Entsäuerung bei Übersäuerung

Dr. Utz Anhalt
Säuren und Basen stehen im menschlichen Körper in einer Balance von 80 % Basen und 20 % Säuren. Verschiebt sich dieses Gleichgewicht zur Säure hin, nennen wir das Übersäuerung. Eine solche Übersäuerung kostet den Körper erstens viel Energie, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, zweitens führt eine Übersäuerung zu Erkrankungen.

Eine schwache, aber langfristige Übersäuerung hemmt zum Beispiel das Bindegewebe daran, Nährstoffe aufzunehmen, und als Folge leiden wir an Cellulite. Die Nieren werden belastet, und auch Osteoporose, eine Schwäche der Knochen, ist ein ein Risiko. Blut versorgt die Zellen, und es ist basisch.

Übersäuerung

Eine Übersäuerung, medizinisch Azidose, meint eine Übersäuerung des Blutes. Wer sich zu wenig bewegt, unter negativem Stress leidet, sich falsch ernährt und außerdem an Erkrankungen leidet, die die Säurebildung fördern, trägt dazu bei, dass der Körper Laktate anhäuft, die Salze der Milchsäure.

Eine Übersäuerung des Körpers begünstigt die Entstehung von Cellulite. Bild: Photographee.eu - fotolia
Eine Übersäuerung des Körpers begünstigt die Entstehung von Cellulite. Bild: Photographee.eu – fotolia

Eine solche chronische Übersäuerung zeigt sich in schneller Erschöpfung, Appetitlosigkeit, Immunschwäche, Übelkeit und Antriebsarmut. Übersäuerung führt dazu, dass die Knochen entkalken und deshalb leichter brechen, dass das Herz schwächer schlägt und dadurch weniger Blut in den Kreislauf gelangt, dass die Muskeln sich abbauen, dass der Kaliumgehalt des Blutes steigt, und dass Karies sich in den Zähnen ausbreitet.

Wie entsteht die Säure-Basen-Balance

Der Körper wandelt Stoffe der Nahrung in Säuren und Basen um, das zeigt sich am pH-Wert. Für Säuren liegt er zwischen 0 und 7, für Basen zwischen 8 und 14 – bei 7 ist ein Gleichgewicht erreicht. Die unterschiedlichen Organe haben unterschiedliche pH-Werte, das Blut indessen braucht einen konstanten Säure-Basen-Spiegel von 7,4.

Der Körper reguliert die Säuren und Basen effektiv. Er scheidet überschüssige Säure durch die Nieren aus, und wir atmen sie auch aus, nämlich die Kohlensäure. Wenn wir schwitzen, schwitzen wir die Säure mit, und unser Darm befreit uns vom saurem Stuhlgang.

Wenn dem Körper sehr viel Säure zugeführt wird, kann er dies also für kurze Zeit verkraften. Langfristig jedoch wird der Organismus gestört, und Erkrankungen sind die Folge. Dazu gehört die Gicht: Gicht entsteht, weil sich Harnsäure in den Gelenken ablagert, diese entzünden sich daraufhin.

Übersäuerung fördert auch Geschwüre, Harnsteine, und möglicherweise Rheuma wie Immunschwäche.

Säuren- und Basenproduzenten

Säure liefern Zucker und zuckerhaltige Produkte, weißes Mehl, Nudeln, Kaffee, schwarzer Tee, Alkohol, Fleisch, Fisch, Wurstwaren und Fleischbrühe. Basenlieferanten sind hingegen Kartoffeln, Gemüse, unbehandelte Milch, Kräuter, und vor allem Blattsalate, außerdem Trockenfrüchte wie Datteln, Feigen und Rosinen. Wasser, Butter, Walnüsse und kalt gepresste Öle wirken neutral. Wer genügend hiervon isst, kann für eine Entsäuerung sorgen.

Kritische Säurewerte

Unter einem pH-Wert von 7,36 beginnt eine Übersäuerung des Blutes, ab 7,44 sprechen wir hingegen von einer Alkalose, einer zu hohen Menge an Basen.

Eine latente Übersäuerung zeigt sich jedoch nicht im Blut, sondern im übrigen Körpergewebe. Sie äußert sich in Verspannungen, Schmerzen, Sodbrennen, blasser Haut, brüchigen Haaren und Haarausfall, Allergien, Neurodermitis, Akne und Magen-Darm-Problemen.

Eine klassische Diagnose dazu gibt es nicht, da bei einer chronischen Übersäuerung des Organismus der pH-Wert im Blut nicht notwendig sinkt.

Basische Ernährung

Eine basische Ernährung lindert vermutlich die beschriebenen Symptome und hat auch positive Nebenwirkungen, da sie allgemein gesund ist. Generell gilt: Wenig fettarmes Fleisch oder Fisch und viel Gemüse und Obst. 1 kg Gemüse oder Obst gleichen die Säurebildung von 400 g Fleisch, Fisch oder Getreide aus.

Zu Kaffee oder schwarzem Tee sollte immer viel Wasser getrunken werden, zum Frühstück bieten sich außerdem Müsli mit Trockenfrüchten, Obstschorlen und frisches Obst an. Mittags bringen Gemüsesuppen, gekochtes Gemüse und Kräuter die Basen als Hochtouren. Mineralwasser hilft, Säuren auszuscheiden, allerdings ohne Kohlensäure, denn auch die ist eine Säure. Nachmittags und abends arbeitet der Stoffwechsel langsamer, bei Obst und Kohl kann das zu Blähungen führen.

Sonnenweizen hilft beim Entsäuern. Bild: dima_pics - fotolia
Sonnenweizen hilft beim Entsäuern. Bild: dima_pics – fotolia

Übersäuerung und Fast Food

Unsere Fast Food Ernährung führt zu einer täglichen Übersäuerung. Industriell produzierte Lebensmittel enthalten einen viel zu hohen Anteil an meist verstecktem Zucker, egal ob Kindermilchschnitte oder Suppenwürfel. Coca Cola und die meisten anderen Softdrinks bilden Säure in hohem Ausmaß, ebenso Hamburger, Supermarkt-Pizza, Bratwurst oder Schokopudding. Das Essen frisch herzustellen allein hilft bereits, die Säuren zu reduzieren.

Magenübersäuerung

Hyperazidität bezeichnet die Übersäuerung des Magens. Es handelt sich nicht um eine eigene Krankheit, sondern um ein Sympton von verschiedenen Erkrankungen des Magens.

Belegzellen im Magen produzieren Salzsäure. Diese tötet Krankheitskeime ab, die mit der Nahrung in den Magen gelangen. Die Säure sorgt zudem dafür, dass die Verdauungsenzyme die Nahrung aufspalten. Die Zellen reagieren auf Nahrung und schütten die Säure nicht ohne Reiz aus. Der Geruch von Essen, die Ausdehnung des Magens während einer Mahlzeit und Eiweiß stimulieren die Bildung von Magensäure.

Auslöser für eine Magenübersäuerung können sein: Stress, falsche Ernährung, Nikotin, Alkohol, Koffein, Infektionen und Vergiftungen. Eine Magenverstimmung ist ungefährlich und reguliert sich meist von selbst wieder. Anders sieht es aus bei einer Infektion der Magenschleimhaut durch den Erreger Helicobacterium pylori. Die kann nämlich die Schleimhaut schädigen oder Magengeschwüre hervorrufen.

Eine Übersäuerung des Magens äußert sich in Völlegefühl, saurem Aufstoßen, Sodbrennen, Magenschmerzen, Übelkeit und Druckgefühl im Bauch.

So genannte Protonenpumpenhemmer wirken gegen die Übersäuerung und damit verbundene Erkrankungen von Magen und Darm. Zugleich ist es ratsam, die Auslöser einzustellen, also auf Rauchen, Alkohol und fette Speisen weit gehend zu verzichten.

Eine Anamnese, um die Krankengeschichte zu erforschen, ist notwendig, wenn es sich um eine ernsthafte Übersäuerung handelt. Der Arzt fragt den Betroffenen nach seinem Essverhalten, danach, welche Symptome er zeigt und welche Beschwerden er hat. Eine Magenspiegelung und eine Untersuchung der Magenschleimhaut können ebenfalls angebracht sein, um eine Gastritis oder ein Magengeschwür zu erkennen. Ein in den Magen eingeführtes Endoskop gibt Einblick in den Zwölffingerdarm und zeigt, ob ein Zwölffingerdarmgeschwür die Ursache der Beschwerden ist.

Es folgen, wenn nötig, Tests, um das Bakterium Helicobacter pylori zu entdecken, oder eine Langzeitsäuremessung, um zu prüfen, ob eine Refluxkrankheit vorliegt.

Übersäuerung der Muskeln

Muskeln brauchen Energie. Werden sie auf Dauer belastet oder kurzfristig überlastet wie zum Beispiel beim Bodybuilding, können sie übersäuern. Der Betroffene verspürt leichte Schmerzen in den Muskeln, und die Muskeln können, auf lange Sicht, weniger leisten. Eine Übersäuerung der Muskeln ist vergleichsweise harmlos, da sie keine lebenswichtigen Organe betrifft und der Körper die Übersäuerung in der Regel ausgleichen kann.

Die Muskeln beziehen ihre Energie aus unterschiedlichen Quellen: Durch das Verbrennen von Kohlenhydraten und Fetten, durch das Spalten von Adenosintriphosphat und Kreatinphosphat, durch Abbau von Glukose (dabei entsteht Milchsäure).

Der Abbau von Glykose stellt kurzfristig Energie für Höchstleistungen zur Verfügung. Beim Abbau der Glukose aus dem Muskelglykogen entsteht nicht nur das Laktat der Milchsäure, sondern es bilden sich auch freie Protonen, Wasserstoffionen. Diese Protonen verursachen hauptsächlich die Übersäuerung der Muskeln, denn sie verhindern die Aufnahme von Kalzium, das nötig für die ATP-Energie ist. Die Muskelkontraktion leidet, weil die Enzyme blockiert sind.

Ein Muskelkater entsteht durch kleine Risse in den Muskelfasern, und diese Zerstörung der Zellen führt dazu, dass das Laktat ansteigt. Bei Ausdauertraining übersäuern die Muskeln vermutlich nicht wegen einem solchen Anstieg der Milchsäure, sondern durch Kalziummangel.

Der Körper reagiert auf die Übersäuerung sofort. Wenn die Belastung der Muskeln abklingt, fängt er die Azidose auf, zum Beispiel durch Hyperventilation. Der akute Schmerz ebbt ab. Das frei gesetzte Laktat nutzen Herz und Gehirn, um Energie zu gewinnen, und die Muskeln bauen es zu Muskelglykogen um.

Übersäuerung aus der Nahrung

Die Säuren, die der Körper täglich verarbeitet, kommen zumeist nicht aus dem Essen, sondern aus dem Verbrennen von Fetten, Kohlenhydraten und Eiweiß. Der gesunde Körper hat damit kein Problem: Mehr als 20 mal so viele Basenmoleküle wie freie Säuremoleküle dämmen die Säuren ein.

Zu viel säurebildende Nahrungsmittel führen deshalb nicht gleich zu einer Übersäuerung und auch nicht zu Krankheiten.

Wenn der Körper ein Übermaß an Säuren nicht verarbeiten könnte, hätten wir uns evolutionär kaum entwickelt. Menschen zeichnet gerade aus, dass sie sich an verschiedenste Nahrungsquellen anpassten – von der Sahara bis zur Arktis. In vielen dieser Lebensräume besteht und bestand die Nahrung vor allem aus „Säurebildern“.

Wenn wir eiweißreiche Lebensmittel essen wie Eier, Fleisch, Käse und Fisch entstehen Säuren im Körper. Diese scheidet der Körper über den Atem, den Schweiß und den Urin wieder aus. Gemüse und Obst neutralisieren die Säuren. Die Verbraucherzentrale Hessen schrieb: „Die natürlichen Puffersysteme des Körpers, eine ausgewogene Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst, mäßig tierischen Lebensmitteln, viel Trinken sowie Bewegung schützen ausreichend vor Übersäuerung.“

Eine Übersäuerung weist vielmehr auf Störungen des Organismus hin: Wir übersäuern zum Beispiel, wenn die Niere in Mitleidenschaft gezogen ist.

Die Warnung vor einer Übersäuerung des gesunden Körpers durch Nahrung stammt aus dem 19. Jahrhundert, als die Medizin über den Stoffwechsel nur wenig wusste. Allerdings gibt es Risikogruppen: Übergewichtige Kinder haben oft Probleme, die Säure über die Nieren auszuscheiden, und Jugendliche, die viel basenhaltiges Obst und Gemüse essen, profitieren durch stabile Knochen. (Dr. Utz Anhalt)