Phasenweise Krise bedeutet noch kein Burnout

Sebastian

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde: Phasenweise Krise muss nicht auf ein Burnout hinweisen

12.03.2012

Abgeschlagenheit und Erschöpfung am Wochenende sind nicht gleichzusetzen mit einer psychischen Erkrankung wie Burnout oder Depressionen. Hält der Zustand allerdings länger an oder wird zum dauerhaften Zustand, sollten sich Betroffene in fachärztliche oder therapeutische Behandlung begeben. Zuvor müsse der Hausarzt körperliche Erkrankungen ausschließen.

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Beinahe täglich berichtet die Medienlandschaft über öffentliche Bekenntnisse von Schauspielern, Politikern oder Sportlern. Die Debatte um das Erschöpfungssyndrom Burnout hat viele Menschen dazu ermutigt, zu den eigenen psychischen Leiden zu stehen. „Die Debatte hat psychisch Erkrankte aus der Stigmatisierung geholt“, lobt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Gleichzeitig warnen die Experten allerdings vor vorschnellen Diagnosen und Irrtümern. Es bestehe die Gefahr, dass das Gefühl Burnout zur „Modediagnose“ wird.

Fernsehkoch Tim Mälzer oder Ralf Rangnick, Ex-Trainer von Schlake 04: Die öffentlichen Statements von zum Thema Burnout erleichtert vielen Menschen über ihre psychischen Leiden zu sprechen, wie es im aktuellen Positionspapier der DGPPN heißt. Allein aufgrund der Diagnose Burnout waren Arbeitnehmer im Jahre 2010 rund 53 Millionen Tage krankgeschrieben. Im Vergleich zum Jahre 1995 sind die Krankentage aufgrund des Erschöpfungssyndroms um 80 Prozent angestiegen.

Burnout mit schweren Folgeerscheinungen
Wer über Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Unlust und Erschöpfung klagt und der Zustand nicht nur eine vorübergehende Episode ist, sollte sich umgehend ärztlich beraten lassen. Das ständige Erschöpft-sein kann schwerwiegende psychische Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen oder Süchte provozieren, wie Prof. Dr. Wolfgang Maier in Berlin berichtete. Auch körperliche Beschwerden wie chronische Schmerzen, Ohrensausen, Herzrasen, Bluthochdruck oder wiederkehrende Infekte können Ausdruck eines Burnouts sein. Ein längerer Erschöpfungszustand kann daneben auch ein frühes Warnzeichen für Psychosen oder Tumore sein, warnt er Experte. Bevor Therapien in Angriff genommen werden, sollte der Hausarzt der erste Ansprechpartner sein. Wurde kein organischer Befund gestellt, wird der Arzt eine Überweisung für einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder an einen Psychotherapeuten ausstellen.

Warnung vor vorschnellen Diagnosen
Eindringlich warnt die Fachgesellschaft in ihrem vorlegten Papier davor, alle Formen von psychischen Beeinträchtigungen oder Krisen als Burnout anzusehen. Die Diagnose sei dann undifferenziert und stimme nicht mit dem international geltenden Klassifikationssystem psychischer Erkrankungen (ICD 10, F-Gruppe) überein. Wer sich demnach in einer Zeitphase „nur überlastet“ fühlt, leidet noch lange nicht an einer manifestierten Krankheit. Das Burnout-Syndrom liegt demnach nicht vor, wenn Menschen an Stress, innerer Anspannung, kurzzeitigen Schlafstörungen oder einem phasenweisen Gefühl von Erschöpfung leiden. Ein freies Wochenende oder ein Kurzurlaub mit Abstand zur Arbeit oder Privatleben reiche meistens aus, um sich zu entspannen. In aller Deutlichkeit warnen die Fachärzte vor einer Gleichsetzung von Burnout und Depressionen. Fehldiagnosen könnten für Patienten zu einer Über- oder Unterversorgung führen.

Burnout entwickelt sich zum gesamtgesellschaftlichen Problem
„Arbeitgeber und Gewerkschaften sind in der Pflicht Überforderungen am Arbeitsplatz abzubauen“, denn die gesellschaftlichen Folgen von Krankschreibungen und frühen Verrentungen durch psychische Krankheiten können vom Gesundheitssystem kaum mehr aufgefangen werden. „Ein solcher Trend muss gestoppt werden“ appellierte ebenfalls die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in einem Grußwort an die Fachgesellschaft. (sb)