlungsmaßnahmen gearbeitet werden.

Squeeze-Technik:
Auch diese Technik wurde von William Masters und Virginia Johnson entwickelt. Das Wort squeeze entstammt dem Englischen und bedeutet „drücken“ oder „quetschen“. Demzufolge sollen durch gezieltes Pressen oder Drücken bestimmter Penisbereiche (z.B. Schaft oder Eichel) die dort befindlichen Muskelkontraktionen soweit beruhigt werden, dass sich der Ejakulationsreflex verzögert oder gar vollständig unterbrochen wird. Abermals eine Technik, die leider häufig nur bei sekundärem Ejaculatio praecox hilfreich, hier aber auf jeden Fall einen Versuch wert ist.

Hausmittel

Auch ein Training der Beckenmuskulatur durch gezielte Beckenbodenübungen kann bei Ejaculatio praecox hilfreich sein. Mit der Stärkung der Beckenmuskeln tritt nämlich auch eine erhöhte Kontrollfähigkeit eben jener Muskelabschnitte ein, was eine verbesserte Steuerung des Ejakulationsprozesses erlaubt. Eine neuere Studie deutet ferner darauf hin, dass körperliche Betätigung generell das Risiko eines vorzeitigen Samenergusses senken kann. Forscher kamen nämlich zu dem Ergebnis, dass weniger Sport treibende Männer im Durchschnitt wesentlich öfter an Ejaculatio praecox litten als körperlich aktive Männer. Abermals dürfte hier eine durch gezieltes Muskeltraining erhöhte Kontrollfähigkeit der für die Ejakulation zuständigen Muskelpartien der Grund sein.

Ein weiteres Hausmittel ist es, vor dem eigentlichen Geschlechtsakt zu masturbieren. Durch die erstmalige Ejakulation verzögert sich nämlich erfahrungsgemäß die wiederholte Erregungsfähigkeit des Penis, was ein längeres Durchhaltevermögen ermöglicht.

Ebenfalls immer wieder empfohlen wird, während des Geschlechtsverkehrs bewusst an etwas völlig unerotisches zu denken, um die Erregung zu drosseln und so den Samenerguss hinauszuzögern. Grundsätzlich ist es wichtig, dass Betroffene sich selbst während des Geschlechtsakts auf keinen Fall psychisch unter Druck setzen. Die so entstehende Anspannung und Nervosität begünstigen einen vorzeitigen Samenerguss enorm, weshalb es sinnvoll ist, bewusste Entspannungsübungen etwa in Form von Yoga, Klangtherapie oder Meditation aufzunehmen.

Medikamente

Medikamentös werden bei vorzeitigem Samenerguss vor allem Wirkstoffe aus dem Bereich der lokalen Betäubungsmittel (Lokalanästhetika) angewandt. Hierzu zählen zum Beispiel Gels, Salben und Sprays mit Inhaltsstoffen wie Benzocain, Dapoxetin, Lidocain oder Prilocain. Sie werden etwa 20 bis 30 Minuten vor dem Geschlechtsverkehr auf den Penis aufgetragen und sollen dann die Ejakulation durch Reduzierung der Peniserregbarkeit hinauszögern. Inzwischen gibt es auch spezielle Kondome, die mit entsprechenden Wirkstoffen versehen sind.

Im Falle eines erhöhten Serotoninspiegels kann auch mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) gearbeitet werden. Sie hemmen namensgemäß die Ausschüttung von Serotonin und verlangsamen damit das Ejakulationsgeschehen. Klassische Wirkstoffe sind diesbezüglich Citalopram, Fluoxetin, Paroxetin und Sertalin.

Gelegentlich greift man in der medikamentösen Behandlung auch auf andere Arzneimittel zurück, die eine Hemmung der Ejakulationsfähigkeit als ausgewiesene Nebenwirkungen aufführen. Dazu gehören unter anderem trizyklische Antidepressiva (z.B. Clomipramin), Alpha- und Betablocker. Es sei aber darauf hingewiesen, dass derart starke Medikamente verschreibungspflichtig sind und nur nach ausdrücklicher ärztlicher Verordnung zur Behandlung angewendet werden dürfen. Denn neben einer herabgesetzten Ejakulationsfunktion bergen die Medikamente auch das Risiko weiterer Nebenwirkungen wie Orgasmus- oder Erektionsstörungen, komplettem Libidoverlust oder genitaler Taubheit, was das Sexualleben des Patienten nur weiter beeinträchtigen könnte.

Je nach zugrundeliegender Krankheitsursache sind weitere Medikamente denkbar. Bei Eichel-, Harnröhren- oder Prostataentzündungen gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, mit entzündungshemmenden Präparaten und Antibiotika die Entzündungskrankheit und so auch die damit verbundene Ejakulationsstörung zu behandeln. Erkrankungen wie Diabetes mellitus erfordern die Einnahme von Insulin, wobei hier nicht garantiert ist, dass auch der vorzeitige Samenerguss mitbehandelbar ist. Denn bei Diabetes handelt es sich bekanntlich um eine lebenslange Erkrankung, die bislang nicht vollständig heilbar ist. Selbes gilt für Multiple Sklerose und chronische Formen der erektilen Dysfunktion.

Heilkräuter

Wenn es um Kräuter zur Verbesserung des Sexuallebens geht, ist häufig von Aphrodisiaka die Rede. Diese stimulieren die Libido und verhelfen zu einer besseren Erektionsfähigkeit. Bei vorzeitigem Samenerguss sind allerdings eher Kräuter vonnöten, die das genaue Gegenteil bewirken und die Erregung zügeln. Die Rede ist von sogenannten Anaphrodisiaka. Zu finden gibt es derartige Kräuter eigentlich zu Hauf. Einige davon, wie etwa der Baldrian, werden standardmäßig als Beruhigungsmittel eingesetzt. Andere Anaphrodisiaka, wie der Mönchspfeffer, erhielten ihren Namen nicht von ungefähr, wurde die Pflanze im Mittelalter doch traditionell von Mönchen und anderen Geistlichen verwendet, um ihre sexuelle Erregung im Zaum zu halten, während sie sich dem Zölibat verschrieben. Alles in Allem sind bei Ejaculatio praecox folgende Anaphrodisiaka zu empfehlen.

Die Kräuter können zum Beispiel als beruhigender Tee zubereitet oder als Zusatz für ein meditatives Sitzbad gebraucht werden.

Kräuter wie z.B. Baldrian, Dill und Enzian sind empfehlenswerte Anaphrodisiaka, die Männern dabei helfen können, ihr sexuelles Verlangen herabzusetzen. (Bild: Robert Przybysz/fotolia.com)

Operation

Chirurgische Eingriffe bei vorzeitiger Ejakulation sind hierzulande noch stark experimenteller Natur. In anderen Ländern, so zum Beispiel in Südkorea, gehört die sogenannte Selektive Dorsale Neurektomie (SDN) dagegen längst zum Standardrepertoire der Behandlungsoptionen. Dabei werden gezielt Nervenstränge durchtrennt, die zu einer übersteigerten Erregbarkeit führen und so die Ejaculatio praecox langfristig beheben.

Ebenfalls notwendig könnten Operationen bei vorzeitigem Samenerguss sein, wenn ein verkürztes Vorhautbändchen vorliegt. Unter Lokalanästhesie kann das Bändchen hier mit einem kleinen Schnitt unkompliziert durchtrennt werden, was in vielen Fällen die ejakulative Funktionsstörung beendet. Es sollte allerdings sichergestellt sein, dass die Operation nur von professionellen Chirurgen bzw. Chirurginnen durchgeführt wird, da Fehler bei der Behandlung zu bleibendem Empfindungsverlust an der Eichel führen können. (ma)

Miriam Adam
Quellen:
  • Kostas Hatzimouratidis et al.: Guidelines on male sexual dysfunction: erectile dysfunction and premature ejaculation, European urology, (Abruf 24.06.2019), European urology
  • Peer Briken, Michael Berner: Praxisbuch Sexuelle Störungen: Sexuelle Gesundheit, Sexualmedizin, Psychotherapie sexueller Störungen, Thieme Verlag, 1. Auflage, 2013
  • Ahmed Hamed et al.: Prevalence of premature ejaculation and its impact on the quality of life: Results from a sample of Egyptian patients, Andrologia, (Abruf 24.06.2019), Wiley
  • Christopher Myers, Moira Smith: Pelvic floor muscle training improves erectile dysfunction and premature ejaculation: a systematic review, Physiotherapy, (Abruf 24.06.2019), Physiotherapy
  • Mohammed Abu El-Hamd, Ramadan Saleh, Ahmad Majzoub: Premature ejaculation: an update on definition and pathophysiology, Asian Journal of Andrology, (Abruf 24.06.2019), Andrology