Gelber Enzian – Inhaltsstoffe, Wirkung und Anwendung

Gelber Enzian enthält mit Amarogentin den bittersten Stoff der Natur. Gerade dieser fördert die Verdauung, hilft aber auch bei der Wundheilung und gegen Infektionen. Die seltene Gebirgsstaude findet sich in Kräuterlikören, als Tropfen oder Tee und lässt sich gut mit Wermut und Löwenzahn kombinieren.

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Gentiana lutea
  • Volksnamen: Bitterwurzel, (Berg-)Fieberwurzel, Hochwurzel, Edler Enzian, Gemeiner Enzian, Gelbsuchtwurzen, Butterwurz, Sauwurz, Zinzalwurz, Darmwurzen, Halunkenwurz, Jänzene
  • Familie: Enziangewächse (Gentianaceae)
  • Verbreitung: Gebirge Europas und der Türkei
  • Verwendete Pflanzenteile: Wurzel
  • Anwendungsgebiete:
Blüte eines gelben Enzians vor blauem Himmel.
Der Gelbe Enzian wird bis zu 1,50 Meter hoch und blüht von Juni bis August. (Bild: Hans und Christa Ede/stock.adobe.com)

Inhaltsstoffe

Die medizinischen Stoffe stecken vor allem in der Wurzel. Der Volksname „Bitterwurzel“ sagt es: Enzian ist ein Amarum, seine Wirkung basiert vor allem auf Bitterstoffen. Der in der Wurzel enthaltene Stoff Amarogentin hat einen Bitterwert von etwa 58.000.000, was zu einem Bitterwert der Wurzel von mindestens 10.000 führt. Verdünnten wir also einen Liter Amarum mit 10.000 Litern Wasser, nähmen wir immer noch einen bitteren Geschmack wahr. Das macht den Gelben Enzian zur bittersten heimischen Arzneipflanze.

Er enthält bis zu vier Prozent Bitterstoffe, überwiegend Gentiopikrosid (zwei bis drei Prozent) und 0,05 Prozent Amarogentin. Weitere bioaktive Stoffe sind Phytosterine, Xanthonderivate, diverse Zuckerarten – darunter die Gentianose, die etwas bitter schmeckt, obwohl sie ein Zucker ist und Polysaccharide wie Inulin. Xanthone färben die Pflanze gelb.

Gentiana – Weiß wird Gelb

Die frisch aus der Erde gezogenen Wurzeln und Rhizome haben eine weiße Farbe und lassen sich kaum riechen. Wenn sie jedoch an der Luft getrocknet werden, verfärben sie sich gelb und verströmen einen scharfen, unangenehmen Geruch. Ihr Geschmack ist erst süß, wird dann aber extrem bitter.

Wirkungen

Gelber Enzian

  • regt den Appetit und die Verdauung an,
  • gleicht das Immunsystem aus,
  • senkt Fieber,
  • hilft gegen Rheuma und Arthritis,
  • hemmt Entzündungen,
  • fördert die Durchblutung der Schleimhäute
  • und wirkt insgesamt kräftigend.

Magen-Darm-Beschwerden

Die Bitterstoffe wirken vor allem gegen Verdauungsprobleme, da sie die Magensäfte anregen. Genauer gesagt: Sie reizen die Geschmacksnerven der Zunge und dies führt zum vermehrten Bilden von Speichel und Magensäure. Durch den Reiz schütten Magenzellen zudem verstärkt das Verdauungshormon Gastrin aus. Dies regt ebenfalls die Ausschüttung von Magensäften an und stimuliert die Produktion von Gallenflüssigkeit. So steigt der Appetit, und die Verdauung kommt in Fahrt.

Enzian wirkt folglich gegen

Getrocknete Wurzeln des Gelben Enzians vor weißem Hintergrund.
Enzianwurzel enthält reichlich Bitterstoffe und kann daher unter anderem bei Verdauungsproblemen und Appetitlosigkeit helfen. (Bild: Dejan/stock.adobe.com)

Atemwege und Blutgefäße

Gelber Enzian wirkt auch auf die Atemorgane und die Blutgefäße. So finden sich Rezeptorproteine für Bitterstoffe auch auf den Zellen der Oberhaut. Deren Ausreifen wird durch Bitterstoffe verbessert. Traditionell werden die Wurzeln auch für die Wundheilung eingesetzt – und die Rezeption der Bitterstoffe lässt solche Anwendungen plausibel erscheinen.

Bitterstoff-Rezeptoren sind durch Studien heute auch in den oberen Atemwegen nachgewiesen, ebenso im Enddarm. Enzianwurzel sorgt hier dafür, dass sich die Gefäße erweitern und bietet ein mögliches Potenzial für neue Asthma-Behandlungen.

In Laborversuchen zeigte sich, dass die enzhaltenen bioaktiven Stoffe zähen Schleim aus den Atemwegen lösen. Deswegen lassen sich Wurzelextrakte auch gegen Bronchitis, Nasennebenhöhlenentzündung, grippale Infekte, Husten mit festsitzendem Schleim und ähnlichen Entzündungen in Nase, Rachen und Bronchien einsetzen.

Zellen – Reparatur und Wundheilung

Das Isogentisin im Enzianextrakt zeigte sich in Versuchen als Schutz der Endothelzellen von Blutgefäßen, die Zigarettenrauch ausgesetzt waren. Isogentisin aktiviert die Reparaturfunktion der Zellen selbst. Die Wurzel regt die Zellteilung an und stimuliert die Produktion von kollagenen Bindegewebsfasern. Damit stärkt sie die Wundheilung.

Hautpflege

Amarogentin und andere Bitterstoffe lösen einen Calcium-Einstrom in die Zellen der Oberhaut aus, der seinerseits dazu führt, dass sich Lipide und Proteine bilden und die Hautbarriere gestärkt wird.

Pathogene Bakterien

Die Wundheilung fördert Enzianextrakt zusätzlich durch antibakterielle Wirkungen. So hemmen die bioaktiven Stoffe Isogentisin, Gentiopikrin und Mangiferin das Wachstum gram-positiver und gram-negativer Bakterien.

Enzianwurzel für Arzneien

Arzneiliche Anwendungen nutzen den bis zu einem Meter langen Wurzelstock des Gelben Enzians. Die Wurzel wird getrocknet und im Anschluss zerkleinert, dann in Tees und Extrakten eingesetzt oder mit Alkohol zu Tinkturen, Likören und Schnäpsen verarbeitet.

Enzianblau oder Enziangelb?

Blau, blau, blau blüht nicht jeder Enzian. Der in der Medizin verwendete Gentiana lutea blüht zwar ebenfalls in den Alpen, aber in gelber Farbe. Da seine Wurzel, die die bioaktiv wirksamen Stoffe enthält, viel größer ist als die des blauen Verwandten, nutzt die Medizin in Deutschland ausschließlich den Gelben Enzian.

Produkte

In der Apotheke wird Gelber Enzian angeboten als Extrakt, Tee oder Tropfen. Häufig findet er sich in Kombination mit anderen Bitterpflanzen wie Wermut, Tausendgüldenkraut, Löwenzahn oder Benediktenkraut. Entsprechende Produkte sollten Sie mindestens 30 Minuten vor dem nächsten Essen einnehmen, damit sie die Verdauung anregen.

Zwei kleine Gläser mit Schnaps und einige getrocknete Enzianwurzeln auf
Enzianschnaps hat einen festen Platz in der alpinen Heilkunde und gilt als bewährtes Hausmittel gegen Verdauungsbeschwerden. (Bild: fusolino/stock.adobe.com)

Enzianschnaps

Mit Enzian wird in den Alpen ein Schnaps oder Likör hergestellt, der auch „Enzian“ heißt. Es handelt sich um einen Magenbitter, den die Menschen traditionell vor oder nach dem Essen trinken, besonders, um nach dem Schlemmen schwer bekömmlicher Speisen die Verdauung anzukurbeln. Dieser Alkohol wird ausschließlich aus den Wurzeln von Gentiana lutea hergestellt. Ein früher als „Theriak“ bekannter medizinischer Likör enthielt ebenfalls Enzianwurzel.

Verwechslung – Weißer Germer

Der Weiße Germer ist dem Gelben Enzian recht ähnlich und giftig. Da Gentiana lutea aber aus Gründen des Naturschutzes in Deutschland sowieso nicht gesammelt werden darf, sollten Sie mit einer solchen Verwechslung keine Probleme haben.

Enzianstrauch oder Enzian?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der im Gartenhandel erhältliche Enzianstrauch (Lycianthes rantonnetii) ist nicht mit dem Gelben Enzian oder anderen Arten der Enziane identisch.

Naturheilkunde und Medizingeschichte

Enzian schätzten bereits Ärzte der Antike als Arznei – so empfahl ihn der Arzt und Anatom Galenus als Mittel gegen Gicht. Der Name Gentiana bezieht sich auf den König Genthios von Illyrien (180-168 v. Chr.), welcher das Gewächs als Heilpflanze eingesetzt haben soll.

Der Mediziner und Botaniker Leonhart Fuchs erwähnte die Alpenblume 1543 als Droge gegen Schlangenbisse, Seitenstechen, Knochenbrüche als Folge von Unfällen, tiefe infizierte Wunden sowie innere Verletzungen. Bei tiefen Wunden wurde ein Stück der Wurzel in die Wunde hineingeschoben und sollte dort „reynigen“. Laut Fuchs würde Enzianwurzel Blutgerinnsel ebenso lösen wie Verstopfung.

Er erörtert auch den Nutzen gegen Magen-Darm-Beschwerden. Die heute belegte Wirkung gegen Hautprobleme war Fuchs bekannt: So empfahl er, den Saft der Wurzel auf „allerley ungestalt und befleckung“ aufzutragen.

Sebastian Kneipp, der Erfinder der Kneipp-Therapie, war im 19. Jahrhundert vom Enzian begeistert und sagte, mit Enzian, Wermut und Salbei habe man eine komplette Apotheke.

Ayurveda – Enzian in der indischen Medizin

Enziangewächse sind in der indischen Heiltradition Ayurveda weit verbreitet als Medizinpflanzen. Im Ayurvedischen tragen sie folgende Namen: Girisaanja, Girijaa, Anujaa, Balbhra, Traayamaana und Traayanti.

Vom Aussterben bedroht

Seine medizinischen Wirkungen führten dazu, dass Sammler die Pflanze zur Rarität werden ließen. Gelber Enzian besiedelt kalkreiche Bergregionen in Zentral- wie Südeuropa und Kleinasien. Vor allem finden wir die Staude auf Bergwiesen in Höhen von 750 bis 2500 Metern und in Mooren. In Deutschland steht er heute als bedrohte Pflanze unter Naturschutz und Sammeln sollte unterbleiben. Gentiana lutea wird kultiviert, sodass Sie auf die Wirkung der Bitterstoffe nicht verzichten müssen.

Gelber Enzian auf einer Bergwiese in den Alpen.
Der Gelbe Enzian wächst auf Bergwiesen in den Alpen und den Gebirgen Mittel- und Südeuropas sowie der Türkei. (Bild: Didier San Martin/stock.adobe.com)

Enzianwurzel in pflanzlicher Arznei

Enzianwurzel findet sich im pflanzlichen Arzneimittel „Sinupret extract“, kombiniert mit bioaktiven Stoffen aus Ampfer, Holunder, Eisenkraut und Schlüsselblume. Dieses Phytotherapeutikum wird eingesetzt gegen akute Entzündungen im Nasen-Rachen-Bereich.

Wechselwirkungen

Interaktionen von Enzianwurzel mit anderen medizinischen Mitteln sind nicht hinreichend erforscht. Vermutet werden Wechselwirkungen mit Antidepressiva auf pflanzlicher Basis und mit antifungal wirkenden Phytotherapeutika. Enzianwurzel könnte den Blutzuckerspiegel erhöhen und bioaktiv mit den Komponenten des Blutzuckerhaushalts im Körper reagieren.

Gegenanzeigen

Die Bitterstoffe, die die Produktion der Magensäfte stimulieren, haben eine schädliche Wirkung bei Menschen, die unter Magengeschwüren oder Geschwüren im Zwölffingerdarm leiden. Hier verstärken sie die Symptome. Jede Erkrankung, bei der zunehmende Magensäure Schaden anrichtet, verbietet den Einsatz von Enzian. Das gilt bei einem Verschluss der Gallenwege wie bei einer Magenverkleinerung.

Schwangere und Stillende sollten ebenfalls auf die Pflanze verzichten, da die in der Wurzel enthaltenen Xanthone das Erbgut verändern können.

Nebenwirkungen

Seltene Nebenwirkungen von Enzianprodukten können Kopfschmerzen sowie Magenschmerzen sein, noch seltener kommt es zu Juckreiz oder Herzrasen. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
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Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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